Brigitte Jung-Hengst möchte ihrer ELS auch im Ruhestand verbunden bleiben.	FOTO: ROHDE
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Brigitte Jung-Hengst möchte ihrer ELS auch im Ruhestand verbunden bleiben. FOTO: ROHDE

Kein Fest, aber schöne Erinnerungen

  • vonHedwig Rohde
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Mit dem Ende dieses Schuljahres endet auch die Amtszeit von Brigitte Jung-Hengst. Die Leiterin der Bad Nauheimer Ernst-Ludwig-Schule geht in den Ruhestand. Mit der WZ hat sie über schöne Erinnerungen, traurige Ereignisse, Veränderung von Schule, Corona und den Abschied ohne Fest gesprochen.

35 Jahre Schuldienst, davon 29 Jahre an der Ernst-Ludwig-Schule - wie leicht oder schwer fällt da der Abschied?

Die Menschen - Eltern, Lehrer, Schüler - machen einem den Abschied schwer. Die zeitliche Belastung als Schulleiterin, durch Corona noch einmal erheblich erhöht, erleichtert es. Wie schwer mir der Abschied wirklich fällt, weiß ich frühestens im September.

Wie würden Sie die unterrichtsbezogene Entwicklung der ELS in den letzten 30 Jahren skizzieren?

Es gibt unsere »Leuchttürme«: den bilingual-englischen Unterricht, den durch die Einführung der Orchesterklassen vor 20 Jahren entwickelten Schwerpunkt Musik und die Mitgliedschaft im MINT-Excellence-Cluster. Insgesamt ist die ELS sehr breit aufgestellt und macht jungen Leuten in vielen Bereichen zusätzliche Angebote.

Welche drei Ereignisse aus Ihren Jahren an der Ernst-Ludwig-Schule haben Sie als besonders belastend empfunden?

Die völlig überraschenden Tode unserer Studienleiter Bodo Schermuly 1999 und Eckhard Klanke 2016, meine Erkrankung 2010, schließlich die Erhöhung der Pflichtstundenzahl der hessischen Lehrkräfte vor gut 20 Jahren von 23 auf 26 (aktuell: 25,5) Unterrichtsstunden. Damit wurde ein Lehrermangel vermieden, aber viele Lehrer spüren, dass für unsere Arbeit nicht mehr die Zeit zur Verfügung steht, die wir bräuchten, um unseren Schülern in ihrer Individualität gerecht zu werden.

Was sind Ihre schönsten Erinnerungen?

Das 100-jährige Jubiläum: Engagement und Kreativität des Kollegiums haben mich begeistert, das große Ehemaligentreffen war beeindruckend. Dann weit zurückliegende Musical-Projekte, große und nicht ganz so große Theateraufführungen, wunderbare Konzerte und ehemalige Schülerinnen und Schüler, die bei Treffen berichten, dass wir sie gut auf ihre Zukunft vorbereitet haben.

Auf welche der von Ihnen gesetzten Akzente sind Sie besonders stolz?

Ein Großteil der Schulentwicklung besteht darin, Lehrkräfte mit guten Ideen zu ermutigen und bei der Umsetzung zu unterstützen. Deshalb sind viele Akzente von mir bestenfalls gehegt. Ein bisschen stolz bin ich darauf, dass die ELS schon seit elf Jahren über eine Schulsozialpädagogin verfügt. Das war damals an Gymnasien ungewöhnlich. Zusammen mit dem Verein der Freunde der ELS konnte ich die Stelle an der ELS etablieren. Seit einem Jahr gibt es Sozialpädagogen für ein Gymnasium unserer Größe offiziell.

Sie haben die ELS über Jahrzehnte maßgeblich (mit-)gestaltet. Wie stark hat sich Schule in dieser Zeit allgemein verändert?

Schule bekommt immer mehr gesellschaftliche, teilweise familiäre und erzieherische Aufgaben übertragen - Ganztagsbetrieb, Gesundheitserziehung, Berufsorientierung - und soll Defizite mancher Kinder ausgleichen, ohne dass es hierfür einen Ausgleich gibt. Extreme nehmen zu: Eltern, die sich kaum kümmern; Eltern, die alles wissen wollen. Ebenso die Verdichtung der Arbeit, obwohl dafür in der Schule eigentlich kein Platz ist: Kinder, Lernen, Zuwendung brauchen Zeit! Ein gymnasiales Problem ist die steigende Zahl an Anmeldungen, auch von Kindern, die in einer anderen Schulform glücklicher geworden wären. Psychische Störungen und Schulangst nehmen zu und werden der Schule angelastet.

Wie hat sich Corona auf Ihre Arbeit ausgewirkt?

Durch Papier, Papier Papier. Die Arbeit hat sich völlig verlagert, weg vom menschlichen Kontakt hin zu E-Mails und Verwaltungsarbeit, dies verbunden mit der Unsicherheit, wie sich ein halbwegs zuverlässiger Schulbetrieb, das Abitur organisieren lässt.

In der Krise erklang die vielstimmige Forderung nach einem Digitalisierungsschub für die Schulen. Wie steht es damit?

Als ich in der ELS anfing, wurde mithilfe von Spenden ein großer Computerraum eingerichtet. Einige Jahre gab es planmäßig das Fach IKG (Informations- und kommunikationstechnische Grundbildung) mit zwei Wochenstunden in der 8. Klasse. Heute soll Medienkompetenz im Unterricht »mit«-vermittelt werden - und von der Digitalisierungsoffensive der Bundesregierung war an der Schule vor Corona noch nichts angekommen. Die Umsetzung unserer Medienkonzepte durch den Schulträger empfinden wir teilweise als gängelnd. Trotzdem hat es eine Gruppe engagierter Kolleginnen und Kollegen seit Anfang März geschafft, das vorhandene digitale Durcheinander in die Benutzung einer einheitlichen, zuverlässigen und zweckmäßigen Lernplattform - das Schulportal des Hessischen Bildungsservers - zu überführen, zu der alle Schülerinnen und Schüler Zugang erhalten. Sollten wir von einer erneuten Schulschließung heimgesucht werden, werden wir vorbereitet sein.

Wie sollte sich Schule entwickeln, um junge Menschen weiterhin angemessen auf berufliche und gesellschaftliche Herausforderungen vorzubereiten?

Jedenfalls nicht durch eine noch höhere Abiturientenquote mit noch besseren Durchschnittsnoten! Schule muss Kinder auf den Umgang mit Herausforderungen vorbereiten. Sie brauchen eine solide Wissens- und Wertebasis, um neue Informationen stabil damit vernetzen zu können, Offenheit für neue Ideen und Andersdenkende, die Bereitschaft, sich für die Lösung von Problemen anzustrengen und für andere zu engagieren, Kreativität et cetera. Hierzu sind ein breit aufgestellter Fächerkanon und vielfältige Unterrichtsformen eine wichtige Grundlage. Schule bräuchte ausreichend Zeit und Raum, um intelligente, kreative junge Menschen zu formen und sich individuell um die Probleme der Kinder zu kümmern, deren Familien das nicht leisten können oder wollen. Dazu muss die Gesellschaft aber bereit sein, sie - auch finanziell - stärker zu unterstützen.

Wie fühlt es sich an, wenn man »sang- und klanglos« gehen muss?

Meine meist schönen Erinnerungen an die ELS sind mir wichtiger als ein fulminanter Abschied. Und aufgeschoben ist nicht aufgehoben - wir feiern das nach, irgendwann.

Welche Pläne haben Sie für Ihren (Un-)Ruhestand?

Meine Fitness, meinen Garten, verlorengegangene Hobbys wiederzubeleben, vielleicht kostenlose Nachhilfe für Kinder mit Migrationshintergrund, die Verbundenheit zur ELS, eventuell ein AG-Angebot, auf jeden Fall über Mitarbeit im »Verein der Freunde«.

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