Im Friedberger "Kinderhaus Wetterau" dürfen schon die Kleinsten mitentscheiden. Im Morgenkreis überlegen die Krippenkinder, wer von ihnen zur Konferenz geht. 		FOTOS: NICI MERZ
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Im Friedberger »Kinderhaus Wetterau« dürfen schon die Kleinsten mitentscheiden. Im Morgenkreis überlegen die Krippenkinder, wer von ihnen zur Konferenz geht. FOTOS: NICI MERZ

Kleine Stimmen, große Wirkung

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Kinder haben ihren eigenen Willen - und werden deshalb oft in ihre Schranken gewiesen, wenn die Meinung nicht der der Erwachsenen entspricht. Wie sieht es aber aus, wenn die Kleinen schon im Kindergartenalter selbst entscheiden dürfen? Im Friedberger »Kinderhaus Wetterau« dürfen sie genau das.

Fritz und Theresa sitzen mit zwei Erzieherinnen am Esstisch in der Küche. Langsam geht die Tür auf. Sophia tapst vorsichtig herein und setzt sich auf einen der grünen Stühle zu den anderen. Bei sich trägt sie einen Gegenstand - als Gedächtnisstütze. Damit möchte sie die Bedürfnisse ihrer Krippengruppe in der Kinderkonferenz deutlich machen.

Im »Kinderhaus Wetterau« in Friedberg darf jedes Kind mitbestimmen, womit es sich gerne beschäftigen möchte. Um die Meinungen und Ideen der Kinder festzuhalten, gibt es eine wöchentliche Kinderkonferenz. Zu diesem Anlass kommt aus jeder Altersgruppe ein Kind, das erklärt, was seine Gruppe gerne machen möchte. Die Krippenkinder im Alter von sechs Monaten bis zu zwei Jahren besprechen sich erst im Morgenkreis. Die Familiengruppe aus »Goldstücken« im Alter von zwei bis vier Jahren und »Schatzsuchern« ab vier Jahren bis zur Einschulung besprechen schon einen Tag vorher, was sie einbringen wollen. »Sie sind ja älter, da können sie sich das über eine Nacht merken«, sagt Kinderhaus-Leiterin Petra Abdelmalek.

Zuerst ist Sophia, Delegierte der Krippengruppe, dran. Sie wirkt etwas schüchtern. Die Erzieherin fragt nach dem Gegenstand, den sie mitgebracht hat. Es ist eine Weihnachts-CD. Darauf sind Lieder, zu denen die Jüngsten Tänze einstudieren. Theresa ist neugierig. »Darf ich auch mal gucken?« Sie hat die Weihnachtstänze früher auch getanzt. Die Vertreterin der »Goldstücke« ist als Nächstes dran. Nachdem Sophia noch wenig gesprochen hat und auf die Unterstützung der Erzieherinnen angewiesen gewesen ist, ist Theresa schon etwas selbstständiger. Sie hat ein Bild mitgebracht, sozusagen gemalte Notizen. Eine Erzieherin protokolliert die Ideen der Kinder. Die Gruppe habe sich mit Monstern und Dinosauriern beschäftigt, dabei sei ihnen besonders das Aussehen wichtig gewesen, teilt Theresa mit.

Ein Vogel am Weihnachtsbaum

Als Letzter ist Fritz an der Reihe, der die »Schatzsucher« vertritt. Auch er hat ein Bild gemalt, auf dem besonders eine Leiter und ein Tannenbaum hervorstechen. Die Leiter soll die Sprossenwand darstellen, die sie öfter benutzen wollen, um hochzuklettern und runterzuspringen. Den Weihnachtsbaum wollen die Kinder schmücken und auch selbst gebastelte Dinge, wie einen großen Vogel, daran hängen. Die Erzieherinnen versuchen, den Kindern beim Formulieren zu helfen, stellen Fragen, um die Wünsche der Kleinen noch besser zu verstehen, sagt Abdelmalek.

Das »Kinderhaus« richtet sich nach Kernpunkten der Reggio-Pädagogik, einer Erziehungsphilosophie, die die 50-Jährige auf einer privaten Bildungsreise in der italienischen Stadt Reggio-Emilia kennengelernt hat. Davon ist die Leiterin derart begeistert gewesen, dass im »Kinderhaus« seit drei Jahren nach diesem Vorbild gearbeitet wird. Auch vorher habe es schon viele solcher Elemente und Ideen gegeben, sagt Abdelmalek. Seit Juni ist die Einrichtung auch für Reggio-Pädagogik zertifiziert. Es gehe darum, auf die Gruppe zu achten und keine Einzelförderung zu betreiben. »Der Mensch lernt als soziales Wesen in Gruppen« erklärt die Leiterin. Dabei sei es wichtig, möglichst alle in Projekten oder Angeboten zu beteiligen. »Wir versuchen schon, alles bitter bis zum Ende auszuhandeln, sodass alle einigermaßen glücklich sind. Tatsächlich ist es oft ein Kompromiss, und wie das bei Kompromissen ist: Einer muss ein bisschen nachgeben.«

Die Herausforderung stelle sich mehr den Erwachsenen, die sich zurückhalten und die Kinder handeln lassen müssten. »Wir müssen sehr aufmerksam sein und gucken, was die Themen der Kinder sind und was für sie wirklich interessant und spannend ist. Das kann alles mögliche und jeden Tag etwas anderes sein.«

Liv und Albert sitzen am großen Maltisch. In jedem Raum gibt es einen Erzieher, deswegen können die Kinder selbst entscheiden, wo sie hin wollen, und auch mal nur zu zweit in einem Raum sitzen. Besonders die fünfjährige Liv findet diese Regelung gut, weil sie in Ruhe die Stifte aus dem Becher benutzen kann. »Dann müssen wir sie nicht die ganze Zeit so hin- und herschieben.«

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