Horst Dziggel mit seiner heißgeliebten Jukebox. Seine 30 000 Platten musste er vor dem Umzug nach Bad Nauheim aus Platzgründen bis auf 1860 alle verkaufen. FOTO: DOE
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Horst Dziggel mit seiner heißgeliebten Jukebox. Seine 30 000 Platten musste er vor dem Umzug nach Bad Nauheim aus Platzgründen bis auf 1860 alle verkaufen. FOTO: DOE

Ins Leben zurückgekämpft

  • vonHedwig Rohde
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Horst Dziggel hat sich nach einer schweren Hirnblutung vor sechs Jahren mühsam ins Leben zurückgekämpft. Stellvertretend für die 95 Prozent aller Menschen mit Einschränkung, deren Behinderung erst im Lauf der Jahre aufgetreten ist, schildert der 73-Jährige, wie man sich fühlt, wenn das Leben plötzlich völlig anders wird.

Horst Dziggel ist in Berlin geboren und war ab dem elften Lebensjahr erst in Frankfurt und dann im Taunus zu Hause. Er studierte Architektur an der Technischen Hochschule Darmstadt, heiratete seine Frau Angelika, mit der er bis heute glücklich ist, und wurde stolzer Vater einer Tochter. Das Ehepaar richtete sich ein Haus in Steinbach ein und genoss das Leben, unternahm viele Reisen in alle Ecken dieser Erde. Auch die Begeisterung ihres Mannes für Jukeboxes machte Angelika Dziggel sich zu eigen. Nur bei einem streikte sie: Segeln mochte sie nicht, und so war es seine Tochter, inzwischen ausgebildete Ärztin, die Horst Dziggel 2014 zu seinem jährlichen Segeltörn begleitete, in die norwegischen Fjorde.

Auf See erlitt Horst Dziggel eine schwere Hirnblutung, wurde binnen kürzester Zeit von einem Seenotrettungskreuzer aufs Festland gebracht, eine Woche lang in einem norwegischen Krankenhaus versorgt. Nach einer weiteren klinischen Behandlung in Frankfurt und einer mehrmonatigen Reha konnte er wieder sprechen und schlucken, den rechten Arm und das rechte Bein bewegen. "Inzwischen kann er sogar wieder wenige Schritte laufen", berichtet Angelika Dziggel.

Leben von Grund auf verändert

Geblieben sind die Lähmung der linken Körperhälfte und eine Minderung von Konzentrationsfähigkeit, Reaktionsgeschwindigkeit und Ausdauer.

Im Gespräch mit Horst Dziggel bemerkt man zunächst keine Einschränkung, doch: "Wenn Sie jetzt noch eine Stunde bleiben, werde ich müde, muss das Gespräch beenden", gesteht er freimütig ein - und auch, dass es ihm immer noch schwerfällt, über dieses Thema zu sprechen.

Der Verlust der körperlichen und teilweise der kognitiven Leistungsfähigkeit hat sein Leben von Grund auf verändert. "Wir wären gerne in unserem Haus in Steinbach geblieben, haben auch erst versucht, es behindertengerecht umzubauen. Irgendwann haben wir dann erkannt, dass trotz allem mein Mann dort keine Lebensqualität mehr hat", erzählt Angelika Dziggel.

Das Ehepaar schaute sich um und fand eine barrierefrei gebaute Wohnung im Erdgeschoss eines Neubaukomplexes in Bad Nauheim. Es verkaufte das Eigenheim, trennte sich dabei notgedrungen von manchem, für das es künftig keinen Platz mehr haben würde, und zog vor drei Jahren um.

Vom kulturellen Angebot der Kurstadt sind Dziggels ebenso begeistert wie von der medizinischen Versorgung mit zahlreichen Facharztpraxen.

Horst Dziggel ist viel unterwegs, fährt wahlweise im Rollstuhl oder im vierrädrigen Elektromobil, freut sich über die in der Innenstadt vielfach bereits abgesenkten Bürgersteige. Natürlich hat das Ehepaar Verbesserungsvorschläge. Im Pflaster der Altstadtstraßen vermisst es einen plattierten Fahrweg für Rollstühle und Kinderwagen, manche Gebäude wie die Post sind nicht barrierefrei zugänglich, und wenn der Aufzug auf der Ostseite des Bahnhofs wie im vergangenen Jahr monatelang streikt, ist der Weg vom Goldstein in die Stadt und umgekehrt für Horst Dziggel abgeschnitten.

Auch im Haus gibt es kleine Mängel, beispielsweise fehlt es am barrierefreien Zugang vom behindertengerechten Tiefgaragenplatz in die behindertengerechte Wohnung.

Die Inklusionskampagne der Stadt (siehe Info) finden Dziggels gut. "Es ist wichtig, die Menschen für das Thema zu sensibilisieren, denn eine plötzliche Behinderung kann jeden treffen", betont Angelika Dziggel.

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