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Heute ist es als das alte Rathaus bekannt. Der Fachwerkbau wurde von 1570 bis 1576 allerdings als Markthalle errichtet.

SEIT 1542

Markthalle, Schule, Rathaus

  • vonNici Merz
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1866 ist Reichelsheim hessisch geworden. Damals wurde das Haus in der heutigen Bingenheimer Straße 1 zum gemeindlichen Schulhaus umgebaut. Viele Kinder haben dort lesen, schreiben und rechnen gelernt. Doch in dem Gebäude stecken noch mehr Geschichten. Sie erzählen davon, wie über die Jahrhunderte immer wieder Reichelsheimer an diesem Ort zusammengekommen sind.

Manche kamen mit ihren Pferdewagen aus Frankfurt, andere aus Gießen. Dreimal im Jahr bevölkerten Krämer die heutige Bingenheimer Straße. Zum ersten Jahrmarkt, am 24. Juni 1668, notierte der Weilburger Kammerschreiber, kamen 430 Krämer aus 68 Ortschaften. Reichelsheim hatte zu dieser Zeit gerade einmal 400 Einwohner. Doch zum großen Markt kamen die Menschen aus den umliegenden Dörfern und Städten in den Ort geströmt, berichtet Lokalhistoriker Horst Diehl. Mittelpunkt des Markts war das Gebäude, das die Reichelsheimer heute als altes Rathaus kennen. Dabei war es damals noch gar kein Rathaus, erzählt Gerd Wagner. Der Fachwerkbau wurde von 1570 bis 1576 als Markthalle errichtet.

Wagner kennt das Gebäude gut. Als Bürgermeister der Stadt hatte er dort sein Büro. Wagner war bis 2008 Bürgermeister, 2014 wurde das heutige Rathaus eingeweiht. Doch seine Verbindung zu dem Haus reicht bis in die Kindheit zurück. Ein altes Foto erinnert an diese Zeit: Gerd Wagner, damals sechs Jahre alt, schaut in die Kamera. Neben ihm steht ein Schild: »Schulanfang 1950«. Zu dieser Zeit wurden die Kinder in der Bingenheimer Straße 1 unterrichtet - die Klassen 1 bis 4 in einem Raum, die Klassen 5 bis 8 in einem anderen. Wegen des Platzmangels, erzählt Diehl, von morgens bis nachmittags immer im Zwei-Stunden-Takt. »Quasi Wechselunterricht.« Als Pausenhof wurde der Kirchplatz genutzt.

Es gab viele Kinder damals in Reichelsheim. Nach dem Krieg kamen Flüchtlinge und Heimatvertriebene; »die Einwohnerzahl hat sich nahezu verdoppelt. Und dementsprechend gab es bald auch viele Kinder.« Die Schule platzte aus allen Nähten; Provisorien wurden eingerichtet. Zum Beispiel wurde der Saal des »Gasthauses zur Post« zum Unterrichtsraum umfunktioniert, und auch im Lehrerhaus wurde eine Wohnung zum Klassenraum umgebaut. Dort begann für Gerd Wagner die Schulzeit, und dort ist auch sein Einschulungsbild entstanden. In den 50ern hat er in der Bingenheimer Straße 1 lesen, schreiben und rechnen gelernt. Wenn er davon erzählt, schmunzelt er. »Frech waren Kinder seit eh und je. Nur hat einem damals der Lehrer auch mal am Ohr gezogen oder eine Backpfeife gegeben.«

Ein Wannenbad für eine Mark

Einmal, zum Beispiel, ist er als Bub mit seinen Rollschuhen an einem Sonntag die Straße auf und ab gefahren. Die Rollschuhe waren aus Eisen und haben einen Heidenlärm gemacht. »Da bin ich vom Pfarrer abgegriffen und in die Kirche gesetzt worden.«

Erst ein paar Jahre nach Wagners Einschulung bekommt Reichelsheim ein richtiges Schulgebäude mit vier Klassenzimmern in der Florstädter Straße 18. Da in dieser Zeit noch nicht jeder Haushalt eine eigene Dusche oder Badewanne hatte, wurde im Keller der Schule das öffentliche Gemeindebad gebaut. Ein Brausebad, also eine Dusche, kostete 50 Pfennig, wer in der Wanne baden wollte, zahlte eine Mark.

Die alte Schule indes wird zum Rathaus. Bis zum Jahr 2014. Heute hat die Hessische Landjugend ihren Sitz im ersten Stock. Unten, im Erdgeschoss, ist das Standesamt.

Und dann, erzählen Wagner und Diehl schmunzelnd, gibt es da noch eine Anekdote. Die vom fliegenden Christkind, das direkt vor dem alten Rathaus gelandet ist. 1998 war das. Die damalige »Junge Frauengruppe« hatte das Gebäude zum Riesen-Adventskalender umgestaltet - pro Fenster ein Türchen. Am 23. Dezember dann die große Überraschung. Das Christkind schwebte über den Platz. Es war Hans-Richard Hitz, verkleidet und an einem Sicherheitsgurt hängend. Mit einem Kran, der versteckt in einem Hof stand, wurde er hinübergehoben.

Um das Gebäude im Mittelpunkt der Stadt lassen sich nach über vier Jahrhunderten unzählige große und kleine Geschichten erzählen. Ob es die vom großen Reichelsheimer Markt ist. Oder die von den vielen Kindern, die dort in den Schulbänken gesessen und lesen, rechnen und schreiben gelernt haben. Seit Jahrhunderten kommen die Reichelsheimer an diesem Ort zusammen - und erzählen dessen Geschichte immer weiter.

Die Reformation in Reichelsheim brachte hinsichtlich der Bildung einige Änderungen mit sich. So wurde berichtet, dass zu der schon länger bestehenden Knabenschule eine Mädchenschule eingeführt wurde. Bald wurde auch eine über die Grenzen bekannte Lateinschule gegründet. 1866 wurde das Gebäude in der Bingenheimer Straße 1 zur Schule. Mit der Gebietsreform 1972 wird die Schullandschaft zerklüftet. Erst 1986 wird entschieden, dass alle Reichelsheimer Kinder gemeinsam in dieselbe Schule gehen sollen. 1989 wird mit dem Bau der Grundschule im Ried begonnen, die 1992 eingeweiht wird.

Ehrenbürgermeister Gerd Wagner kennt das Gebäude gut: Hier ist es zur Schule gegangen, und auch sein Büro hat er später dort gehabt.

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