Horst Scheller an einem seiner Äcker auf dem Sojabohnen wachsen. Bis mindestens Ende September müssen die Hülsenfrüchte noch reifen, ehe sie geerntet werden können.
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Horst Scheller an einem seiner Äcker auf dem Sojabohnen wachsen. Bis mindestens Ende September müssen die Hülsenfrüchte noch reifen, ehe sie geerntet werden können.

Sojabohnen

Sojaanbau in der Wetterau: »Das glich damals einer Wette auf die Zukunft«

  • VonJürgen W. Niehoff
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Sojabohnen werden immer populärer. Daher bauen inzwischen auch hessische Landwirte Soja an. Der Wetterauer Landwirt Horst Scheller klärt auf, wie der Anbau hier funktionieren kann und weshalb deutsches Soja überwiegend als Tierfutter verwendet wird.

Karben – Was wächst denn dort? Fragen sich Passanten und schauen auf die Felder - auch rund um Karben. Derzeit sind die Pflanzen etwa hüfthoch, die Blätter beginnen braun zu werden, die behaarten Schoten sind deutlich sichtbar. Auf immer mehr Äckern gedeiht Soja, auch auf den Flächen von Landwirt Horst Scheller in Rendel.

In einer der 27 VW-Kantinen gibt es zukünftig nur noch vegane Currywürste. Wenn das bundesweit Schule macht, könnte dies eine Gruppe freuen: Die Ackerbauern, auf deren Feldern Lebensmittel-Soja wächst. Denn die Hülsenfrüchte sind im Trend auf den Äckern. Das Land Hessen hat extra eine »Eiweißinitiative« gestartet, um den Anbau der Hülsenfrüchte zu fördern. Inzwischen gedeihen landesweit auf 1800 Hektar Sojabohnen (Stand Ernte 2020), 2018 waren es noch 640 Hektar. Deutschlandweit hat sich die Anbaufläche von 2016 bis 2020 mehr als verdoppelt.

Noch würden immer noch viele Landwirte vor dem Soja-Anbau zurückschrecken. »Das hat mehrere Gründe«, erklärt der Rendeler Landwirt Horst Scheller. Er bewirtschaftet einen 125 Hektar großen Landwirtschaftsbetrieb. Soja gedeiht bei ihm in diesem Jahr auf 27 Hektar. »Die Saat ist gegenüber den Weizensorten teurer, die Aussaat zumindest zu Beginn komplizierter, vor allem aber gibt es am Ende Probleme mit der Vermarktung«, sagt Scheller. Vor vier Jahren hat er erstmals Soja angebaut. »Das glich damals einer Wette auf die Zukunft«, erinnert er sich.

Wetterauer Landwirt baut seit vier Jahren Soja an

Mittels einer EU-Richtlinie, die den Handel mit gentechnisch veränderten Sojasorten gänzlich untersagen sollte, wäre deren Einfuhr aus den USA und Lateinamerika gestoppt worden. Und ohne diese Konkurrenz aus Amerika hätte es ein gutes Geschäft mit Soja werden können, denn die Nachfrage wuchs von Jahr zu Jahr. Die EU-Richtlinie wurde dann zwar auch erlassen, »allerdings mit dem kleinen Schönheitsfehler, dass eine Verunreinigung von bis zu einem Prozent doch noch zugelassen wurde.«

Dabei hätte das Zurückfahren auf Null-Verunreinigung und dadurch die Belieferung Europas nicht nur den europäischen Landwirten geholfen, die dann nicht mehr dem immensen Kostenpreisdruck ausgesetzt wären, sondern auch dem Klimaschutz. »Könnten die Brasilianer nicht mehr so viel Soja auf dem europäischen Markt absetzen, dann müssten sie ihren Anbau zurückfahren und bräuchten nicht mehr so viel Regenwald fällen«, schlussfolgert der Rendeler Landwirt. Für ihn hat der Sojaanbau auch in Deutschland immer noch Zukunft. Denn Soja wird für Sojamilch, Sojaöl sowie Fleischersatzprodukte wie Tofu oder vegetarische Grillwürstchen verwendet und kommt zudem in einer anderen Sorte bei Tierfutter als Eiweißlieferant zum Einsatz.

Wetteraukreis: Sojaanbau diene dem Klimaschutz – auch bei konventioneller Landwirtschaft

Auch wenn zurzeit Bayern und Baden-Württemberg die Hauptanbaugebiete von Soja in Deutschland sind, so glaubt Scheller doch, dass sich der Anbau auch in Hessen immer mehr durchsetzen wird. »Schon allein aus ökologischen Gründen. Also wegen des besonders achtsamen Umgangs mit der Natur.«

Er selbst betreibe konventionelle Landwirtschaft, aber auch da habe man inzwischen längst begriffen, dass Sojaanbau gut für den Boden und das Grundwasser ist. »Es muss einfach weniger gedüngt werden«, erklärt Scheller. Durch die Einsparung von mineralischen Stickstoffdüngemitteln trägt der Sojabohnenanbau dazu bei, die CO2-Emissionen, die bei der Herstellung dieser Düngemittel entstehen, zu verringern. Wichtig für den Anbau ist vor allem der Standort. Die Böden sollten eine gute Struktur, eine hohe Wasserkapazität und eine eher geringe Stickstoffnachlieferung aufweisen. Ungeeignet seien beispielsweise staunasse, steinige und flachgründige Böden; erklärt der Ackerbauer.

Was muss beim Anbau von Sojabohnen in der Wetterau beachtet werden?

Was macht den Anbau so kompliziert? Sojabohnen sollten zwischen Mitte April und Mitte Mai bei einer Bodentemperatur von über zehn Grad Celsius - mit der Aussicht auf weiter steigende Temperaturen - ausgesät werden. Vor der Aussaat müssen Sojabohnen beimpft werden, da die spezielle Knöllchenbakterienart an den Wurzeln, die eine Symbiose mit Sojabohnen eingeht, nicht natürlich in den hiesigen Böden vorkommt. Auch die Ernte will gelernt sein, es sei wichtig den richtigen Reifezeitpunkt herauszufinden. »Und der ist erreicht, wenn die Bohnen in der Hülse frei liegen und beim Schütteln der Bohne klappern«, erklärt Scheller. Da Sojabohnen keine hohen Ansprüche an die Vorfrucht hätten, könnten sie gut in eine abwechslungsreiche Fruchtfolge integriert werden.

Als die Rede auf die Vermarktung kommt, werden bei Scheller Sorgenfalten auf seiner Stirn sichtbar. »Zurzeit bauen wir nur Soja für Tierfutter an, da wir dafür auch erst nach langer Suche einen Abnehmer gefunden haben.« Viel lieber würde er Soja für den menschlichen Verzehr anbauen, weil Sojabohnen bei fleischarmer oder vegetarischer Kost fast unverzichtbar sind. »Doch dafür gibt es hier in Deutschland keinen Abnehmer.« Und dann zählt Scheller die großen Lebensmittelfirmen auf, die er angeschrieben hat und die alle sein Angebot abgelehnt haben. Trotzdem will er nicht aufgeben. »Irgendwann werden auch meine Sojabohnen in Tofu oder veganen Curry-Würsten auf den Markt kommen.«

Die Nachfrage nach heimisch angebautem Soja soll nach Aussage des Bauernverbandes groß sein, nicht zuletzt, weil in Europa keine gentechnisch veränderten Sojasorten angebaut werden dürften.

Hessische Eiweißinitative unterstütz den Anbau heimischer Eiweißfutterpflanzen wie Soja

Dennoch deckt das inländische Angebot bei Weitem nicht die Nachfrage. So wurden 2020 rund 3,9 Millionen Tonnen Sojabohnen importiert, vor allem aus den USA und Brasilien. Der Soja-Anbau und -import, etwa für Tierfutter oder Bio-Kraftstoff, ist aber vor allem unter Umweltgesichtspunkten umstritten, weil dafür zum Beispiel in Brasilien im Amazonasgebiet Wälder gerodet werden.

Ziel der Hessischen Eiweißinitiative ist es, den Anbau und die Verwertung heimischer Eiweißfutterpflanzen wie Soja zu fördern. Potenziale für eine gentechnikfreie Fütterung und für regionale Wertschöpfungsketten in der hessischen Landwirtschaft sollen genutzt und neue Potenziale eröffnet werden. (jwn)

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