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Kunstwerke von Format

  • VonHanna von Prosch
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Es ist schon die vierte Ausstellung des Kunstvereins Bad Nauheim seit den Lockerungen und wieder ist es ein Highlight. In »Seelenspiegel« vereinen sich großformatige Bilder des Künstlers Constantin Schroeder mit Plastiken der Holzbildhauerin Sieglinde Gros. Sie arbeiten mit Pinsel und Kettensäge.

Sie sind Künstler von Format: Constantin Schroeder aus Berlin (Jahrgang 1985) und Sieglinde Gros aus Michelbach (Jahrgang 1963). Das betrifft die Größe ihrer Werke, die stattliche Anzahl mit je mehr als 20 Objekten und vor allem die Tiefe der Gedanken, die sie mit Pinsel oder Kettensäge herausgearbeitet haben. Beim Schauen wird man festgehalten vom Eindruck, der das Innere nach außen kehrt. Man sucht, sucht sich selbst und vergleicht mit vertrauten Situationen.

»Geduldsfaden« in der Pandemie

Je weiter man von den Bildern Schroeders weggeht, entdeckt man Details oder Zusammenhänge. Die Schattierungen vom tiefschwarzen, fein strukturierten Hintergrund bis zum kalten weißen Fleck, der »Leerstelle«, sind so differenziert, dass man ihm allein darin eine außerordentliche Malkunst bescheinigen wird. »Mir ist wichtig, dass der Betrachter sein eigenes Bild mitbringt, dass er in die Leerstellen projizieren kann«, betont Schroeder.

Im Gegensatz dazu stehen fast fotografisch genau gezeichnete Gesichtszüge, Freunde, die sich darin wiedererkennen würden. Wie weit kann sich der Mensch mit sich identifizieren und wie sieht er sein Spiegelbild? In Schroeders Werk ist sein Theologie- und Philosophiestudium präsent. Das Nonnengesicht auf dem Körper eines mit christlichen Symbolen behängten Rappers, Titel »chaste - Keuschheit«. Der »Ikarus«, der in der ungewöhnlichen Horizontalen die ganze Last der Welt zu tragen scheint. Was von Köpfen oder Händen herabtropft kann alles sein: Schande, Mühsal, Qual, Angst.

»Es ist nicht das Abbild, es ist das Innenbild, was gespiegelt wird«, erklärt Kuratorin Helga Eiffler-Tillmann inmitten der beim Hängen und Stellen der Werke helfenden Hände und Begutachtung der Künstler. Gerade der »Ikarus« sei ihr tief in die Seele gedrungen. Schroeder liebt die Diskussionen um seine Werke und auch Sieglinde Gros ist für Interpretationen offen. »Der Mensch war schon immer Thema meines Schaffens. Daraus entwickeln sich Fragen wie: In welcher Beziehung steht der Mensch zu sich und nach außen?«, sagt sie.

Schon beim ersten Blick in die Rotunde stellt man eine Spannung fest und tritt in Beziehung zu den wie Bäume schlank und aufrecht stehenden Figuren. Wie ein Fels in der Brandung empfängt die Besucher eine lebensgroße Holzplastik. Elegant wirken ihre Figuren trotz des rauen Schnitts der Kettensäge - aus dem Sockel, gleichsam der Erde kommend zum Himmel strebend. Manche wachsen über sich hinaus, wie der »Sprudel« - Gedankensprudel. Andere assoziieren vielleicht, dass diesem Kopf die Haare zu Berge stehen.

Über einem anderen Kopf windet sich im Kreis der »Geduldsfaden«. Es ist ein 2010 entstandenes Werk, das zeigt, was die Pandemie dem Menschen abverlangt. »Es drängt das Auf-sich-bezogen-sein wieder nach außen«, sagt Gros und verweist auf eine der Gruppen mit dem Titel »Entbindung«. Hier ist die Barriere schon ein wenig geöffnet. Doch in welcher Beziehung stehen die Menschen dahinter? In Bedrängung, Zufall, Verbundenheit?

Auch ihre Reliefs, lebendige Wasserszenen, Wellen, sind nicht begrenzt. Gros’ Köpfe verändern sich bei jeder Bewegung, wie sich der Mensch in der Gruppe verändert oder wenn er alleine steht, abseits, abgewandt. Jede und jeder Sehende der Ausstellung wird sein Bild im Spiegel dieser Kunst finden.

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