Die Pfarrer zeigen mit ihren Zollstöcken, worauf es jetzt ankommt (v. l.): Christian Krüger, Eckhard Dautenheimer, Nadia Burgdorf und Werner Giesler.	FOTOS: JÜRGEN SCHENK
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Die Pfarrer zeigen mit ihren Zollstöcken, worauf es jetzt ankommt (v. l.): Christian Krüger, Eckhard Dautenheimer, Nadia Burgdorf und Werner Giesler. FOTOS: JÜRGEN SCHENK

Gottesdienste wieder erlaubt

Wetterauer Pfarrer: Mit Talar und Zollstock

  • vonJürgen Schenk
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Gläubige haben Grund zur Freude: Gemeinsame Gottesdienste sind wieder erlaubt. Doch manche Dinge werden in Bad Vilbel und Karben anders aussehen und sich anders anfühlen.

Die zuletzt leeren Kirchen sollen ab diesem Wochenende wieder der Vergangenheit angehören. Die Politik hat entschieden: Gottesdienste dürfen in den Gotteshäusern wieder gefeiert werden. Dennoch kommen evangelische und katholische Gemeinden nicht umhin, strenge Hygieneregeln einzuhalten. Deren Umsetzung soll von den jeweiligen Kirchengemeinden organisiert werden.

Verantwortlich sind die evangelischen Kirchenvorstände, für die Katholiken ist das Bistum weisungsbefugt. An eine Liturgie ohne Kontakt und Gesang muss ebenso gedacht werden wie an Desinfektionsmittel am Eingang. Hauptproblem in den überwiegend kleinen Wetterauer Dorfkirchen dürfte aber das Raumkonzept sein. Wie können Menschen überhaupt noch gleichzeitig in die Kirche gehen, wenn in den Stuhlreihen und Bänken 1,50 Meter Abstand eingehalten werden muss?

Gottesdienste in der Wetterau: Neue Angebote sollen bleiben

Die evangelische Kirchengemeinde Dortelweil hat auf diese Frage eine klare Antwort: Zunächst gar nicht. In der Corona-Krise gehen die Christen in dem Bad Vilbeler Stadtteil neue Wege. In den letzten Wochen habe man in veränderter Form Gemeinschaft miteinander erlebt und Halt und Trost durch Gottes Wort erfahren, teilt der Kirchenvorstand mit.

Neu entstandene Angebote wie die offene Kirche, den Vaterunser-Weg oder den Online-Glaubensimpuls wolle man weiterführen. Das bedeutet, dass es in Dortelweil im Mai noch keine Gottesdienste geben wird. Frühester Wiedereinstiegstermin könnte das Pfingstwochenende sein. Auch der Ort wird vermutlich ein anderer sein. Angedacht sind künftig Gottesdienste am Gemeindehaus »Arche« in der Nähe des Kultur- und Sportforums.

Gottesdienste in Zeiten von Corona: Gerade noch 30 Plätze bleiben übrig

»Unsere Angebote werden von den Menschen gut angenommen und unterstützt«, berichtet Pfarrer Johannes Misterek. »Seit der Karwoche sind 400 Leute in die geöffnete Kirche gekommen, 250 Kerzen wurden aufgestellt. Jede Kerze ist ein Gebet. In diesen Zeiten wirkt die Kirche wie ein Magnet. Sie zieht alles an, vor allem das Gute in den Menschen. Wir beobachten jetzt viel Hilfsbereitschaft untereinander. Hier gibt es dafür die geistige Nahrung.«

Küster Matthias Kallmeyer macht deutlich, wo das Hauptproblem bei der Umsetzung der Hygiene-Konzepte liegt. »240 Plätze bietet die Dortelweiler Kirche für Gottesdienstbesucher«, rechnet er vor. »Die Emporen fallen weg. Bei der Einhaltung des Mindestabstands von 1,50 Metern seitlich sowie nach vorne und hinten bleiben noch 30 Plätze übrig. In die Kirche kommen normalerweise aber rund 60 Leute.«

Gottesdienste Wetterau: Im Pfarrbüro anrufen und anmelden

In der katholischen Kirche St. Bonifatius in Karben wird am 9. Mai wieder Gottesdienst gefeiert. Dazu kam vom Bistum Mainz in der vergangenen Woche eine Dienstanweisung mit strikten Auflagen. Die hat dazu geführt, dass die Vorbereitungen mit Zollstock und Taschenrechner durchgeführt werden mussten. Die Gesamtquadratmeterzahl des Innenraums geteilt durch zehn Quadratmeter für jeden Besucher unter Berücksichtigung von 1,50 Metern Mindestabstand - daraus ergibt sich die erlaubte Besucherzahl. In St. Bonifatius stehen somit 25 Plätze in den mittleren Stuhlreihen zur Verfügung. Dazu kommen Küster, Ordner, Lektor, Organist und Pfarrer.

Noch weniger, nämlich 18, sind es in St. Bardo Petterweil und St. Johannes Nepomuk Kloppenheim. Pfeile auf dem Boden weisen den Weg für die Gläubigen. »Es sieht ein bisschen aus wie bei der Verkehrserziehung auf dem Schulhof«, weiß Pfarrer Stefan Oberst. »Wer künftig am Wochenende oder an den Feiertagen den Gottesdienst besuchen möchte, muss im Pfarrbüro anrufen und sich in eine Liste eintragen lassen. Ohne diese vorherige Anmeldung geht es nicht. Die Adressdaten bleiben für 21 Tage gespeichert.«

Gottesdienste Wetterau: Unterschiede von Ort zu Ort

Die evangelische Gesamtkirchengemeinde Karben startet am 17. Mai unter einem nahezu identischen Hygienekonzept wie die katholische Kirche. Telefonische Anmeldung und Listeneintragung gehören ebenfalls dazu. Von Ort zu Ort wird es dennoch Unterschiede geben: In Okarben und Groß-Karben wird weiterhin Gottesdienst in der Kirche gefeiert, Klein-Karben beginnt mit einem Theatergottesdienst hinter der Kirche, der den Titel »Die Reise in die neue Zeit« trägt, und die Rendeler Gläubigen treffen sich im Pfarrgarten. In Burg-Gräfenrode findet an Pfingsten ein Open-Air-Gottesdienst vor der Oberburg statt. Abendmahlsfeiern fallen aus. Die Rendeler Pfarrerin Nadia Burgdorf weiß, dass einige »Neuerungen« wehtun werden. Besonders schmerzhaft für die Leute sei wahrscheinlich der Verzicht auf Gesang, vermutet sie. »Wir wollen das mit mehr Musik, auch mit Solisten, ausgleichen. Ich glaube, dass diese Krise viel Kreativität freigesetzt hat. Wir müssen ständig neue Wege finden. Hoffentlich bleiben später ein paar Dinge davon übrig.«

In den Kirchen sind Masken Pflicht. Gemeindegesang ist in beiden Kirchen untersagt. Vermehrter Einsatz von Orgel- oder Klavierspiel wäre eine denkbare Alternative. Vor den katholischen und evangelischen Kirchen werden Ordner am Eingang die Namen der Gottesdienstbesucher kontrollieren und auf einer Anwesenheitsliste abhaken. Hier gibt es auch eine Möglichkeit zum Händedesinfizieren. Menschenansammlungen vor und nach dem Gottesdienst müssen verhindert werden. Wer Symptome einer Atemwegserkrankung oder Fieber hat, darf nicht teilnehmen. Die Dauer des Gottesdienstes sollte eine Stunde nicht überschreiten. Benutzte Sitzplätze werden nach oder zwischen den Gottesdiensten desinfiziert. Pfarrer Oberst weist darauf hin, dass Menschen, die zu einer Risikogruppe gehören, zum Eigenschutz die Teilnahme gründlich überdenken sollten. jsl

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