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»Leider viele weiße Flecken«

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Von: Oliver Potengowski

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Helfer aus dem Wetteraukreis im Einsatz im Ahrtal. © Oliver Potengowski

Wetteraukreis (sax). Vier Helferfahrten ins Ahrtal hat der Kreisfeuerwehrverband Wetterau (KFV) in den vergangenen Monaten organisiert. Im Interview berichtet Robert Winkler, Pressesprecher des Verbands, von seinen Eindrücken und der Situation in dem Katastrophengebiet ein halbes Jahr nach der Flut.

Wie entstand die Idee, mit dem KFV Helferfahrten ins Ahrtal zu organisieren?

Angestoßen hat die Hilfsaktion Burghard Emrich aus Bleichenbach. Er ist seit vielen Jahren Führungskraft in der Feuerwehr Ortenberg. Außerdem engagiert er sich im Katastrophenschutz des DRK. Über diese Schiene war er kurz nach der Flutkatastrophe für mehrere Tag im Ahrtal. Als er wieder zurück war, sprach er unseren Kreisverbandsvorsitzenden Lars Henrich an. Er berichtete von dem Leid und der Zerstörung und dass er vor Ort die private Initiative »Helfer Shuttle« kennengelernt habe. Emrich regte an, dass sich der KFV Wetterau dieser Initiative anschließen solle und tageweise einen Bus mit motivierten Helfern ins Ahrtal schickt. Der Vorstand stimmte zu, und am 26. August fuhr der erste Bus mit 35 Freiwilligen unter dem Motto »Helfende Hände Wetterau« ins Ahrtal.

Können Sie Ihre ersten Eindrücke aus dem Katastrophengebiet beschreiben?

Ich war über 40 Jahre lang Feuerwehrmann, aber solch eine Zerstörung wie im Ahrtal konnte ich mir bis dato nicht vorstellen. Unsere erste Fahrt war sechs Wochen nach der Flutkatastrophe. Vom Helfer-Shuttle bekamen wir vier Einsatzstellen in Sinzig, am Ende des Ahrtals kurz vor der Mündung in den Rhein. Eine Einsatzstelle war in einem Wohnheim für geistig behinderte Menschen. Aus Berichten in den Medien wussten wir, dass dort zwölf Bewohner ertrunken waren. Spätestens als wir dort ankamen und die Trauerkränze und die vielen Grablichter sahen, war uns das Ausmaß der Katastrophe mit allem Leid bewusst.

Gab es Situationen, die Sie besonders beeindruckt haben?

Bereits vor der ersten Fahrt nahm ich Kontakt zur Feuerwehr im Ahrtal auf. Der 2. Vorsitzende des KFV Ahrweiler holte mich in Sinzig ab und fuhr mit mir nach Altenahr. Sechs Wochen nach der Flut waren die Straßen zumindest einspurig wieder befahrbar, aber überall lagen große Haufen Schutt und Sperrmüll am Straßenrand. In weiten Teilen lag der Geruch von Heizöl in der Luft, und große Behälter mit abgesaugtem Heizöl und Flutwasser aus den Kellern standen vor den Grundstücken. Ich meinte, dass es in Sinzig schlimm aussah. Das war aber noch gar nichts im Vergleich zu dem, was ich in Altenahr und im Nachbarort Altenburg sah. In der Hauptstraße waren in den Erdgeschossen keine Fenster mehr, teilweise auch im Obergeschoss. Ich sah Baumstümpfe in Fenstern im Obergeschoss stecken. 92 Prozent der Gebäude in Altenburg waren bis weit ins erste Obergeschoss überschwemmt. Sie sind deshalb nicht mehr bewohnbar oder gar zerstört. Was mir die Feuerwehrleute erzählt haben oder was ich in Gesprächen mit Betroffenen erfahren habe, will ich hier nicht im Detail sagen. Dass ein älterer Mann außer seinem kleinen Hund nichts retten konnte, eine Familie mit ansehen musste, wie das Haus mit Oma und Opa auf dem Dach weggespült wurde, ein Mann sich auf einen Baum gerettet hatte, der Baum aber am nächsten Morgen nicht mehr da war oder das Auto einer Mutter mit zwei kleinen Kindern darin von der Flut mitgerissen wurde, sind Bilder, die ich erst einmal verarbeiten musste.

Wie waren die Reaktionen der Teilnehmer auf die Situation, die sie im Ahrtal vorgefunden haben?

Jede und jeder der Helferinnen und Helfer hatte unzählige Bilder der Katastrophe in den Zeitungen und Berichte im Fernsehen gesehen. Alle haben mir bestätigt, dass das kein Vergleich mit der Realität ist und nur zu einem ganz geringen Bruchteil die aktuelle Situation zeigt. Wenn ich morgens im Bus auf der Fahrt zur Einsatzstelle, mittags auf dem Weg zur Verpflegungsstelle oder am Abend auf der Rückfahrt Hinweise zur Flut und zu den Schäden an den Gebäuden gab, kam ich mir manchmal wie ein Reiseleiter vor. Trotzdem konnte man eine Stecknadel fallen hören, weil alle überwältigt von den unvorstellbaren Eindrücken waren.

Welche Resonanz fand der Kreisfeuerwehrverband mit seinem Angebot der Helferfahrten?

Die Resonanz war zu Beginn recht groß. Deswegen nahmen wir an, die Plätze im Bus ohne Probleme besetzen zu können. Das war leider ein Trugschluss. Über die Anmeldungen wissen wir, wo die Helfer wohnen. Wenn ich mir die Karte des Wetteraukreises ansehe, erkenne ich leider viele weiße Flecken. Sehr erfreulich ist, dass viele Mitfahrer keine aktiven Feuerwehrleute sind und sich trotzdem einer Fahrt anschlossen. Das war aber auch von Anfang an so gewollt.

Plant der Kreisfeuerwehrverband für die Zukunft weitere Helferfahrten?

Nach vier Fahrten der Aktion »Helfende Hände Wetterau« ist die Bereitschaft mitzufahren, leider stark rückläufig. Deswegen wird es vorläufig keine Busfahrten mehr geben. Beim letzten Mal haben wir eine Mannschaft der evangelischen Kirchengemeinde Butzbach getroffen. Vielleicht ergibt sich daraus künftig ein gemeinsames Auftreten im Ahrtal. Privat war ich zwischendurch mit einigen Gleichgesinnten schon mehrfach zum Helfen im Ahrtal und werde das auch weiterhin tun.

Wie bewerten Sie die Hilfe der Ehrenamtlichen einschließlich des Kreisfeuerwehrverbands in den vergangenen Monaten?

Mein Fazit: Das Ahrtal wird noch auf viele Monate, vielleicht auf Jahre Hilfe von außen benötigen. Die Organisation des Helfer-Shuttle ist ideal, um Helfer und Hilfesuchende zueinander zu bringen. Bis heute wurden über 96 000 Helfer in das Katastrophengebiet transportiert. Jeder einzelne Helfer trägt dazu bei, Trost, Mut und Zuversicht ins Ahrtal zu bringen. Auf vielen Plakaten steht in großen Buchstaben »DANKE!«. Wer will, kann auf www.spenden-shuttle.de einen Beitrag zum Aufbau leisten. Jeder Cent kommt an.

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Robert Winkler Feuerwehrverbandssprecher © Oliver Potengowski

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