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Die ehemalige Prostituierte und neue Tabakladenbesitzerin She Te (Lelia Rollinger, links) ist der Engel der Vorstadt. Ihre Verwandten haben sich bei ihr eingenistet und nutzen ihre Gutmütigkeit aus.

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Vom Vorstadt-Engel zur Ausbeuterin

  • VonChristine Fauerbach
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Karben (cf). Kann man in einer Welt, die nach den Maximen des Kapitalismus und des Konsums funktioniert gut sein, ohne Böses tun zu müssen? Bedeutet ein Leben in Wohlstand immer ein Leben auf Kosten anderer? Diesen Fragen spürten 20 Darsteller der KSS Theater-AG »Die Mänaden« in zwei bemerkenswerten Aufführungen von Bertolt Brechts »Der gute Mensch von Sezuan« nach.

Mit einer mutigen Inszenierung eines der bedeutendsten Stücke des Epischen Theaters meldet sich die Theater-AG der Kurt-Schumacher-Schule (KSS) »Die Mänaden« auf der Bühne zurück. Thomas Pechar, Leiter Theater-AG, hat mit neun Darstellerinnen und elf Darstellern Bertolt Brechts Klassiker in der sogenannten, 1943 in den USA entstandenen Opium-Version des Stücks einstudiert.

Opium-Version des Stückes einstudiert

Es existieren mehrere Fassungen dieses Klassikers des Epischen Theaters. Brecht hat sein Stück mehrfach überarbeitet. Die Unterschiede zur Originalfassung liegen in einem überschaubareren Personenkreis und einer verkürzten Handlung. Weitere Unterschiede bestehen darin, dass in der Opium-Fassung, die schmarotzenden Verwandten, die den kleinen Laden von Shen Te (Lelia Rollinger) besetzen, keine Tabakballen mitbringen, sondern Opiumsäcke. Dafür geht Shen Te zu einer Opiumhöhle, um Geld für Sun den Flieger (Moritz Herrmann), den sie vor dem Selbstmord gerettet hat, zu bekommen. Sie wendet sich ab, als sie sieht, was das Rauschgift aus den Menschen macht. Zudem bleibt in der Opium-Fassung offen, ob Shen Te sich mit dem sie finanziell wie emotional betrügenden Flieger Sun aussöhnen wird.

Mit viel Herzblut und großer Überzeugungskraft bringen die jungen Schauspieler das teils märchenhafte und heitere, aber auch schonungslose Stück auf die Bühne. Alle verleihen ihren Rollen Glaubwürdigkeit, verstehen es gestisch, mimisch und spielerisch zu überzeugen.

Aufgrund der Kürze der Proben und Textfülle hat Souffleuse Lea Szillus gut zu tun. Das Stück besteht aus 19 Teilen, zehn nummerierten Szenen, je einem Vorspiel und Epilog sowie sieben Zwischenspielen. Das Bühnenbild hat Regieassistentin Carla Seidel übersichtlich wie zweckmäßig gestaltet. Es lässt den Darstellern ausreichend Platz zum Spielen.

Die Geschichte der Parabel ist bekannt. Seit 2000 Jahren klagen die Menschen über die schlimme Welt, in der sie leben müssen, beschweren sich bei den Göttern, bitten sie, die Umstände besser zu machen. Plötzlich kommen drei Götter, die am Ende auch die Richter spielen (Celine Meiser, Maja Götz und Pia Termersch) auf der Erde, um nach dem Rechten zu sehen. In China suchen sie nach einer Person, die nicht nur moralisch gut ist, sondern auch menschenwürdig leben kann. In Sezuan treffen sie auf den Wasserverkäufer Wang (Tristan Carbon), der ihnen einen Schlafplatz bei seiner Freundin, der warmherzigen Prostituierten Shen Te, organisiert.

Menschen nutzen Gutherzigkeit aus

Bald steht für die Götter fest, dass Shen Te der gesuchte gute Mensch ist. Sie bekommt einen kleinen Tabakladen und soll fortan Gutes tun. Leichter gesagt als getan, denn schnell findet Shen Te heraus, dass die Menschen ihre Gutherzigkeit ausnutzen. Die Witwe Shin (Mia Dettingmeijer) hat ihr den Laden verkauft und wirft Shen Te vor, sie um ihren Lebensunterhalt gebracht zu haben. Sie bettelt bei ihr um Reis. Der Schreiner Lin To (Moritz Gubitzer) will von ihr 50 Silberdollar für Regale haben, die ihm die Witwe Shin noch schuldet. Die Hausbesitzerin Mi Tzü (Celine Meiser) will eine unverschämt hohe Miete im Voraus. Und dann nisten sich auch noch ihre schmarotzenden Verwandten (Kayhan Palit, Lisa Just, Simon Wagner, Mika Steinert, Ella Johnson, Luzian Dettingmeijer) bei ihr ein. Noch ehe das Tabakgeschäft in Schwung kommt, ist es auch schon ruiniert. In ihrer Verzweiflung erfindet Shen Te ihren Vetter Shui Ta (Lelia Rollinger), den sie spielt. Er ist, um es mit dem Schreiner zu sagen, »ein Mann wie ein Messer«. Ihn zeichnen alle Eigenschaften aus, die Shen Te fehlen, die aber eine Geschäftsfrau zur Durchsetzung ihrer Interessen bräuchte. Lelia Rollinger wechselt ihr rotes Kleid gegen Hut und Anzug ein.

In weiteren Rollen zu sehen sind Ron Bennewitz als »der Polizist«, Henning Dreis als reicher Barbier und Witwer Herr Shu Fu, Petros Gözüpekli als Arbeitsloser und Opiumhändler sowie Shamma Heba Tul Baseet als Straßenkind. Zum Team gehören Sonderassistentin und Testbeauftragte Caroline Herter sowie die beiden Techniker Samuel Jansen und Yanick Schmidt.

Das Drama nimmt seinen Lauf. Es spielt sich auf drei Ebenen ab. Auf der Ebene der Götter, auf der Ebene der dramatischen Handlung, die Shen Tes verzweifelten Kampf, ein guter Mensch zu sein, zeigt, wie auch ihr fiktives Ich Shui Ta. Die Szenenbilder zeigen dem Publikum menschliche Handlungen auf drei Ebenen: der persönlichen (Liebe), gesellschaftlichen (Arbeit), institutionellen (Polizei, Gereicht) und wirtschaftlichen (An- und Verkauf).

Eine weitere ist das Publikum, das durch Interaktion mit in die Handlung einbezogen und nach dem offenen Schluss im Epilog aufgefordert wird, selbst eine Lösung für die drängenden sozialen, ökonomischen und moralischen Probleme zu finden. Zu den Verfremdungseffekten gehört die direkte Ansprache des Publikums, teils über die Figuren (teilen ihre Gedanken, Gefühle mit), teils durch Thomas Pechar, der mit einem Megafon Erläuterungen zum Stück, zum 1926 geprägten Begriff des Epischen Theaters »es verbindet die literarischen Gattungen Drama und Epik« sowie zur wesentlichen Methode des Verfremdungseffektes gibt.

Wie lange dauerten die Proben für Bertolt Brechts Parabel »Der gute Mensch von Sezuan«?

Pandemiebedingt haben wir ab 1. Juni dreimal je 90 Minuten geprobt. Und dann vom 7. Juli bis 12. Juli noch einmal täglich je sechs Stunden in der Aula der KSS.

Um die wievielte Inszenierung der Theater-AG »Die Mänaden« handelt es sich und wie lang ist sie?

Es ist die 21. Inszenierung der Theater-AG. Es ist das erste Mal, dass wir ein Brecht-Stück in zwei Akten über 2 Stunden und zehn Minuten zeigen.

Warum dieses Stück?

Es ist ein starkes und modernes Stück. Es thematisiert die Schere zwischen Arm und Reich, das Problem der Armut, zeigt mit Rollenwechseln eindrucksvoll, ab wann Leute böse sind. cf

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