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In ihrer Werkstatt beheimatet und fertigt Elisabeth Reuter Modernes und Repliken bis zurück in die Jungsteinzeit. Sie hat jede Menge Trinkgefäße in den Regalen, hier eins aus dem Mittelalter mit Wellenfuß.

Keltische Flasche für den Tatort

  • vonHanna von Prosch
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Elisabeth Reuter lebt mit Scherben. Scherben als Tongegenstände und manchmal auch mit denen, die aus Versehen oder durch Jahrtausende kaputtgegangen sind. In der Friedberger Keramikwerkstatt kommt man ihren Geheimnissen und Fertigkeiten auf die Spur. Eine Spur führt sogar zum Tatort aus Münster.

Eng ist es in der kleinen Werkstatt in der Verbindungsgasse 4 in Friedberg. Überall stehen Eimer mit Tauchglasuren, Farbtuben, Gläser mit aller Art Pinseln, Modellierhölzern, einer Stachelschweinborste zum Ritzen. Unterm Tisch liegt verpackter Ton, vor dem Fenster stapeln sich gebrannte Steinblöcke mit über 100 Löchern für ein Insektenhotel, eine Auftragsarbeit der Umweltwerkstatt Wetterau. Den elektrische Brennofen in der Ecke übersieht man fast. Auf der Töpferscheibe entsteht gerade der Deckel für einen großen runden Brottopf. Die Regale sind voll mit Töpfen, Schalen, Tassen, Figuren - die eine Seite moderne Keramik, die andere historische.

Elisabeth Reuter ist nämlich nicht nur Keramikerin sondern auch Archäologin. In ihrem westfälischen Dorf war sie schon als Kind von der Kunst eines alten Töpfers begeistert, was sie nach dem Abitur zur Töpferlehre führte. Als ihre Freundin nach Berlin ging, taten sich die beiden in einer Werkstatt zusammen. Aber Reuter schrieb sich auch an der Uni im Fach Ur- und Frühgeschichte ein. Die Neugier daran hing mit dem alten Töpfer zusammen. Nach der Zwischenprüfung wechselte sie nach Frankfurt und kam bald nach Friedberg in die Werkstatt von Ulla Hensellek, die sie 1991 übernahm.

In den Regalen mit den Repliken findet man alles: römische, keltische, ägyptische, germanische Objekte und welche aus dem Mittelalter. Zu vielen weiß Reuter Geschichten zu erzählen. Sie greift zu einem Bandkeramiktopf, wie er in der Jungsteinzeit vor 8000 Jahren benutzt wurde. Römisches Kochgeschirr wurde bei Ausgrabungen in Bruchenbrücken gefunden. »Dieser Topf ist nur einmal gebrannt, über dem offenen Feuer. Damals kannte man noch keine Öfen mit hohen Temperaturen. Es ist auch alles mit der Hand geformt, denn die Töpferscheibe kam erst mit den Kelten«, erzählt sie.

Bei den Ferienspielen der Kinderfarm Jimbala kann man sehen, wie das Kochgeschirr entsteht und auf der Saalburg sind ihre Nachbauten ausgestellt.

Die keltische Linsenflasche, die wie ein Dekanter aussieht, stammt ursprünglich aus der Zeit um 450 vor Christus. Reuter fertigte sie für einen Münsteraner Tatort. Dann nimmt sie eine germanische Buckelurne in die Hand. Den Deckel ziert ein Wildschwein. »Vielleicht war sie für die Asche eines Jägers gedacht. Davon gab es nur noch eine Zeichnung, die mir als Vorlage diente«, berichtet sie.

Wie Wickelpuppen sehen die »Uscheptis« aus, ägyptische Grabbeigaben - genau 365 Stück für das Landesmuseum Darmstadt angefertigt. Für ein Bonner Museum bildete sie aus der Zeit der Völkerwanderung eine Schale mit Stierkopf nach. Die einzigen Originale in diesem Regal: Ein paar tönerne »Seltersflaschen« aus dem 19. Jahrhundert.

Die (prä-)historischen Objekte fertigt Elisabeth Reuter für Sammler, Museen, zur Demonstration bei Römerspielen oder für Ausstellungen. Die moderne Gebrauchskeramik macht ihr aber auch Freude. Zum Beispiel die Katzenurne in Sitzposition oder die nach Geschichten individuell gestalteten Tassen und Schalen.

Bei den bunt glasierten, kleinteiligen Säulen geben die Kunden meist nur das Thema vor und sie kann kreativ werden. »Tatsächlich geht auch mal was zu Bruch oder das Stück bekommt einen Riss. Das ist aber selten«, sagt sie lachend.

Fällt ihr nach getaner Arbeit das Weggeben schwer? »Man hängt schon an den Dingen, die man mit Herzblut gemacht hat. Manchmal sage ich aber auch, wenn es nicht verkauft wird, behalte ich es selbst«, sagt die Künstlerin.

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