Kauft nur im "Supermarkt Natur": Klaus Scheuermann legt Hand an.
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Kauft nur im »Supermarkt Natur«: Klaus Scheuermann legt Hand an.

Apfelgenuss ohne schlechtes Gewissen

Hirzenhain-Merkenfritz (am). Beinahe entsetzt schaut Klaus Scheuermann den Fragenden an. Äpfel aus dem Supermarkt? Es fehlt nicht viel und der 74-Jährige würde sich mit der flachen Hand an die Stirn schlagen. Er spricht von »diesen Äpfeln«, die mit einer Paraffin-Arsenmischung behandelt seien, als handele es sich dabei um pures Gift.

»Die kann man – wenn überhaupt – nur ohne Schale essen. Und die Schale ist doch mit das Beste am Apfel.« Ab und an fahre er zum Bauernmarkt nach Fulda, um Äpfel zu kaufen. Wenngleich man seinem Gesichtsausdruck ansieht, dass dieser skeptische Mensch das Obst auch an diesem Ort nur mit Vorbehalt ersteht. Deshalb ist er Stammbesucher, wenn die Natur- und Vogelschutzgruppe Merkenfritz mal wieder Äpfel, Birnen und Walnüsse versteigert – je nachdem, wie die Ernte auf den gut 160 Bäumen eben ausfällt. Die Naturfreunde pflegen seit vielen Jahren die Bäume, kümmern sich – auch mit den Einnahmen aus der Versteigerung – um den regelmäßigen Schnitt und den Erhalt der Streuobstwiese.

Die Versteigerung beginnt. Cristina Kessler-Hausenblas, Schriftführerin der Natur- und Vogelschützer, preist den ersten Baum an: »Gravensteiner. Sehr schöner Apfel.« Mit drei Euro geht es los. »Hängt ordentlich was dran.« Vier Euro, Vier Euro fünfzig. »Soll das ein Scherz sein? Es geht doch auch um einen guten Zweck«, ruft sie. Der jeweils Höchstbietende darf den ersteigerten Baum selbst abernten. »Es wird sofort gezahlt. Wann Ihr die Äpfel pflückt, ist Eure Sache«, erläutert Kessler-Hausenblas. »Wenn jemand anderes die Äpfel holt, wäre das nicht fair – aber auch nicht zu verhindern.«

Um überhaupt nicht erst in diese Bredouille zu geraten, legt Klaus Scheuermann sogleich Hand an. Jene Gravensteiner, die in Greifhöhe hängen, sind schnell abgenommen, für jene, die höher hängen, schiebt er den Obstpflücker zwischen die Äste. Schließlich legt er die Objekte der Begierde in die bereitgestellte Waschbütt. »Hier hängen unbehandelte Äpfel, so, wie sie die Natur hat wachsen lassen. Selbst wenn einer mal angefault ist, kann man daraus noch Apfelmus machen.« Der pure Genuss sei der Verzehr eines solchen Naturprodukts, wirbt Scheuermann und beißt mit einem solchen Wohlgeschmack in einen rot-gelb leuchtenden Apfel als drehe er einen Werbespot fürs Fernsehen.

Wie die meisten der 25 Menschen, die zur Versteigerung gekommen sind, geht es Scheuermann nicht in erster Linie um den günstigen Erwerb. Qualität und ökologische Gründe werden immer wieder genannt. »Äpfel aus China oder Neuseeland – da greift man sich doch an den Kopf. Ein Wahnsinn für die Ökobilanz. Aber wer kümmert sich schon darum?« Öko-Äpfel? Auch keine Alternative für ihn. »Da erfährt man lediglich, welche Sauereien in der Frucht stecken.«

Weiter geht es um drei Bäume – für sechs Euro. »Sehr günstig«, trommelt Kessler-Hausenblas den Preis auf acht Euro. »Die Qualität, die Vielfalt der Äpfel – die schmecken, und man weiß, woher sie kommen«, nennt eine Frau aus Mittel-Seemen den Grund für die Ersteigerung der Äpfel, die sie teils zu Saft verarbeiten lässt, aber auch zum Essen und zum Backen benutzt. »Außerdem ist man beim Pflücken an der frischen Luft.« Aber, wendet sie bei einem Blick über die Mitbieter ein, »wer macht sich heute noch diese Arbeit?« Auf einen Walnussbaum schielt sie noch, während ihr Mann einen weiteren Apfelbaum im Blick hat. »Nun lass mal gut sein«, sagt sie. Die Arbeit eben.

»Entfremdung vom Produkt«

Zwölf Euro haben an diesem spätsommerlichen Vormittag Margarete Krieg und Siegbert Bogen aus Hirzenhain investiert. »Na ja, ist für einen guten Zweck und mehr oder weniger Hobby«, sagt sie. Zu gut und gerne 300 Litern Saft pressen sie jährlich die selbst gepflückten Früchte. »Da haben wir die Gewissheit, dass wir kein Konzentrat aus China trinken. Wir produzieren den Saft ohne Zusatz von Wasser oder Zucker«, verweist er. 300 Liter – eine Menge zu trinken. »Davon profitieren alle unsere Besucher, Verwandte bis hin zu den Enkeln.«

»Damit das Obst wenigstens wegkommt«, nennt Kessler-Hausenblas einen weiteren Grund für die Versteigerung. Klingt beinahe ein wenig so, als würde ein Qualitätsprodukt wie sauer Bier verschleudert. »Das Konsumverhalten hat sich in den vergangenen 30 Jahren total gewandelt«, bedauert Margarete Krieg. »Eine Entfremdung vom Produkt, wenn sie so wollen«, ergänzt Siegbert Bogen. »Und welcher junge Mensch steht schon am Samstagmorgen um zehn Uhr zum Apfelpflücken auf«, seufzt Scheuermann. Sein Jagdhund, der im Inneren seines Autos geduldig gewartet hat, dürfte jedenfalls dankbar sein über das rege Bemühen von Herrchen. »Auch dem schmecken diese Äpfel prächtig.«

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