Die 70er Jahre stehen vor allem für ihre Farbexplosion im Alltag. Alles wurde bunter. Aber nicht nur das. Die Sonderausstellung im Heuson-Museum in Büdingen zeigt noch mehr, was die 70er Jahre ausgemacht haben.	FOTO: MATLÉ
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Die 70er Jahre stehen vor allem für ihre Farbexplosion im Alltag. Alles wurde bunter. Aber nicht nur das. Die Sonderausstellung im Heuson-Museum in Büdingen zeigt noch mehr, was die 70er Jahre ausgemacht haben. FOTO: MATLÉ

Ein knallbuntes Jahrzehnt

  • vonAndreas Matlé
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Bunt, knallig und mit technischen Durchbrüchen, die heute nur noch schmunzeln lassen. Die neue Sonderausstellung im Heuson-Museum Büdingen zeigt die 70er Jahre - vom Wackeldackel über Ahoi-Brause bis hin zum Walkman.

Die Konfrontation mit der Dauerausstellung mag für Nachgeborene beinahe grotesker wirken, als die für skurril wirkenden Eindringlinge der Sonderausstellung, bunte, schrille irgendwie immer noch lebendige Farbtupfer in einer Welt der bleichen Artefakte. Aber: Werden unsere Nach-Nachgeborenen auch noch in über viertausend Jahren - so alt sind manche der Gegenstände, die im Heuson-Museum in der Altstadt von Büdingen ihre Heimat gefunden haben - staunend am Wackeldackel und an der von einem Häkeltopf verborgenen Toilettenpapierrolle staunend vorüberflanieren? Gegenstände, die in den Siebzigerjahren gewissermaßen Standard waren auf der Rückablage deutscher Kraftfahrzeuge.

Farbexplosion im Alltag

Diskret waren die Siebziger nicht unbedingt. War der Weg im letzten Drittel der Sechziger dafür bereitet, überzog nun eine Farbexplosion den Alltag. Davon legt die derzeitige Sonderausstellung »Die 70er Jahre - ein Lebensgefühl in Orange« Zeugnis ab. Prilblumen an Küchenkacheln, blumiges orange-braunes Dekor an Kaffeetassen, orangenfarbene Hängelampen, quietschbunte Eissorten vom gelben Split bis zu Nogger mit der ein wenig frivolen Aufforderung »Nogger dir einen«, Ahoi-Brause von psychedelischer Farbgebung, Schokoladenkugeln namens Treets in orangenfarbener Verpackung, tragbare Fernsehgeräte wahlweise in derselben Farbgebung.

Den Ausstellern ist es gelungen auf wenigen Quadratmetern in Vitrinen und auf Schautafeln ein in der Tat farbiges Kaleidoskop jenes Jahrzehnts abzubilden, von den Ausläufern der Flower-Power-Zeit über Ölkrise, RAF-Terrorismus bis zur Aufrüstung im Kalten Krieg in Worten und Waffen.

Ein wichtiges Element ist die Entwicklung der Kommunikationstechnik. Gewiss, einige bahnbrechende Neuerungen eroberten sich langsam ihre Bedeutung; verglichen jedoch mit den technischen Sprüngen der Jetztzeit, trat die Technik ein Jahrzehnt lang auf der Stelle. Ein riesiger Radiowecker etwa, ein Taschenradio en miniature, ein tragbarer Schallplattenspieler. 1979 - eine Revolution vergleichbar mit der Erfindung des iPhones Jahrzehnte später: Sony brachte den Walkman auf den Mark. Kassette eingelegt und im Gehen, Fahren oder beim Faulenzen floss die Musik per kleinem Kopfhörer ins Ohr. Aufgenommen worden war der Tonträger möglicherweise mit dem nüchternen Kassettenrecorder Neckermann 73 Single (wichtig: das Mikrofon zum Aufnehmen der »Hitparade« aus dem Fernsehen). Noch ein Meilenstein: der wuchtige Heimcomputer Commodore Pet 2001. Beinahe rührend der moosgrüne Fernsprechapparat FeTAp61.

Gerade diese Geräte wie auch die Kamera zum Aufnehmen von Super-8-Filmen stehen stellvertretend für einen - aus heutiger Sicht - eklatanten Anachronismus. Für all diese Funktionen genügt heute ein zigarettenschachtelgroßes Gerät. Dieses ermöglicht gleichfalls das Anschauen von Spielfilmen. Wie solchen Klassikern, an die in der Ausstellung per Kinoplakat erinnert wird: »Der weiße Hai«, »Schulmädchenreport - Was Eltern nicht für möglich halten«, »Unheimliche Begegnung der Dritten Art« und andere, nun ja, von Fall zu Fall, jung gebliebenen Klassikern.

Hauch von Biederkeit

Otto - der immer noch herumblödelt - ist vertreten mit seiner Langspielplatte »Der ostfriesische Götterbote«, die Schlümpfe sind als Plastikfiguren aufmarschiert, Werbe-Ikone Tilly belehrt eine Kundin im Schönheitssalon, dass das Spülmittel Palmolive eine wahre Kur für die weibliche Hand sei. Am 1974 erfundenen Rubiks Cube sollten sich Generationen den Kopf zerbrechen und den Würfel irgendwann entnervt in die Ecke schleudern. Und wie viele Generationen von Kindern haben nicht während der Wintermonate vor der Höhensonne Hanau 1500 Impuls bestrahlen lassen (müssen) während die Mutter sich unter der Lady Braun Longhair Haube (natürlich in Orange) die Haare schick machte?

Aber nicht alles war neu und schräg. Einen Hauch von Biederkeit und Innehalten verbreiteten die Setzkästen, in denen Sammler Mini-Bügeleisen, Töpfe, Pferde, Tassen und dergleichen einstellten. Da schließt sich der Kreis zur eigentlichen Sammlung des Museums. Jäger und Sammler - die gab es schon immer.

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