Josephine Rotter spielt in ihrem ersten komplett gestalteten Gottesdienst die Pfeifenorgel in St. Remigius. 	FOTOS: HAU
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Josephine Rotter spielt in ihrem ersten komplett gestalteten Gottesdienst die Pfeifenorgel in St. Remigius. FOTOS: HAU

So klingt die junge Kirche

  • vonAnnette Hausmanns
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Als Josephine Rotter vor gut einem Jahr in der St.-Remigius-Kirche ihres Heimatdorfes Ober-Mörlen den Konzertflügel spielte, feierten die Besucher des MCC-Adventskonzertes die damals 15-jährige, preisgekrönte Pianistin mit Ovationen. Jetzt hat sie an der heimischen Pfeifenorgel alle Register gezogen, wenige Wochen nach ihrer D-Prüfung, zur Ehre Gottes und zur tiefen Freude der Gottesdienstbesucher.

Natürlich sind die Bänke in der St.-Remigius-Kirche in Ober-Mörlen zu Corona-Zeiten dünn besetzt. Im Bauch des Kirchenschiffes darf niemand außer dem Pfarrer singen. Das war bei der Vorabendmesse am vergangenen Samstag nicht anders. Und doch fühlte sich vieles anders an. Unterstrichen vom Glanz der Krippe und der noch geschmückten Weihnachtsbäume durchstrahlte zum Einzug das festliche Präludium F-Dur von Johann Sebastian Bach das Gotteshaus, und im Laufe der Liturgie klang neben und mit der Orgelmusik mal kraftvoller, mal hauchzarter Gesang von der Empore herab und erwärmte die Herzen im kühlen Kirchenschiff.

»So klingt die junge Kirche«, merkte Pfarrer Ryszard Strojek dankend an. Messdienerin Josephine Rotter hatte am Samstag ihren Platz im Altarraum gegen den an der Orgel getauscht: Zum ersten Mal nach ihrer Orgel-Grundausbildung gestaltete sie musikalisch einen kompletten Gottesdienst.

Musik mit ganz viel Herz

Zur gesanglichen Verstärkung stand ihr neben ihren Eltern Patricia und Guido Rotter vor allem St.-Lioba-Mitschüler Johannes Glaum zur Seite. Seit klein auf geschult durchs Singen im »Frohsinn« Ockstadt und im Schulchor, beeindruckte der junge Mann aus dem Kirschendorf nun an der Usa mit faszinierender Stimmkraft, derweil die Organistin mit ihrer feinen klaren Stimme bezauberte.

Ihrem Temperament entsprechend, zog Josephine Rotter zum furiosen Ausklang an der Pfeifenorgel alle Register. Mit der berühmten Toccata aus der Suite gothique von Léon Boëllmann hatte sie ein hymnisches Werk ausgewählt, das der Komponist vor 125 Jahren zur Einweihung der Orgel in der Kathedrale Notre-Dame in Dijon ersonnen hatte.

Bis heute geht die Toccata dank ihrer Steigerung vom zurückhaltenden Beginn bis zum gewaltigen Finale gehörig unter die Haut - ganz zu schweigen von den modern anmutenden Ohrwurmqualitäten, die unter streng befolgten Coronaregeln auf besonders dankbare Zuhörer trafen. Der Beifall sprach Bände. Die Organistin hatte allen ein großes Geschenk gemacht, und das an ihrem eigenen 17. Geburtstag. Schon vor Jahren war der Tastenkünstlerin bei Wettbewerben bescheinigt worden, dass bei ihrem Spiel unwillkürlich das Herz aufgehe. Dem Klavierspiel gehöre der Vorrang mit täglichem Üben, erzählt Josephine Rotter. Aber seit Beginn ihrer Orgel-Ausbildung beim Bistum Mainz im März 2018 zählten auch mehrere Stunden Orgelüben plus der Unterricht alle zwei Wochen bei Regionalkantorin Eva-Maria Anton zum Wochenpensum. Jetzt werden weitere musikalische Stunden dazukommen.

Nachdem Josephine Rotter nämlich im vergangenen Oktober ihre D-Schein-Prüfungen mit Bestnote absolvierte, startete sie im Dezember mit der C-Ausbildung für Orgel und Chorleitung. Zur zweijährigen Ausbildung gehören die Fächer Orgelspiel/Chorleitung, Liturgik/Liturgisches Singen, Tonsatz/Gehörbildung und Musikgeschichte/Orgelkunde. Das praktische Üben werde in Corona-Zeiten nicht eingeschränkt, erzählt die Schülerin. Im Unterricht über Video leide zwar teilweise die Klangqualität, ansonsten funktioniere aber alles ganz normal. »Das einzige, was derzeit komplett ausfällt, ist die Stimmbildung«, bedauert Josephine Rotter. »Aber auch die wird hoffentlich bald wieder mit entsprechenden Vorkehrungen abgehalten.«

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