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Immer wieder versuchen Betrüger am Telefon gerade ältere Menschen in eine Falle zu locken, indem sie sich als Nachbarn oder vermeintliche Enkel ausgeben. (Symbolfoto)

Telefonbetrug

Wetteraukreis: Opfer zahlt tausende Euros an Betrüger – doch dann schnappt die Polizei zu

  • VonPatrick Eickhoff
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Im Wetteraukreis wurden Telefonbetrüger zu gierig. Sie hatten schon tausende Euros von einem Rentner ergaunert, aber als sie mehr wollten, war die Polizei zur Stelle.

Karben – Es ist 10.54 Uhr. Hans S. (Name von der Redaktion geändert) ist beschäftigt. Auf seinem Bett sortiert der 87-Jährige Unterlagen und Dokumente. Dann klingelt sein Telefon. Am anderen Ende der Leitung spricht ein vermeintlich Bekannter, bittet Hans S. allerdings direkt niemanden von »seinem Problem« zu erzählen. Die Stimme kommt Hans S. irgendwie bekannt vor. »Peter, bist du es?«, fragt der Rentner. Ein fataler Fehler. Am Telefon ist nämlich nicht sein Nachbar Peter, sondern ein Betrüger, der diese Steilvorlage direkt ausnutzt. »Ja klar, ich bin es. Erkennst du denn etwa deinen Nachbarn nicht wieder?«

Telefonbetrug im Wetteraukreis: Opfer fühlte sich wie „im Tunnel“

Von da ist der Karbener »im Tunnel«, wie er sagt. Sein vermeintlicher Nachbar erzählt ihm, dass er zur Altersvorsorge ein Grundstück kaufen wolle, ihm aber 30 000 Euro fehlen würden. Die Bank hätte ihm eine Auszahlung erst ab 16 Uhr zugesagt. »Er sagte, er braucht das Geld früher, sonst würde der Grundstückseigner vom Angebot zurücktreten.« Hans S. sagt, dass er so viel Bargeld nicht zu Hause habe, sondern höchstens 2500 Euro. »Dann sagte, er dass er mit dem Notar sprechen müsste und legte auf. Nach einem weiteren Telefonat bot ich an bei der Bank noch 2000 Euro holen zu können.«

Damit gibt sich der Betrüger zufrieden. Der falsche Nachbar Peter gibt an, im Gericht zu sein, das Geld würde eine Rechtsanwältin abholen - aus Zeitgründen. Verdacht schöpft Hans S. bis zu diesem Zeitpunkt nicht. »Es ging alles so schnell. Daran habe ich nicht gedacht.«

Telefonbetrug im Wetteraukreis: Angebliche Anwältin kommt das Geld holen

Die angebliche Rechtsanwältin erscheint um 12.35 Uhr vor dem Haus in Karben. »Auf meine Frage nach ihrem Ausweis, sagte sie, dass sie den im Auto hat. Anschließend hielt sie mir ihr Telefon hin. Am Apparat war Peter, der mir versicherte, dass alles okay ist.« Wenige Minuten später ist alles vorbei. Hans S. ist wieder in seiner Wohnung, will weiter aufräumen. Er blickt aus dem Fenster und sieht den Wagen seines Nachbarn Peter in der Einfahrt stehen. »Ich habe ihn sofort angerufen und gefragt, ob mit dem Geld alles geklappt hat? Der wusste natürlich von nichts« Dann dämmert es dem 87-Jährigen. Er ist Betrügern auf den Leim gegangen. Doch der Karbener schaltet schnell. »Ich habe natürlich sofort die Polizei informiert.« Kurz nach dem Telefonat mit den Beamten klingelt bei Hans S. wieder das Telefon. Der Betrüger meldet sich und fragt nach weiteren 30 000 Euro. Der 87-jährige Hans S. spielt das Spiel mit und sichert für den folgenden Tag den Betrag zu. »Ich sagte, dass ich am nächsten Tag um 8 Uhr zur Bank nach Frankfurt fahren würde und gegen 10 Uhr wieder da sein würde. Ich versicherte ihm, dass wir Glück gehabt hätten, weil zwei Kunden ihren Termin abgesagt hätten. So habe ich meine Glaubwürdigkeit untermauert.«

Kriminalpolizei stellt den Telefonbetrügern im Wetteraukreis eine Falle

Einen Tag später trifft um 8 Uhr morgens die Kriminalpolizei bei ihm ein. Der Einsatzleiter und eine bewaffnete Beamtin betreten die Wohnung. »Wir warteten auf einen Anruf und tatsächlich klingelte es«, sagt Hans S. Um 8.48, 8.49, 8.50, 8.56, 9.01 und 9.11 Uhr. Das Telefon steht nicht mehr still. »Die Betrüger wollten testen, ob ich wirklich in Frankfurt bin, um das Geld zu holen. Deshalb haben wir klingeln gelassen.«

Um 9.17 schellt es erneut. Der Einsatzleiter gibt Hans S. ein Zeichen. »Er sagte, dass wir jetzt zurück sein können, und ich solle rangehen. Am Telefon war Peter und sagte, ich solle auf keinen Fall auflegen, er sei gerade beim Amtsgericht.« Der Betrüger erwähnt, er wolle das Geld persönlich abholen. Einen Anruf später berichtet Peter davon, dass er unabkömmlich sei, er aber versuche die Rechtsanwältin zu erreichen. Hans S. spielt im Beisein der Beamten alles mit. »Das war drehbuchreif«, attestieren diese ihm später. Dann klingelt - ausgerechnet während eines Telefonats mit Peter - das Handy von Hans S. »Er wollte natürlich sofort wissen, wer das war. Ich erzählte ihm von der Altenpflege. Er glaubte mir.«

Telefonbetrug im Wetteraukreis: Opfer spielt den Lockvogel

Weil die ganze Szenerie an Dreistigkeiten kaum zu überbieten ist, versuchen die Betrüger kurz vor Schluss noch einen weiteren Trick. »Peter rief erneut an und sagte, er habe das Vertrauen in seine Bank verloren und er wolle sein ganzes Geld abheben und bei mir lagern. Ich habe gesagt, dass ich ungern große Mengen Geld bei mir habe, für ihn aber eine Ausnahme machen würde, wenn es nur eine kleine Zeitspanne ist.«

Der Betrüger beißt an. Von den Polizisten gibt es dafür den Daumen hoch während des Telefonates. Kurze Zeit später ruft der Betrüger erneut an - die Anwältin sei auf dem Weg.

Wetteraukreis: Betrügerin hat Kleidung und Frisur geändert

Für Hans S. und die Beamten beginnen bange Minuten. Der Einsatzleiter und seine Kollegin verstecken sich draußen. »Nervös war ich nicht«, sagt der 87-Jährige. Er betritt die Straße, die Betrügerin sieht er bereits aus der Entfernung. Als sie den Hof betritt, schlagen die Beamten zu. »Wie aus dem nichts waren acht Polizisten da und haben sie festgenommen«, sagt Hans S. »Das war alles so schnell vorbei. Die Polizei hat einen super Job gemacht. Mir war zu keiner Sekunde mulmig.«

Die Frau hatte zwar Kleidung und Frisur geändert. Der Karbener ist sich dennoch sicher, sie wiedererkannt zu haben. Dass der 87-Jährige die 4500 Euro jemals wieder sehen wird, ist unwahrscheinlich. »Ich bin froh, dass wir gemeinsam mit der Polizei die Betrügerin schnappen konnten.«

Telefonbetrug im Wetteraukreis: Opfer sperrt Anrufe mit unterdrückter Nummer

Bis zu diesem Zeitpunkt hat Hans S. immer geglaubt, auf so etwas nicht reinfallen zu können. »Und dann hat es mich erwischt.« Die 30 000 hätte er aber ohnehin nicht geholt, wie er betont. »Wir sind ja befreundet. Da hätte Peter rüberkommen können und mit mir reden müssen.«

Im Nachgang nimmt Hans S. Änderungen an seiner Telefonanlage vor. »Anrufe mit unterdrückter Nummer gehen nicht mehr durch«, sagt er.

Außerdem ermutigt er jeden, der den Hauch eines Verdachtes schöpft, sich bei der Polizei zu melden. »Sie haben mir sehr geholfen und mir Mut zugesprochen. Nur so konnte eine Betrügerin gefasst werden.« (Patrick Eickhoff)

Im April warnte die Polizei in der Wetterau vor Betrügern, die sich die Corona-Pandemie zu nutzen machen. So wurde zum Beispiel Geld für die angebliche Behandlung eines Enkels gefordert.

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