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Abschied: Ein Teil der Besucherinnen und Besucher der nun geschlossenen Tagesstätte der Diakonie für Menschen mit psychischen Erkrankungen.

Wenn das Vertraute plötzlich wegbricht

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Karben (pm). 2008 wurde eine Tagesstätte als Teil des Psychosozialen Zentrums Karben, getragen vom Diakonischen Werk Wetterau (DWW), eröffnet. Vor wenigen Tagen ist sie geschlossen worden (diese Zeitung berichtete). Die Besucherinnen und Besucher wünschten sich in den letzten Öffnungstagen ein Pressegespräch: um Rückschau zu halten, um ein Fazit zu ziehen, was die Schließung für ihre eigene Lebenssituation, aber auch für die Stadt bedeutet.

Karin kam seit zehn Jahren in die Tagesstätte. Für Maritta sind die Räume seit acht Jahren ein vertrauter Ort. Isa war erst seit ein paar Monaten hier, aber sie sagt: »Das ist das erste Mal, dass mein Geburtstag gefeiert wurde.«

Von den zuletzt hier in Voll- oder Teilzeit eingebundenen 15 Besuchern wechseln 13 in andere Tagesstätten des Diakonischen Werks, zwei verzichten auf eine vergleichbare Betreuung. Ob sie schnell ein anderes Hilfemodell für sich gefunden haben? Das scheint zweifelhaft, denn ein entscheidender Kritikpunkt der Besucher am Träger ist, dass die Schließung so spät, erst am 20. Juli, bekannt gegeben wurde. »Viele von uns leben in einem unsicheren, isolierten Umfeld, das Wegbrechen des Vertrauten tut weh«, sagt eine Besucherin. Dazu kommt die Anfahrt. Wohl werden als Teil der Leistungspauschale des Landeswohlfahrtverbands auch die Fahrtkosten übernommen. Aber zwei Besucherinnen kamen vorher mit dem Rad zur Tagesstätte. Für mehrere trug das Angebot des Offenen Treffs in Karben dazu bei, sich für die Betreuungsform Tagesstätte zu entschließen.

Im Rückblick der Gruppe wird deutlich, wie vernetzt mit dem Sozialraum Karben die Besucher waren. Einige machten beim Gartenpflegeprojekt »Rosenhang« mit, waren bei der Aktion »Karben räumt auf« dabei, pflegten das Bücherregal in einem der örtlichen Supermärkte. Es gab das Projekt »Zukunftsräume«, »Neue Nachbarn«, »Food sharing« war in Vorbereitung.

Wunsch nach Haus der Begegnung

Die Gruppe kritisiert auch die Stadt Karben: »Hier wird viel für Kinder und Jugendliche getan, das Vereinsleben ist vielseitig. Aber Karben ist keine Stadt für Kranke, Behinderte, Benachteiligte. Es gibt jetzt keine Alternative zum Offenen Treff mehr, es gibt hier kein ›Haus der Begegnung‹ wie in Bad Vilbel.«

Andere Besucherinnen sind im Projekt »Verrückt? - Na und!« engagiert, berichten in Schulen über das Leben mit einer psychischen Erkrankung, kommen mit den Jugendlichen ins Gespräch, machen den Wert eines präventiven Lebensstils deutlich.

»Sogar Klassen, die uns als schwierig angekündigt wurden, lassen sich darauf ein, sie spüren das Authentische an unseren Berichten«, ist zu hören. Dazu kamen anregende Angebote in der Tagesstätte selbst: Kreatives, Spielerunden, gemeinsame Ausflüge, Musik und Bewegung. Betont wird die Freundlichkeit und Empathie des Betreuungsteams. »Es ist gelungen, dass sich ganz unterschiedliche Menschen hier wohlgefühlt haben«, sagt Maritta. Eine der anderen Frauen ergänzt. »Hier war meine Familie.«

Schließungsgrund: geringe Auslastung

Der Grund für die Schließung war zu geringe Auslastung. Eckhard Sandrock, Leiter des Diakonischen Werks Wetterau begründet: »Wir haben uns über Jahre bemüht, etwa durch den offenen Treff, Kontakt zu weiteren Menschen aufzubauen - das ist nur in geringem Maß gelungen. Mit der geringen Besucherzahl war das kostendeckende Betreiben nicht möglich und wir können nicht über lange Zeit Defizite anhäufen.« Sandrock gibt zu: »Wir hätten die Besucher früher informieren sollen«, denn das wird durchweg kritisiert. Frühe Information hätte zugleich die wenig belastbaren Besucher beunruhigt und deren Vorstellung »Wir hätten auch dazu beitragen können, dass die Tagesstätte bleibt« scheint zumindest fraglich. Mehrere Gruppenmitglieder meinten: »Beunruhigung schafft Gemeinschaft.«

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