Mit der durch Corona bedingten Freizeit hat sich Harry Thyssens Blick auf den heimischen Hof in Florstadt verändert. Der Ort vor der Haustür ist nun sein Lieblingsplatz.		FOTO: LONI SCHUCHARDT
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Mit der durch Corona bedingten Freizeit hat sich Harry Thyssens Blick auf den heimischen Hof in Florstadt verändert. Der Ort vor der Haustür ist nun sein Lieblingsplatz. FOTO: LONI SCHUCHARDT

Im eigenen Hof

Lieblingsplatz: Altbekannt und doch ganz neu

  • vonHarald Schuchardt
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Mit der Corona-Pandemie hat sich für Harry Thyssen beruflich alles verändert. Der Veranstalter hatte plötzlich so viel Zeit, wie er noch nie in seinem Leben hatte, erzählt er.

Seit fünf Jahren lebt Harry Thyssen in Florstadt. Damals ist der Inhaber der Veranstaltungsagentur »Thyssen Entertainment« zu seiner Partnerin May-Britt Winget in deren Haus in der Weitgasse gezogen. Schon immer hat das Paar, das im Mai dieses Jahres geheiratet hat, bei schönem Wetter draußen gesessen. Doch erst durch die Corona-Pandemie wurde es für Harry Thyssen zu seinem Lieblingsplatz. »Wir haben den Bereich umgestaltet, Pflanzen gekauft und einiges sonst noch verändert«, erzählt der 55-Jährige, der durch die Organisation von Veranstaltungen aller Art in der Wetterau bestens bekannt ist. Das alles brach bei ihm »von einem auf den anderen Tag weg, und ich hatte plötzlich so viel Zeit wie noch nie in meinem Leben«, erzählt Thyssen.

So verbrachte er viele Stunden an seinem neuen Lieblingsplatz, um nachzudenken, oft alleine, da seine Frau in einem Seniorenheim im Schichtdienst arbeitet. »Wir alle hatten Glück, dass das Wetter in diesem Sommer so mitgespielt hat«, sagt der Veranstalter, der sein Büro im zweiten Stock des einstigen Bauernhofs eingerichtet hat.

Thyssen erinnert sich noch genau an den Beginn des Lockdowns. Er war - nicht zum ersten Mal - als Betreuer und technischer Leiter einer großen Deutschland-Tournee der Neuen Philharmonie Frankfurt tätig. Diese probte am 12. März ein letztes Mal vor der geplanten Premiere der Tour mit dem Titel »Symphonic Rock«.

»Ja, und dann war einfach Schluss, und es hagelte nur noch Absagen. Von heute auf morgen hatte ich nichts mehr zu tun«, erinnert sich Thyssen, der dennoch nicht aufgab. »Ich war schon immer flexibel und habe mich nie festgelegt«, sagt der Wahl-Florstädter, der als ersten »Corona-Job« das Angebot der Stadt Friedberg annahm und zehn Wochen die Aktion »Friedberg hilft« mitorganisierte.

»Das hat mir und meinem Auszubildenden Merlin Krauch sehr geholfen«, sagt Thyssen, der bereits seit 32 Jahren selbstständig tätig ist. Im Jahre 1989 gründete er mit zwei Mitstreitern das Café Kaktus und war gleichzeitig mit seinem Freund Jochen Mörler als Jongleur aktiv. »Um für uns beide Aufträge zu bekommen, habe ich eine Agentur gegründet«, erinnert sich Thyssen, der nach und nach regionale Bands, die im Kaktus auftraten, betreute und vermittelte.

Es wurde immer mehr, und es gab ganz unterschiedliche Anfragen. So betreute er zehn Jahre als technischer und künstlerischer Leiter das Neujahrs-Varieté der Ovag, produzierte die Show und führte Regie. Er betreute auch die Neue Philharmonie bei deren Auftritten in der Kreisstadt, was dazu führte, dass er inzwischen bei deren Tourneen die technische Leitung innehat. Vor 20 Jahren gründete er seine Agentur »Thyssen Entertainment«, die längst überregional tätig ist.

So war er vier Jahre Marktmeister beim Roncalli-Weihnachtsmarkt auf dem Hamburger Rathausmarkt und organisiert seit zehn Jahren das Neujahrs-Varieté im Offenbacher Capitol. Auch einige Messen hat Thyssen betreut.

Doch die Pandemie hat alles verändert. »Ich habe hier im Hof gesessen, die Pflanzen betrachtet und ganz viel darüber nachgedacht, wie es weitergehen und was man unter den jeweiligen Bedingungen im Kulturbereich machen kann. Ich habe Konzepte entwickelt.«

Das erste Konzept, das er umsetzen konnte, war in Zusammenarbeit mit der Stadt Friedberg »Sommer im Rathauspark«, eine Veranstaltungsreihe mit Musikern, Autoren und Kabarettisten mit dem Auftritt von Vince Ebert vor 200 Besuchern als Höhepunkt.

Neuer Blick auf das Leben

»Man muss jetzt jeden Strohhalm nutzen und nicht einfach rumsitzen und jammern«, sagt Thyssen, der sich sicher ist, dass »wir noch lange mit Corona leben müssen«. Für Thyssen ist Kultur ein fester Bestandteil in jeder Gesellschaft. »Wir müssen jetzt immer schauen, was wir machen können und neue Formen finden.« Eines ist Thyssen bei den vielen Stunden auf der Bank seines neuen Lieblingsplatzes noch klar geworden: »Ich habe gemerkt, wie ich im bisherigen Leben immer unter Druck stand.« Das wird sich bei ihm so nicht mehr wiederholen, da ist er sich sicher.

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