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ZUM NACHDENKEN

Lebenserwartung

  • vonred Redaktion
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Neulich im Konfirmandenunterricht: Wir sind im Pfarrgarten und stehen am Bodenlabyrinth. "Das Labyrinth ist ein uraltes Symbol für den Lebensweg", sage ich. Ein Weg, den man zielstrebig geht, kann plötzlich unerwartete Wendungen machen. Im Labyrinth - wie im richtigen Leben - geht der Weg zum Ziel nicht einfach geradeaus. Manchmal scheint es, als müssten wir viele Umwege machen, bis wir dahin kommen, wo wir hinwollen. Im Leben gehen wir auf Etappenziele zu - wie den Schulabschluss oder die Berufsausbildung. Viele Stationen folgen. Die Konfis sollen den Weg durch das Labyrinth gehen und dabei über eine Frage nachdenken, die sie bewegt. Und das machen sie - gehen stumm und konzentriert durch die Windungen des Labyrinths bis zum Ziel. Ich weiß nicht, worüber sie im Einzelnen nachdenken. Das ist eine persönliche Sache.

Unterwegs auf dem Lebensweg. Die Jugendlichen haben ihr Leben noch vor sich. In Deutschland beträgt die Lebenserwartung für Mädchen circa 83 Jahre, für Jungen circa 78 Jahre. Lebenserwartung - die Summe der zu erwartenden Lebensjahre, so wird dieser Begriff normalerweise verstanden. Könnte man ihn auch anders verstehen? Lebenserwartung - was erwarte ich vom Leben?

Dass es ein glückliches Leben ist? Aber wer hat schon immer nur Glück? Vielleicht besser: Dass ich es lerne, Gutes zu genießen und mit Schwerem umzugehen oder es auszuhalten. Dass ich erkenne, was wichtig ist im Leben. Dass ich mir Ziele stecke und erreiche. Dass mein Leben etwas zählt. Dass es mir gelingt, nicht nur mich, meine Situation, meine Interessen zu sehen, sondern auch Verständnis habe für andere Menschen, für das ganze Leben auf der Erde.

Was ist Ihre "Lebenserwartung"? Diese Frage ist gewiss nicht leicht zu beantworten. Und wahrscheinlich wird die Antwort sich immer wieder verändern, je nach Alter und Lebenssituation. Dennoch ist es eine wichtige Frage.

Den Konfirmanden am Labyrinth sage ich: "Wir wissen: Irgendwann wird unser Lebensweg zu Ende sein. Als Christen glauben wir, dass wir nie verloren gehen können, auch nicht im Tod. Wir gehen einem Ziel entgegen. Und wir glauben, dass Gott uns dort erwartet."

Schweigen. An den Tod denken sie vielleicht noch nicht. Der ist bei ihrer Lebenserwartung viele Jahrzehnte entfernt. Sie starten gerade erst. Und so gibt es eine Ermutigung und eine Aufforderung für den langen Weg, der vor ihnen liegt: "Gott sagt: Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein." (1. Mose 12, 2).

Pfarrerin Ursula Seeger

Ev. Gemeinde Florstadt

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