Auf der Hälfte der Dorheimer Wingert-Fläche weiden Schafe.	FOTOS: PV
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Auf der Hälfte der Dorheimer Wingert-Fläche weiden Schafe. FOTOS: PV

Mehr »Reichtum« dank der Schafe

  • vonHarald Schuchardt
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Vor über 20 Jahren ist der Wingert bei Dorheim erstmals inventarisiert worden. Fünf Jahre lang wurde der Einfluss der Schafbeweidung auf Flora und Fauna wissenschaftlich untersucht. Nun wurde das Programm noch einmal aufgenommen. Die Zwischenbilanz zeigt eine erfreuliche Entwicklung.

Unser Ziel ist es, zu erfahren, was sich inzwischen verändert hat«, sagt Gerd Bauschmann. Er leitet die Untersuchung auf dem Dorheimer Wingert. Konkret geht’s dabei um die Frage, inwiefern sich die Beweidung der Fläche auf Pflanzen- und Tierwelt auswirkt. Hinter dem Projekt stehen die Faunistische Landesarbeitsgemeinschaft Hessen (FLAGH) und »Weidewelt - Verein für naturschutzkonforme Landnutzung durch Beweidung«. Bauschmann hat die Untersuchungen von Anfang an betreut. Zudem ist er Vorsitzender des international tätigen Vereins »Weidewelt«.

Auf dem etwa 20 Hektar große Wingert, einem früheren Weinberg zwischen Dorheim und Schwalheim, wurden Mitte des 19. Jahrhunderts Hochstamm-Obstbäume gepflanzt. Heute ist der »Wingert bei Dorheim« ein ökologisch wertvolles Streuobstgebiet.

Mehr Reviere für Gartenrotschwanz

Noch in den 1970er und 1980er Jahren wurde nicht nur das Obst geerntet und genutzt, sondern auch das Grün im Unterwuchs zu Heu gemacht. Durch die Aufgabe der Viehwirtschaft wurde das Futter nicht mehr benötigt und Parzelle für Parzelle wurde brach. 1988 zogen die ersten Schafe auf dem Wingert ein, um der Verbuschung entgegenzuwirken.

Heute wird etwa die Hälfte des Wingerts beweidet. Von Anfang an wurde der Einfluss der Beweidung auf Flora und Fauna wissenschaftlich begleitet. So werden seit 1988 die Vögel regelmäßig gezählt. 103 Vogelarten konnten nachgewiesen werden, 59 davon als Brutvögel. Seit Einführung der Beweidung ist die Zahl der Gartenrotschwanzreviere von drei auf 14 gestiegen. »Das sind Dichten, die nur in wenigen anderen Gebieten in Hessen erreicht werden«, freut sich der Dorheimer Tierökologe Bauschmann. »Das in anderen Streuobstgebieten praktizierte Mulchen ist der Tod für Insekten und somit auch für den Gartenrotschwanz.«

Auch die Insekten wurden vor 20 Jahren intensiv erforscht. Insgesamt 302 Käferarten, 26 Tag- und 46 Nachtfalterarten, 72 Bienen- und 41 Wespenarten, 17 Ameisen-, 15 Heuschrecken- und 63 Wespenarten wurden damals nachgewiesen. Bauschmann: »Der Wingert ist somit eines der am besten untersuchten Streuobstgebiete Hessens.«

Seit einigen Wochen stehen nun seltsame »Gerätschaften« auf den Viehweiden oder hängen in Bäumen. »Das sind verschiedene Fallentypen, mit denen die Insekten der unterschiedlichen Teillebensräume erfasst werden sollen«, erklärt Bauschmann. Man will herausfinden, was sich inzwischen verändert hat. Zu den Fallen gehören Bodenfallen, die insbesondere dem Fang von Laufkäfern und Ameisen an der Bodenoberfläche dienen. Farbschalen stellen übergroße Blüten dar und locken Blüten besuchende Insekten an. Mit dem »Stammeklektor« werden Insekten nachgewiesen, die den Baumstamm hinauf- und hinablaufen. Und mit »Lufteklektoren« werden Fluginsekten im Kronenbereich gefangen. Dazukommen regelmäßige Transektbegehungen zum Nachweis von Tagfaltern und Heuschrecken. Zudem sind Lichtfänge für Nachfalter geplant.

Hochgerechnet ein Kilo Insekten

Die Untersuchungen laufen noch bis Ende des Jahres, eine erste grobe Sichtung der Nachweise hat aber ergeben, dass in den vergangenen 20 Jahren einige, meist wärmeliebende Arten, wie die Schwarze Holzbiene, verschiedene Schmetterlings- sowie zwei Heuschreckenarten hinzugekommen sind. Als neue Methode ist in diesem Jahr eine »Malaisefalle« im Einsatz, quasi ein Zelt, in das Insekten hineinfliegen und sich dann selbst fangen. »Wir waren sehr gespannt, wie viele Insekten am Wingert vorkommen«, sagt Bauschmann.

Die Zwischenbilanz sieht gut aus: Innerhalb von zweieinhalb Monaten wurde eine Biomasse von 450 Gramm ermittelt. Bauschmann: »Hochgerechnet werden wir in diesem Jahr mit der Malaisefalle auf über ein Kilo Insekten kommen, deutlich mehr als derzeit selbst in Schutzgebieten nachgewiesen wird.« Für Bauschmann tragen die extensive Schafbeweidung, der Verzicht auf den Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden und das Belassen von Totholz auf den Streuobstwiesen zu diesem erfreulichen Ergebnis bei.

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