"Kaum ein Kollege, der nicht beteiligt war"

Gießen(jwr). Die Proteste gegen den Ausbau der A 49 und die damit verbundene Rodung, vor allem im Dannenröder Forst, haben die Nachrichten im vergangenen Jahr über Monate geprägt - regional und teils bundesweit. Die Polizei war mit einem Großaufgebot im Einsatz, der Personalaufwand enorm, wie Jörg Reinemer, Sprecher des Polizeipräsidiums Mittelhessen, mitteilt: "Es gab wohl kaum einen Kollegen, der da nicht beteiligt war. Das war eine große Belastung für uns im mittelhessischen Raum, aber auch für Kollegen aus anderen Präsidien, anderen Bundesländern und der Bundespolizei."

Tageweise seien bis zu 2000 Beamte vor Ort gewesen. Auch im Hinblick auf den Infektionsschutz habe man es mit einer Herausforderung zutun gehabt, sagt Reinemer. "Bei diesem Großeinsatz konnten wir mit Hilfe eines ausgefeilten Hygienekonzeptes das Ansteckungsrisiko unter den Kollegen gering halten."

Um sich auf den Einsatz vorzubereiten, habe man sich auch mit Polizisten, die für den Hambacher Forst in Nordrhein-Westfalen zuständig waren, ausgetauscht.

Aus polizeilicher Sicht hätten sich die Vorbereitungen gelohnt: "Viele Kollegen, auch aus Nachbarbundesländern, waren voll des Lobes über die Organisation - etwa bei der Logistik, Verpflegung und Unterbringung."

Mit Kot beworfen

Im Laufe der Zeit hatte der Protest zugenommen. Hat diese Dynamik die Polizei überrascht? "Ja und nein", sagt Reinemer. "Das war im Frühjahr so noch nicht abzusehen. Im Spätsommer haben wir gemerkt: Es wird auch bundesweit ein mediales Thema. Von daher haben wir mit solch einer Entwicklung gerechnet und uns auch gezielt darauf vorbereitet."

Natürlich hätten Polizisten unterschiedliche Meinungen zu dem Thema, das sei auch gut so. "Aber wir müssen unseren gesetzlichen Auftrag erfüllen. Bei manchen Demonstrationen ist das auch nicht anders, das gehört zu unserem Beruf." Viele Kritiker hätten "sehr friedlich" demonstriert, sagt Reinemer. Die Ausnahme seien "Gewalttäter" gewesen, "die Kollegen angegriffen, sie teils mit Kot beworfen haben". Reinemer erwähnt auch Angriffe auf Polizisten der Reiterstaffel bis hin zu einem versuchten Tötungsdelikt.

Auf der anderen Seite wurde deutliche Kritik laut, die Polizei sei gegen Waldbesetzer überhart vorgegangen. Dabei ging es unter anderem um einen durchschnittenen Draht eines sogenannten "Tripods". In der Folge sei eine Person herabgestürzt und habe sich verletzt, bestätigt Reinemer. Nun ermittle die Gießener Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der fahrlässigen Körperverletzung gegen einen Polizisten. "Wir gehen jedem Vorwurf nach", betont der Polizeisprecher. "Konkrete Vorwürfe gegen Einsatzkräfte werden ernst genommen, jeder hat die Möglichkeit, polizeiliches Handeln überprüfen zu lassen. Pauschale Vorwurfslagen weisen wir jedoch zurück."

Etliche Aktivisten wurden von der Polizei etwa aus Baumhäusern heruntergeholt, um die beschlossene Rodung zu ermöglichen. Man prüfe nun "in jedem Einzelfall, inwieweit die einzelnen Waldbesetzer für die Kostenübernahme ihrer individuellen Räumung herangezogen werden können".

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