Shanaka Perera hat durch die Corona-Krise viele Aufträge verloren.
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Shanaka Perera hat durch die Corona-Krise viele Aufträge verloren.

Kreativ durch die Krise

  • vonPetra Ihm-Fahle
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In fast allen Branchen schneidet die Corona-Krise deutlich ein. Ein Beispiel sind die Freiberufler, beispielsweise Künstler und Rechtsanwälte. Wie kommen sie mit der Situation zurecht? In einigen Fällen hilft das Internet - in anderen die Fähigkeit, gelassen zu bleiben.

Hallo, wie geht’s?«, ruft Konstantin Zobel in den Laptop. Vor ihm auf dem Bildschirm erscheint ein Schüler mit Instrument. Denn seit eineinhalb Wochen unterrichtet der Gitarrenlehrer mit eigenem Studio in der Karlstraße 18 den musikalischen Nachwuchs virtuell. Im Gespräch mit dieser Zeitung erzählt Zobel von dem Moment, als die Landesregierung Zusammenkünfte in Musikschulen wegen der Corona-Krise untersagt hat: »Zuerst war ich in Schockstarre.« Dann habe er überlegt, wie er damit umgehen solle.

Womit es ihm ähnlich wie anderen Freiberuflern ging. Mit einigen haben wir gesprochen - mit einem Grafik-Designer aus Bad Nauheim etwa, der namentlich ungenannt bleiben will. »Alle Veranstaltungen meines Großkunden sind abgesagt«, erzählt der Grafiker. Für ihn sei das schwierig, denn er arbeite das Info-Material dafür grafisch auf. »Meine Frau ist Friseurin mit eigenem Salon - sie hat noch mehr Probleme, weil sie Mitarbeiter hat.«

Der Mann denkt, in seinem Job bis zu drei Monate überbrücken zu können, ohne existenziell bedroht zu sein, vor allem wenn staatliche Hilfen kämen. Trotz der momentanen Lage sei er gelassen, seine Frau allerdings mache sich auch Sorgen um ihre Mutter in Brasilien. »Man weiß nicht, was passiert - das ist das Schlimme. Wenn ganz Deutschland insolvent geht, gehen wir alle gemeinsam. Aber wenn du Angst um Angehörige hast, dann kannst du das schwer abfedern.«

Musiker Shanaka Perera berichtet ebenfalls von Aufträgen, die ausgefallen sind: im Hotelbereich, Hochzeiten und andere Events. Er habe noch Schüler im Einzelunterricht gehabt, was allerdings immer weniger geworden sei. »Viele wollen lieber Pause machen«, sagt der Bad Nauheimer. Ab nächste Woche habe er gar keinen Schüler mehr. Finanziell kommt Perera momentan noch zurecht. »Ich habe ein bisschen gespart«, erzählt er. Seine Frau arbeite, habe aber nur eine halbe Stelle. »Ich habe keine Ahnung, wie es weitergeht - ich bin etwas schockiert«, sagt er. Eine Idee sei digitaler Unterricht, beispielsweise über den Online-Dienst Zoom.

Mit Skype hat Gitarrenlehrer Zobel nun die ersten Erfahrungen gemacht. »Fast 100 Prozent meiner Schüler nehmen das Angebot an«, sagt er. Alles laufe nur noch über Skype und Facebook. Anders handhabt es Tillmann Weber, der als Rechtsanwalt die Kontaktaufnahme zu seiner Kanzlei auf Telefon und E-Mail beschränkt hat. Nur wenn es sich nicht vermeiden lasse, komme es zu einem Treffen. »Um vom relativ unsicheren Weg der E-Mail zu kommen, habe ich eine sichere E-Mail-Verbindung auf meiner Homepage eingerichtet: mein verschlüsselter Briefkasten.«

Gehe es seinen Mandanten gut, gehe es auch ihm gut, betont der Fachanwalt für Steuerrecht aus Bad Nauheim. »Doch wenn eine Buchhaltung wegfällt, bricht mein Umsatz auch weg. Was meine Mandanten jetzt erleben, werde ich zeitverzögert in einem oder zwei Monaten haben.« Entwicklungen wie das Online-Portal »BadNauheimLiebe.de« findet Weber sehr ermutigend. Viele Geschäftsleute seien kreativ, fährt er fort, und setzten das Sprichwort »Not macht erfinderisch« um.

So wie Gitarrenlehrer Zobel, der sogar schon kleine Gruppen über Skype unterrichtet. »In den USA macht man das übrigens auch ohne Krise, deutsche Kollegen machen es zum Teil auch«, erzählt er.

Schriftstellerin Jule Heck aus Münzenberg ist ebenfalls aufs Internet ausgewichen. »Auf Youtube biete ich eine virtuelle Lesung an«, erzählt sie. Denn bei Heck fallen viele Lesungen, Buchmessen und Märkte aus. »Das ist ein finanzieller Verlust«, sagt sie. Auf Anmeldegebühren und Hotelkosten blieb sie teilweise sitzen, etwa für die Unterkunft in Leipzig. »Das war bitter, das waren weit über 500 Euro.« Weiterer Punkt: »Ich habe noch sehr viele Außenstände, will momentan aber nicht reklamieren. Ich werde es überleben - ich lebe ja nicht vom Bücherschreiben.«

Heck versucht, das Beste aus der Situation zu machen, daher nutzt sie die Zeit, um an ihrem achten Krimi zu arbeiten. Ähnlich sieht es Zobel: »Ich baue mit jedem Schüler ein Programm von drei bis vier Stücken auf - und dann machen wir später ein Goodbye-Corona-Konzert.«

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