wpa_Anderlik_300721_4c_3
+
Walter Anderlik ist stolz auf seinen 14-flächigen Würfel. »So einen gibt es bisher noch nicht«, sagt der seit vorgestern 88-Jährige.

Aus Liebe zur Mathematik

Walter Anderlik und der 14-flächige Würfel

  • VonRedaktion
    schließen

Vom schlechtesten Schüler zum E-Mail-Austausch mit angesehenen Mathematik-Professoren. Walter Anderlik ist 88 Jahre alt geworden und richtig fit. Das zeigt nicht nur ein spezieller Holzwürfel.

Auf den ersten Blick ist es nur ein Stück Holz mit vielen Flächen. Für Walter Anderlik ist es mehr. Der 14-flächige Würfel, den er in der Hand hält, ist aus einer Matheaufgabe entstanden. Seine Gedanken und Berechnungen hat der 88-Jährige mit angesehenen Mathematik-Professoren auf der ganzen Welt geteilt. Dass den Karbener mathematische Gleichungen mal so begeistern, das hätte er vermutlich selbst am wenigstens erwartet.

Walter Anderlik erinnert sich noch genau an seine Schulzeit. »Ich war der Schlechteste«, sagt er. Dem seit wenigen Tagen 88-Jährigen fehlen 1948 zwei Schuljahre aufgrund der Kriegszeit. »Das habe ich gemerkt. Ich habe nichts verstanden, vor allem im Mathe-Unterricht«, erinnert sich Anderlik an die Zeit in Frankfurt-Bonames. 1960 fangen seine Eltern an, in Karben zu bauen. Walter Anderliks Leben und Interessen nehmen dann eine komplette 180-Grand-Wende.

Anderlik schließt eine Lehre zum Kunstbau- und Maschinenschlosser ab, studiert anschließend Maschinenbau. »Ich wollte mich dieser Herausforderung stellen.« Er schließt das Fach Mathematik mit einer 1+ ab. Sein Interesse ist geweckt. Heute sagt er: »Ein Leben ohne Mathe kann ich mir nicht mehr vorstellen.«

Neben der Mathematik spielt die Kunst eine große Rolle. Anderlik baut - mit Unterstützung von König und Neurath - die längste aus einem einzigen Stück Holz angefertigte Kette. »Die Auszeichnung für diesen Weltrekord hängt heute noch in meinem Flur«, sagt er stolz über die sogenannte Kette der Brüderlichkeit. Als sein Rekord geknackt wird, legt Anderlik noch mal nach und baut eine 25 Meter lange Kette - ganz ohne Klebstoff oder Nägel. Und auch wenn der Rekord heute mittlerweile bei über 180 Metern liegt. »Das ist eine schöne Erinnerung.«

Der 88-Jährige erinnert sich gerne an die Zeit, als die Kunst in seinem Leben eine große Rolle spielt. Im Karbener Jukuz betreut er eine Kindergruppe. Die Bilder hängen heute noch in der Wohnung Anderliks. »Das hat wirklich Spaß gemacht.«

In den 1980er Jahren stellt er Kunstwerke auf mehreren Hessentagen aus. Was stetig wächst, ist jedoch sein Interesse an der Mathematik. »Sie begleitet mich. Und das meint ja auch mehr als nur ein Gebiet. Es geht von der Astrophysik im weitesten Sinne bis zur Philosophie«, sagt er.

Hohe Auszeichnng erhalten

Walter Anderlik entwickelt eine Aufgabe, die später auch Grundlage für die Berechnung seines Würfels werden soll. Diese schickt er an verschiedene Professoren. Es folgt ein E-Mail-Austausch mit Peter Scholze, Direktor am Max-Planck-Institut für Mathematik.

Er hat mit der Fields-Medaille eine der höchsten Auszeichnungen der Mathematik erhalten. Antworten bekommt Anderlik auch vom Direktor des Mathematikums in Gießen, Albrecht Beutelspacher, und Prof. Dr. Jürgen Wolfart vom Institut für Mathematik der Goethe-Universität Frankfurt.

»Sie schreiben von einer interessanten Aufgabe und haben mir ihre Ansätze präsentiert. Und ganz einig waren sie sich nicht«, berichtet Anderlik. »Hätten sie mich gefragt, hätte ich ihnen meine umfangreichen Berechnungen zur Verfügung gestellt«, sagt er und lacht.

Walter Anderlik wirkt stolz, wenn er über diese Aufgaben spricht. »Ich habe früher nichts von Gleichungen und Zahlen verstanden, und heute bekomme ich E-Mails von angesehenen Professoren, die sich freuen, mit mir über Mathematik zu sprechen. Das ist wirklich schön.«

Dass eine Geschichte wie seine nicht die Seltenheit bleiben muss, davon ist der 88-Jährige überzeugt. Gerade im Bereich der MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) fehlt es an Fachkräften. »Es gibt keine schlechten Schüler, sondern nur die falsche Herangehensweise«, sagt er.

»Man darf Schüler nicht langweilen. Man muss das Interesse wecken. Das ist das A und O.« Anderlik sagt weiter: »Die Kinder und Jugendlichen sind unser Kapital für die Zukunft. Ich muss in einen Menschen hineinhören und mit ihm arbeiten. So kann auch das Interesse für die Mathematik mehr geweckt werden.«

Der 88-Jährige will - solange er noch fit ist - sich weiter mit Mathe und der Kunst beschäftigen. Er lacht und sagt: »Ich habe so viele Interessen wie Hunde Flöhe.«

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare