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Kunstwerke durchs Fenster

  • vonHarald Schuchardt
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Es darf gespäht und durchs Fenster gelinst werden. Möglich macht das der Kunstverein Friedberg. Dieser wollte eigentlich im November die Ausstellung passages" des US-amerikanischen Künstlers Julian Schnabel in den Räumen des Kunstvereins eröffnen. Der "Lockdown light" hat das verhindert. Seit Mitte letzter Woche ist die Ausstellung nun doch zu sehen. Allerdings etwas anders als ursprünglich geplant.

Wenn der Lockdown vieles verhindert, ist Kreativität gefragt und diese Kreativität legt jetzt der Kunstverein Friedberg an den Tag: Er hat sich für die Ausstellung "passages" mit Werken von Julian Schnabel etwas einfallen lassen: Diese sollte eigentlich am 20. November eröffnet werden. Nun ist die Schau dennoch zu sehen: Durch Fenster und mit viel Licht.

"Es geht uns darum, den Menschen die Ausstellung in einem besonderen und angemessenen Rahmen zu präsentieren", sagt Joachim Albert, der Leiter des Kunstvereins. Unter dem neuen Titel "Julian Schnabel peeking" kann die Ausstellung mit Arbeiten des renommierten US-amerikanischen Künstlers durch die Fenster der Kunstvereinsräume angesehen werden - und dies dazu in einem ganz besonderen Licht.

Das englische Wort "peeking" heißt auf deutsch spähen, und genau das können die Besucher jetzt. Sie "erspähen" durch die Fenster die Werke des 1951 in New York geborenen Schnabel. Mit Einbruch der Dunkelheit schaltet sich - dank einer Zeitschaltuhr - die Lichtinstallation ein.

Bekannter Filmemacher

"Das passt sowohl in die dunkle Jahreszeit, als auch in die Vorweihnachtszeit", meint Albert, der das Lichtkonzept mit Horst Weber, Inhaber von "Eurosound Veranstaltungstechnik" konzipiert hat. "Wir arbeiten mit Horst in diesem Bereich schon seit zehn Jahren sehr erfolgreich zusammen", erläutert Albert.

So präsentieren sich die Arbeiten von Schnabel nun zwar hinter geschlossenen Türen und Fenstern, dafür aber in einem in dieser Form sicher einmaligen Lichtambiente. Schnabel gilt als einer der bedeutendsten amerikanischen Künstler der Gegenwart, der ferner als renommierter Filmemacher mit erfolgreichen Filmen wie "Basquiat" oder "Van Gogh - An der Schwelle zur Ewigkeit" bekannt ist.

Sein figurativer Malstil zeichnet sich durch eine expressive Farbigkeit aus. Dabei greift der Künstler gerne auf experimentelle Techniken und Materialien zurück, wie dem Siebdruckverfahren auf Samtstoff. Die Ausstellung, die in Zusammenarbeit mit der Galerie am Dom in Wetzlar entstand, ist zu einer wundersamen Reise durch das vielschichtige, oftmals von historischen Momenten oder der Liebe zur Poesie geprägten Werk von Schnabel geworden.

So setzt sich die Arbeit "Hungry Birthday" mit dem Mauerfall 1989 in Berlin auseinander. "Die Öffnung der innerdeutschen Grenze ist für Schnabel ein wichtiger Moment in der Geschichte der Freiheit und der Freude", so Albert. Der 4-teilige Bildzyklus "Childhood" ist von Schnabel im neoexpressiven Stil geschaffen worden.

Er widmet sich dem 240. Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeit. In einer Szene ist der Moment der Entwaffnung des britischen Generals Lord Cornwallis festgehalten. Dieser gibt als Zeichen der militärischen Niederlage seinen Degen an George Washington und Comte de Rochambeau.

An der entscheidenden Schlacht waren auch mehr als 5000 deutsche Soldaten beteiligt. Mit dieser Serie weist Schnabel so auch auf die seit über 240 Jahre bestehende Freundschaft zwischen Deutschland und den USA hin, die in der historischen Figur des deutschen Barons von Steuben zum Ausdruck kommt.

Eine weitere Serie, die in der Ausstellung gezeigt wird, besteht aus "Boards" mit Abbildungen vom Kölner Dom, dem Siebengebirge oder einer Ritterburg, die an alte Schulwandtafeln erinnern. Ausgangspunkt sind originale Schulwandbilder aus dem späten 19. Jahrhundert, wie sie ursprünglich für Lehrzwecke bis in die 1950er Jahre hergestellt wurden und an Schulen Verwendung fanden.

Dabei spielt das Gestisch-Expressive in Schnabels Pinselführung eine ebenso entscheidende Rolle wie die Zufälligkeit des Farbabdrucks am Beispiel des Kölner Doms, den ein in Farbe getränktes Tuch auf der Bildoberfläche hinterlassen hat.

Bis Ende Januar soll die Ausstellung in den Kunstvereinsräumen bleiben. Sollte der Lockdown vorher beendet sein, kann die Ausstellung direkt in den Räumen besichtigt werden, dann natürlich ohne die Lichtinstallation. sagt Albert.

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