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Kolorierte Geschichte

  • vonJürgen Schenk
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Postkarten illustrieren auf besondere Weise die Vergangenheit. Für die meisten Betrachter sind sie Nostalgie. Oft zeigen sie aber auch unbekannte Ansichten eines Ortes. Bauliche Veränderungen über mehrere Jahrzehnte werden erkennbar. In Nidderau-Ostheim zeigt Hans-Günter Frech morgen 80 dieser Ansichten.

Ostheim hat sich gewandelt. Das Ortsbild des bis 1974 eigenständigen Dorfes hat sich in den vergangenen 100 Jahren vielfältig verändert: Häuser wechselten ihre Besitzer und ihr Aussehen, Straßen bekamen neue Namen, und der alte Ortskern um die Kirche wurde neu gestaltet. Typische Handwerksfelder wie die Feldsteinbrennerei oder Diamantschleiferei verloren an Bedeutung. Nach dem Zweiten Weltkrieg betraf das auch immer mehr die Landwirtschaft.

80 Bilder und Postkarten, eingebettet in einen Power-Point-Vortrag, möchte Hans-Günter Frech am morgigen Donnerstag, 22. Oktober, in der Gaststätte "La Dolce Vita" vorstellen. Um die 300 Bilddokumente verwahrt der ehemalige Vorsitzende des Heimat- und Geschichtsvereins in seinem Archiv.

Frech legt sein Augenmerk auf die vergangenen 100 Jahre. "Nach dem Ersten Weltkrieg, erst recht aber nach dem Zweiten Weltkrieg, hat sich das Leben in dem einstigen ›Selbstversorgerdorf‹ verändert. Zur Arbeit ging man jetzt auch auswärts, und mit den Heimatvertriebenen kamen zahlreiche neue Familien in den Ort." Deshalb sei es durchaus interessant, einen Blick auf die Veränderung der Wohnverhältnisse zu werfen.

Dazugehören die wichtigsten Gebäude und Treffpunkte, die oft Schauplätze großer und kleiner Episoden waren. Kirche und Kirchplatz bezeichnet er als historisch gewachsenen Mittelpunkt Ostheims, ebenso die umliegenden Straßen im alten Ortskern. Und die erzählen wieder ganz eigene Geschichten. So wurde etwa 1977 die Hintergasse in Sepp-Herberger-Straße umbenannt, nachdem der Weltmeistertrainer von 1954 Ostheim mit einem Besuch beehrt hatte.

Ein paar Häuserreihen weiter, in der Schinnergasse, wohnte seit dem 16. Jahrhundert der Hanauer Scharfrichter. Dieses blutige Amt ging einher mit dem Berufszweig des Schinders (Abdeckers), der die toten Tierkörper verwertete. Wissenswert ist, dass es während der Trennung von lutherischer und reformierter Kirche gesonderte Kirchen und Schulen im Ort gab.

"Von vielen Einwohnern werde ich mit Fotografien versorgt", sagt Frech. "Angefangen hat das 2017 nach einem Vortrag über die Ortsgeschichte. Damals erschien auch ein Buch über das alte Ostheim. Beides fand großen Anklang. Die Postkarten stellt mir ein Sammler zur Verfügung. Auch das Archiv der Stadt bietet Unterstützung an."

Poststempel aus dem Jahr 1867

Erstmals wird der 70-Jährige die Geschichte des lokalen Postwesens vorstellen. Ganz erforscht sei dieses Thema noch nicht. Den ältesten gefundenen Poststempel von 1867 wird er präsentieren. "Dieser Stempel stammt noch aus der Thurn-und-Taxis-Zeit."

Was in dem Vortrag nicht zu kurz kommen wird, ist eine Betrachtung der zahlreichen Gastwirtschaften. Besonders während der Kerb ging es dort hoch her. Jeder Verein hatte sein eigenes Stammlokal. Auf den Postkarten sind diese Einkehrmöglichkeiten abgebildet. Dergestalt waren sie die Vorläufer der heutigen Zeltkerb.

Am 1. Juli 1974 wurde Ostheim in die Stadt Nidderau eingemeindet. Die Mehrheit der Ostheimer sei damit überhaupt nicht einverstanden gewesen. Ostheim erhielt die Postleitzahl "6369 Nidderau 5". Dadurch fühlte man sich wie das "fünfte Rad am Wagen". So kam es, dass auf einer Postkarte die Postleitzahl verweigert wurde. Folge: Die Karte wurde in alle Ostheims in der Republik geschickt . jsl

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