Heran M. hat mit Jared D. ihre große Liebe gefunden.
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Heran M. hat mit Jared D. ihre große Liebe gefunden.

Kirchenasyl

Kirchliches Asyl in Friedberg und die große Liebe

  • vonHedwig Rohde
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Kirchenasyl ist die letzte Rettung vor der Abschiebung. In Friedberg gibt es den Fall einer jungen Frau aus Äthiopien. Es geht um Schleppe, die drohende Abschiebung und eine Schwangerschaft.

Die Grund- und Menschenrechte sind die ethische Unruhe des Rechtsstaats", sagt Andreas Lipsch. Er leitet die Abteilung Flucht, Interkulturelle Arbeit, Migration in der Diakonie Hessen, ist Interkultureller Beauftragter der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), kümmert sich in diesen Funktionen auch um das Kirchenasyl. Am Beispiel eines jungen Paares aus Äthiopien machten Lipsch und seine Mitstreiter in Friedberg deutlich, welche menschlichen Dimensionen sich hinter einem "Härtefall" verbergen.

"Es geht uns nicht darum, den Rechtsstaat auszuhebeln. Im Gegenteil: Wir verteidigen ihn, denn der Rechtsstaat wird gerade bedroht durch die aktuelle Flüchtlingspolitik", macht Lipsch klar und weist die Kritik des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) an der Praxis des Kirchenasyls zurück. Kirchenasyl werde erst nach gründlicher Prüfung gewährt, erläutert Lipsch. In Relation zur Gesamtzahl der Asylbewerber stuft er die Zahlen als gering ein. Wie seine Mitarbeiterin Dr. Ines Welge (Diakonie Hessen) erklärt, ist seit Januar in der EKHN 19 Mal Kirchenasyl gewährt worden - für 33 Menschen, darunter neun Minderjährige.

Gegen Abschiebung nach Polen gewehrt

Heran M. ist eine schüchterne junge Frau. Die 29-Jährige gehört der ethnischen Gruppe der Oromo an. Diese wird nach Einschätzung unter anderem von Human Rights Watch von der in Äthiopien herrschenden, totalitären Regierungskoalition besonders stark unterdrückt. Politische Gründe veranlassten Heran M. 2018 zur Flucht. Mit einem (gefälschten) polnischen Visum brachten Schlepper sie nach Deutschland, nahmen ihr alle Papiere ab. Ihren Antrag auf Asyl will das BAMF nicht bearbeiten - der Grund: Da sie mit einem polnischen Visum gekommen sei, sei Polen für sie zuständig, und dorthin sollte sie abgeschoben werden.

Mit dem Beschluss zur Abschiebung nach Polen beruft sich das BAMF auf das Dublin-III-Abkommen der EU von 2013. Es regelt die Bestimmung des Mitgliedsstaates, der für die Prüfung des Asylverfahrens eines Geflüchteten zuständig ist. "Dublin III fragt nicht nach Menschen, nur nach Zuständigkeiten", kritisiert die Friedberger Pfarrerin Susanne Domnick.

Große Liebe aus dem Heimatdorf

Beim Kirchenasyl kooperieren die Kirchengemeinden Friedberg und Friedberg-Fauerbach und ergänzen sich mit der Diakonie in der Bereitstellung von Geld, Logistik und Engagement. Die Fauerbacher Kirchengemeinde habe seit der Aufnahme der Vertriebenen in den 50er Jahren reiche Erfahrung mit der Integration von Flüchtlingen, erklären Kirchenvorstandsvorsitzende Erika Lipowitz und Pfarrer Christian Brost.

Gegen ihre Abschiebung wehrt sich Heran M., weil sie hier ihre Liebe gefunden habe. Jared D. (32), ebenfalls Oromo, aber seit zehn Jahren in Deutschland, spricht perfekt Deutsch, ist beruflich erfolgreich, im Besitz einer unbefristeten Aufenthaltserlaubnis und hat seine Einbürgerung beantragt. Als Vorsteher der Oromo-Gemeinde in Frankfurt traf er 2018 Heran M., die im selben Dorf aufgewachsen ist wie er. Aus der Jugendbekanntschaft wurde Liebe - und Heran M. schwanger. Heiraten konnten die beiden bisher nicht, da Heran M. keine gültigen Papiere besitzt. Jared D. erkannte daraufhin die Vaterschaft im Vorfeld an. Als Kind eines Vaters mit Niederlassungserlaubnis hätte die Tochter qua Geburt die deutsche Staatsbürgerschaft.

Heran M. und Jared D. haben es dank des in Friedberg gewährten Kirchenasyls geschafft. Heran M. wird durch den Mutterschutz, später durch ihre Tochter mit deutscher Staatsbürgerschaft vor Abschiebung geschützt. Deshalb wird sich das BAMF doch mit ihrem Asylantrag befassen (müssen); sie wird Papiere bekommen und Jared D. heiraten können. Sobald die Ausländerbehörde die durch den Mutterschutz begründete Duldung schriftlich bestätigt hat, wird Heran M. das Kirchengelände nach Monaten erstmals verlassen können. Was sie dann als erstes machen wird? "Sie will in ein Café gehen, in dem es äthiopischen Kaffee gibt, und natürlich zur Geburt unserer Tochter ins Marienkrankenhaus", übersetzt Jared D. die Antwort seiner strahlenden Freundin.

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