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ZUM NACHDENKEN

Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser

  • vonRedaktion
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Ich erinnere mich an eine Begegnung mit Ahmed vor zwei Jahren. Er ist Kapitän eines kleinen Schiffes, das täglich Touristen an der türkischen Riviera ausfährt. Wir beobachteten meine beiden Kinder, wie sie sich wagemutig vorne in den Bugspriet des Schiffes stellten, gut abgesichert, doch unter ihnen war nur das Wasser. So kamen wir ins Gespräch über Vertrauen.

Wir sahen die Kinder und sprachen darüber, dass es wichtig ist, den Kindern zuzutrauen, die zu werden, die sie bereits sind. Ahmed meinte, das Beste in den Menschen entstehe durch schlichtes Vertrauen.

Ich erzählte ihm von meinem Glauben an Gott. Beim Klang des Muezzins vom Ufer her erzählte er mir von der Schönheit des Gebetes in seinem Glauben. Ahmed ist Muslim. Und obwohl wir uns eben erst kennengelernt hatten, waren wir auf eine eigenartige Weise miteinander verbunden. Beim Aussteigen zeigte er mit dem Finger dorthin, wo er wohnt.

Ich sollte doch bei ihm vorbeikommen, wenn ich wieder in der Gegend sei.

Ich weiß nicht, wie Ahmed über unsere Begegnung sprechen würde, wenn er sich überhaupt noch daran erinnert. Ich spürte jenen Geist universaler Geschwisterlichkeit, der an Pfingsten auf die Menschen in Jerusalem herabkam. Uns beiden war es möglich, die Sprache des je anderen zu sprechen und zu verstehen - auf einer viel tieferen Ebene.

Das fasziniert mich immer wieder neu an der Pfingsterzählung: Der Glaube an Jesus Christus schenkt nicht eine neue Einheitssprache, einen einheitlichen kulturellen Code. Verständigung wird nicht dadurch herbeigeführt, dass wir alle Unterschiede einebnen. Ganz im Gegenteil. Menschen aus den verschiedensten Ländern der Erde hören die Boten Gottes in ihrer je »eigenen Muttersprache« reden. (Apostelgeschichte 2, 1-11) Menschen, die aus dem Geist des Vertrauens leben, machen niemandem mehr Angst. Sie bauen Brücken, indem sie selbst Nachteile in Kauf nehmen. Sie sind und bleiben Lernende, immer offen für Gottes Geist.

Zur Eröffnung des 3. ökumenischen Kirchentages hat Frère Alois den Geist Jesu Christ auf wunderbare Weise beschrieben: »Wo immer ich auch bin, ich kann mich in jedem Augenblick innerlich Christus zuwenden. Der Auferstandene ist immer da. Er schenkt uns seine Liebe. Er bleibt bei uns. Zweifel können auch bleiben. Der Glaube ist nicht so sehr ein Besitz von Gewissheiten. Er ist zuallererst ein Unterwegssein in Hoffnung. Er macht uns offen für andere, hellhöriger für Menschen und Ereignisse in unserer Umgebung und in unserer Welt.«

Pfarrer Johannes Misterek ,

ev. Kirchengemeinde

Bad Vilbel-Dortelweil

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