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Die streikenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Karbener Conti-Werkes lassen Luftballons steigen. Daran hängen Karten mit Hinweisen zu den vom Konzern geplanten Schließungen und zum Abbau von Arbeitsplätzen in etlichen Werken.

Conti-Mitarbeiter streiken

Warnstreik legt Conti-Werk in Karben lahm

  • Holger Pegelow
    vonHolger Pegelow
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Die IG Metall hat die gut 1100 Karbener Conti-Beschäftigten zu einem 24-stündigen Streik aufgerufen. Damit wollen sie vor der nächsten Verhandlungsrunde den Druck auf den Arbeitgeber erhöhen.

Es ist eisig kalt an diesem Morgen. Gegen 9.30 Uhr zeigt das Thermometer gerade einmal zwei Grad plus. Vor dem Werkstor von Continental Automotive in der Dieselstraße steht ein gutes Dutzend Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in roten Westen, mit Kappen und Mützen. In einer Metalltonne vor der Hütte der Mahnwache brennen Holzscheite, die ein wenig Wärme bringen.

Als die Ersten am frühen Morgen vor dem Werk erschienen sind, zeigen die Uhrzeiger 5 Uhr. Eine Stunde später erkommen normalerweise die Mitarbeiter der Produktion zur Frühschicht. Doch an diesem Donnerstag kommt kaum jemand. Allenfalls ein paar Mitarbeiter mit befristeten Verträgen. Die wollen/müssen arbeiten, weil sie ansonsten ihren Job verlieren. Die Streikposten lassen sie passieren.

Streik bei Conti: Streikposten in Schichten aufgeteilt

Ansonsten sind alle dem Aufruf der IG Metall gefolgt und sind, pandemiebedingt, zu Hause geblieben. Bei Warnstreiks in Normalzeiten sähe es hier sonst ganz anders aus, dann wären ein paarhundert Mitarbeiter vor dem Tor erschienen. So wie vor elf Jahren, als das Werk schon einmal auf der Kippe gestanden hat und auf dem Platz vor der Einfahrt und die Straße entlang sich der Protest formiert hatte. Aber Coronabedingt ist alles anders.

Dennoch wollen die Gewerkschaften ein deutliches Signal setzen. An der Schranke zur Einfahrt haben sie ein Banner aufgehängt »Dieser Betrieb wird bestreikt.« Nach und nach erscheinen mehr Streikende vor dem Tor, so dass gegen halb zehn doch so zwei Dutzend Mitarbeiter protestieren. Weitgehend sind das die Streikposten, die in Vier-Stunden-Schichten arbeiten. Zu dieser Stunde sind die Posten von der Frühschicht noch da, die von der Vormittagsschicht sind hinzugekommen. Viele von ihnen sind in den Fünfzigern, heißt, für die Rente noch viel zu jung. Eine von ihnen ist Jennifer Weber aus Nieder-Wöllstadt. Die 52-Jährige, die als Teamleiterin in der Leiterplattenfertigung arbeitet, sagt, »Alle wollen, dass es hier weitergeht«. Es gebe viele langjährige Mitarbeiter in dem Werk. »Das Durchschnittsalter liegt bei gut 48 Jahren.« Manche würde die Werksschließung hart treffen.

Streik bei Conti: 7000 Euro für Weiterbildung

So etwa auch Jochen Meyer, der aus Lüneburg stammt und sich in Karben quasi eine neue Existenz aufgebaut hat. »Ich habe in Norddeutschland meine Freunde verlassen, um hier arbeiten zu können«, sagt der 51-Jährige. Vor elf Jahren hätten alle hier auf einen Teil des Gehaltes verzichtet, um das Werk zu retten.

Bei den Arbeitenden hat sich Frust breit gemacht: Denn der Arbeitgeber habe in allen Werken von Conti Automotive Ergänzungsverträge abgeschlossen, womit man vom Tarifvertrag in der Metallindustrie abgewichen ist. »Die haben das Geld genommen und dafür Werke in Litauen gebaut«, schimpft einer. Betriebsratsvorsitzender Frank Grommeck bestätigt, der Konzern habe in drei Werken über die gesamten elf Jahre rund 50 Millionen Euro eingespart. »Das ist annähernd das Geld, das er im Ausland in zwei neue Werke investiert hat.«

Streik bei Conti: Zeitschiene gefordert

Sauer ist man vor dem Werktor an diesem Morgen auch, weil sich die Arbeitgeberseite bei den Verhandlungen im Karbener Rathaus »keinen Millimeter bewegt hat«. Es hat laut Grommeck allenfalls eine Andeutung gegeben, die Arbeitgeberseite könne sich »etwas anderes als die Werksschließung« vorstellen. Das sei aber kein bisschen konkret. Vielmehr fordere die Arbeitnehmerseite eine »Zeitschiene«, wie es weitergehen solle und vor allem mit welcher Mitarbeiteranzahl. Bei den Verhandlungen um einen Sozialtarifvertrag sei auch nicht klar, ob es eine Transfergesellschaft geben werde und wenn ja, mit wieviel Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Man fordere zudem 7000 Euro pro Mitarbeiter für eine Weiterqualifizierung, erläutert Betriebschef Grommeck.

Am kommenden Montag soll beim Arbeitgeberverband in Frankfurt weiterverhandelt werden. »Die Sitzung beginnt mittags und ist open end.« Man werde dann noch einmal die ausgearbeiteten Vorschläge von Betriebsrat, Gewerkschaft und Führungskräften des Standortes vortragen. Man sei damit bisher auf taube Ohren gestoßen. Und dann sendet der Betriebratsvorsitzende ein klartes Signal an die Runde in Frankfurt: »Wenn sich weiter nichts bewegt, werden wir sehr zeitnah eine Urabstimmung über einen unbefristeten Streik in die Wege leiten.«

Das Unternehmen Continental bekräftigt den Wunsch nach einer schnellen Einigung mit den Arbeitnehmervertretern. »Gerade hinsichtlich Qualifizierung, Weiterbeschäftigungsmöglichkeiten, Altersteilzeit und Abfindungen ist eine schnelle Lösung wichtig. Denn damit schaffen wir den Rahmen, wie wir unseren Mitarbeitern trotz der Entscheidung zur Standortschließung eine verlässliche Perspektive bieten können«, erklärte ein Sprecher.

Eigentlich lehnen Gewerkschaft und Betriebsrat die Schließung rundweg ab, verhandeln aber gleichzeitig über den Sozialtarifvertrag. Dies schafft die rechtliche Grundlage für Arbeitskampfmaßnahmen wie den 24-Stunden-Streik. Vom Gewerkschaftsvorstand liege inzwischen die Genehmigung für einen unbefristeten Streik vor, sagte der IG-Metall-Bevollächtigte Michael Erhardt.

Im südhessischen Conti-Werk in Babenhausen hatten die dortigen Beschäftigten in den Verhandlungen um einen Sozialtarifvertrag eine Verlängerung der Produktion um drei Jahre erreicht. In Karben verlangt die Gewerkschaft Qualifizierungsangebote und Abfindungen von bis zu 250 000 Euro für langjährig Beschäftigte. dpa

Betriebsratsvorsitzender Frank Grommeck am streikbedingt geschlossenen Conti-Werkstor.

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