Derzeit ist sie oft auch Heimbüro und Kita: Als Kommunikationsraum erlebt die Küche momentan eine Hochphase. 	FOTOS: DPA/PV
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Derzeit ist sie oft auch Heimbüro und Kita: Als Kommunikationsraum erlebt die Küche momentan eine Hochphase. FOTOS: DPA/PV

Kommunikationsraum Küche

  • vonHanna von Prosch
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In Zeiten von Homeoffice und Homeschooling ist der Esstisch zum zentralen Treffpunkt des Familienlebens geworden - und mit ihm der ganze Küchenbereich. Kaum ein anderer Raum war im Laufe der Jahrhunderte so großen Veränderungen unterworfen. Eines aber war die Küche fast immer: Kommunikationsmittelpunkt, weiß der Bad Nauheimer Architekt Marco Stengl.

Die Küche meiner Kindheit in den Achtzigern war ein offener Raum zwischen Wohnzimmer und Essbereich«, erzählt WZ-Leserin Verena Sommer. »Hier hatten wir mit allen Kontakt, konnten fragen und erzählen, hier erlebten wir quasi im Vorbeigehen die tägliche Kochshow. Nachbarn standen zum Schwätzchen in der Küche. Und - man lernte Ordnung halten.«

Doch die offene Küche wurde damals, wegen der vermeintlichen Geruchsverbreitung, noch skeptisch betrachtet. Heute ist sie in vielen Wohnungen Standard.

Für den Bad Nauheimer Marco Stengl, der sich als Architekt intensiv mit Küchenplanung beschäftigt hat, ist es der kommunikativste und kreativste Raum: »Die Küche ist weit mehr als ein Ort zur Herstellung von Speisen. Sie ist wieder Wohnraum geworden. Früher stellte sie den Mittelpunkt des Hauses dar, in dem ge-, vor- und eingekocht wurde - die ganze Familie in einem Raum.« Tatsächlich habe der Raum um die Feuerstelle etwas archaisches: »Überm offenen Feuer wurden die erlegten Tiere gebraten. Schon bei den alten Griechen fand am heimischen Herd der Feind Aufnahme.« Auch heute würden noch in vielen Ländern die Töpfe mitten in der Wohnhütte hängen.

In europäischen Ländern entwickelte sich laut Stengl mit den festen Häusern für den gehobenen Stand zunächst ein abgeschlossener Küchenraum mit Dienstbotenzugang: das Reich der Köchin und des Gesindes, in dem auch deren Kinder familiengerecht aufgehoben waren. Die Arbeiterfamilien hatten dagegen nur einfache Wohnküchen, stickig und feucht. Noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein war dies der Raum, in dem Frauen Heimarbeit verrichteten, kochten, Wäsche wuschen, trockneten. Die Kinder machten hier ihre Schulaufgaben, spielten und schliefen mitunter im selben Raum. Bevor es Badezimmer gab, fand einmal in der Woche in einer Zinkwanne das Familienbad statt. Die Älteren erinnern sich bestimmt noch an die Wachstuchtischdecken, an das cremeweiß-lackierte Küchenbuffet mit den Gardinen hinter den Glasscheiben und die Stangen um den Ofen, die, wenn man sie übermütig drehte, so manchen Topf zu Fall brachte.

Doch vor ziemlich genau 100 Jahren ging die Entwicklung anlässlich eines Frankfurter Wohnungsbauprogramms in eine andere Richtung: Die von Ernst May (bekannt durch die Römerstadt) extra von Wien an den Main geholte Architektin Margarete Schütte- Lihotzky entwarf die sogenannte Frankfurter Küche, eine Modularküche, praktisch wie ein industrieller Arbeitsplatz für eine Person, berichtet der Bad Nauheimer Architekt. »Alles war griffbereit und systematisch angeordnet. Gekocht und gebacken wurde auf den frei stehenden Kohle- oder Elektroherden.« Mann und Kinder hatten schon aus Platzgründen hinter der geschlossenen Küchentür nichts verloren, womit die Hausfrau bei ihrer Tätigkeit vollkommen isoliert war. Bis heute erhalten habe sich daraus das Prinzip der Einbauküche.

Espressobar oder Wartebereich?

Für ihn sei es wichtig, dass eine moderne Küche nutzerabhängig geplant werde, sagt Stengl: »In der Singlewohnung genügt sie eher den Ansprüchen einer designten Espressobar. Will man dem Treffpunkt gerecht werden, bietet sich die Kücheninsel mit Sitzmöglichkeiten an, wo Gäste bei einem Glas Wein gesellig plaudernd auf die Fertigstellung des Gargutes warten. Was das Design betrifft gibt es viele Varianten von der optischen Reduzierung auf das Nötigste bis zu funktional offen hängenden Küchenutensilien. Entscheidend sind Schrittmaße, Höhen, Abstände, Stell- und Arbeitsflächen, sowie die Funktionalität von Spüle, Armaturen und Elektrogeräten.«

Bei der Mehrfachbelastung von Familie und Beruf ist durchaus die Frage erlaubt: Alles im Blick, alles im Griff? Der Kommunikationsraum Küche lebt.

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