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Wetterau: „Geisterbrücke“ soll für S6-Ausbau „sanft gesprengt“ werden

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Von: Jürgen Schenk

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Seit mehr als 80 Jahren überspannt eine Brücke ins Nichts die Bahngleise bei Okarben. Im Zuge des Ausbaus der S-Bahngleise laufen die Planungen das Beton-Bauwerk zu sprengen.
Seit mehr als 80 Jahren überspannt eine Brücke ins Nichts die Bahngleise bei Okarben. Im Zuge des Ausbaus der S-Bahngleise laufen die Planungen das Beton-Bauwerk zu sprengen. © Jürgen Schenk

Die ältesten Einwohner Okarbens waren noch kleine Kinder, als der Brückentorso gebaut wurde. Nun könnten die Tage des Bauwerkgs gezählt sein, das hat mit dem Ausbau der Main-Weser-Bahn zu tun.

Karben - Irgendwann Mitte der 1930er Jahre muss es gewesen. So genau kann sich niemand mehr in Okarben daran erinnern, wann die mächtige Betonbrücke über die Gleise gebaut worden ist. Den angrenzenden Heilighäuser Ring gab es in der Zeit noch nicht. Um das Gleisbett der Main-Weser-Bahn herum war nur freies Feld.

Was die Nationalsozialisten mit dem Brückenbau bezwecken wollten, ist bis heute nicht ganz klar. Vermutlich ging es schon damals um das Thema Verkehrsentlastung. Abzweigend von der westlich verlaufenden Reichsstraße, der heutigen B3, sollte wohl eine Straße über die Bahnlinie und an Okarben vorbei entstehen. Einen Hinweis für diese Theorie bietet auch ein Blick aus der Vogelperspektive auf die breit angelegte Brückenführung. Die Umsetzung des Planes wurde mit Kriegsbeginn gestoppt und geriet dann in Vergessenheit.

Weder das Land Hessen noch die Stadt Karben oder die Deutsche Bahn sehen sich als Eigner der »Geisterbrücke«, wie eine Recherche der Frankfurter Neuen Presse vor einigen Jahren ergab. Die Bahn hält sie allerdings soweit in Schuss, dass keine Gefahr für den Zugverkehr entsteht.

Wetterauer „Geisterbrücke“: Schlechter Zustand und Ausbau der S6 verlangen Rückbau

Eine Spurensuche im Stadtarchiv und im Archiv des Karbener Geschichtsvereins blieb jüngst ohne Ergebnis. Alle mutmaßlich vorhandenen Unterlagen scheinen wie vom Erdboden verschluckt zu sein. Denkbar ist, dass die Dokumente an anderer Stelle lagern.

Die Anwohner mussten sich notgedrungen mit der Betonruine arrangieren. Und das taten sie einfallsreich. So ließen sie der natürlichen Begrünung einfach freien Lauf. Auf beiden Seiten des Torsos lagern zudem aufeinandergestapelte Holzscheite. Von der Bundesstraße aus kann man so nur noch einen vagen Blick auf die Brücke erhaschen. Das war lange Zeit anders. Viele werden sich noch an die seltsame Aussicht erinnern, wenn man auf der B3 an Okarben vorbeifuhr.

Doch in naher Zukunft dürfte wohl das letzte Stündlein der »Soda-Brücke« schlagen. Entsprechende Informationen erhielt diese Zeitung kürzlich von der Deutschen Bahn AG. Die Brücke sei in keinem guten Zustand und müsse mit dem viergleisigen Ausbau der S6 zwischen Bad Vilbel und Friedberg komplett zurückgebaut werden, teilte eine Bahn-Sprecherin per E-Mail mit.

Wem gehört das Areal rund um die Brücke? Nachbarn lagern hier Holz und haben Hütten gebaut. Das alles muss geräumt werden, wenn die Bahn die Brücke zurückbauen wird.
Wem gehört das Areal rund um die Brücke? Nachbarn lagern hier Holz und haben Hütten gebaut. Das alles muss geräumt werden, wenn die Bahn die Brücke zurückbauen wird. © Jürgen Schenk

„Soda-Brücke“ in der Wetterau: Sanfte Sprengung in mehreren Etappen geplant

Die Bahnsprecherin erinnert daran, dass mit den Anwohnern, die das alte Bauwerk in den vergangenen Jahren genutzt haben, um beispielsweise von außen Verschläge und Schuppen anzulehnen, während der ersten Erörterungstermine zum Bau der neuen Bahngleise die Möglichkeit einer weiteren »Teilnutzung« diskutiert worden sei. Dabei sei es darum gegangen, ob die angebauten Schuppen und Verschläge auf der Ostseite erhalten bleiben können. »Wir sind aber zu dem Ergebnis gekommen, dass das nicht möglich sein wird und es bei dem vollständigen Rückbau bleiben muss«, teilt die Bahn mit.

Rückbau bedeutet in diesem Fall sehr wahrscheinlich Sprengung. Dazu teilte die Sprecherin der Bahn weiter mit: »Die angrenzenden Bebauungen werden dabei selbstverständlich vor Schäden geschützt. Wir planen derzeit, eine Art Schutzgerüst mit Abhängungen, die die Druckwelle und den Schmutz zurückhalten«, teilt die Bahn mit. Bevor der Rückbau vorgenommen werde, würden alle Häuser in der Nachbarschaft genau angeschaut, quasi als Beweissicherung. Schon 2017 waren während einer Anhörung bei dem Thema Sprengung die Gemüter hochgekocht (diese Zeitung berichtete). Die Anwohner befürchteten Schäden an ihren Häusern. Die Bahn erklärte jedoch, dass sie eine »sanfte Sprengung« in mehreren Etappen vornehmen wolle. Es sei möglich, »die Brücke einzupacken und Stück für Stück abzusprengen«. Für etwaige Schäden könnten im Anschluss Ersatzansprüche geltend gemacht werden. Nun darf man auf die weiteren Entwicklungen in dieser Angelegenheit gespannt sein. (jsl)

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