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Zugriff im geschützten Raum

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Karben (pe). Die Abschiebung einer 16-jährigen Schülerin aus der Karbener Kurt-Schumacher-Schule hat hohe Wellen geschlagen, vor allem in der Politik. An der Gesamtschule selber scheint das bei Weitem nicht so gewesen zu sein.

Die Sekretärin der Schule tauchte in der Klasse 7 der Mittelstufe auf und bat die 16-Jährige ins Sekretariat. Dort wartete die Polizei auf das Mädchen serbischer Herkunft. Quasi mitten aus dem Unterricht heraus wurde das Mädchen mitgenommen, in einen Streifenwagen verfrachtet und zum Flughafen gefahren. Dort wurde die Schülerin zusammen mit ihrer Mutter in ihr Heimatland Serbien abgeschoben. Mitten in der Unterrichtszeit tauchten also Beamte in der Schule auf und rissen das Mädchen aus der Gemeinschaft. Mittags war das Gesprächsthema. Aber beileibe nicht überall in dieser großen Schule mit ihren rund 1400 Schülern. »Viele haben es am nächsten Tag erst aus den Medien erfahren«, weiß Marcel Kalif, einer der Schulsprecher. »Das haben bis dahin nur wenige mitbekommen.« Bis Ende der Woche sei darüber nicht soviel diskutiert worden. Die schweigende Mehrheit sei dem Schulalltag nachgegangen wie sonst auch. Dort, wo diskutiert wurde, sei das Echo geteilt. »Ich habe auch gehört, dass das einige befürwortet haben.« Kalifs Gesamteindruck: »Die Betroffenheit ist nicht so groß.«

Schulleiter Stephan Mierendorff sagt, wichtig sei doch nicht, ob die Abschiebung berechtigt sei oder nicht. Es sei eher zu fragen, ob es angemessen gewesen sei, in die Schule zu kommen. »Die Schule ist ein Schutzraum für Kinder.« Da müssten auch die Behörden »die Kinder erst mal in Ruhe lernen lassen.« Zudem sei das Kind nicht verantwortlich, sondern die Mutter. Es sei ein Menschenrecht, dass Kinder ein Recht auf Bildung hätten. »Sie sind so schonend wie möglich zu behandeln«, sagt Mierendorff zur WZ. Er hoffe, dass das nicht wieder vorkommt.

Gegen Ende der Woche konzentrierte sich die Debatte in der Tat darauf, ob die Behörden hier kein Fingerspitzengefühl gezeigt haben. Der für Integration bei der Stadt zuständige Stadtrat Mario Schäfer sagt zur WZ: »Ich bedauere sehr, dass die Abschiebung aus der Schule heraus stattgefunden hat. Die Schule sollte ein geschützter und angstfreier Raum sein.« Der Fall zeige auch, dass Abschiebungen kein abstraktes Ereignis seien, es gehe immer um menschliche Schicksale, von denen auch Freunde, Verwandte und Bekannte betroffen seien. Er hofft wie Mierendorff, dass es bei dem Einzelfall bleibt.

Betroffen zeigt sich auch der Karbener Ausländerbeirat. Man habe von Eltern der Kurt-Schumacher-Schule von der Abschiebung der 16-jährigen serbischen Schülerin aus einer Klasse erfahren. »Der Ausländerbeirat verurteilt die Art und Weise des Vorgehens aufs Schärfste«, so die Vorsitzende Jetty Sabandar. Auch wenn die Polizeibeamten im Auftrag des Regierungspräsidiums rechtmäßig und mit »Fingerspitzengefühl« gehandelt haben sollen, müsse man sich fragen, was in deren Köpfe vorgeht. »Wie bedrohlich für die ganze Klasse muss es erscheinen und gar erniedrigend für das Mädchen, wenn die Polizei in der Schule auftaucht und das Mädchen mitnimmt.« Dem RP und der Polizei sei offenbar nicht bewusst, dass die Schule ein geschützter Raum sei. Der Ausländerbeirat schließt sich der Forderungen des Kreisschülerrats, des DGB und der Linken-Fraktion an, dass derartige Eingriffe in einem inneren Schulbetrieb künftig zu unterlassen seien. Sabandar: »Die Schule muss ein geschützter Raum bleiben.«

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