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Pfarrer Werner Giesler hat die Kirchengemeinde St. Michaelis in Klein-Karben in den vergangenen Jahrzehnten geprägt. Nun geht er in Ruhestand.

Entpflichtung

Vom Diskutieren und Schweigen

  • VonJürgen Schenk
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In diesen Tagen endet in Klein-Karben eine Ära - nach mehr als 35 Jahren. Pfarrer Werner Giesler geht in Rente. Vor dem Wechsel ins Privatleben blickt er noch einmal zurück.

Im Dezember 1985 hielt Giesler seinen ersten Weihnachtsgottesdienst als Pfarrvikar in St. Michaelis. Am 19. Januar 1986 ist er zum Pfarrer ordiniert worden. Die ersten fünf Jahre kamen dann eher einer »Probezeit« gleich. Er sei froh gewesen, dass der damalige Kirchenvorstand ihn so gut aufgenommen habe, erzählt Giesler. Die größtenteils alteingesessenen Gemeindemitglieder hätten seinen Ideen offen gegenüber gestanden.

Aus Freiheiten sind Projekte geworden

»Wir machen das mal, dann schauen wir mal«, sei immer der Grundtenor gewesen. »So geht das bis heute«, verrät der dienstälteste Pfarrer in Karben. »Wir haben debattiert, teilweise auch lautstark, aber nachher konnten wir uns immer in die Augen schauen und ein Bier zusammen trinken. Daraus sind einige Freundschaften entstanden.«

Aus den Freiheiten sind mit der Zeit viele Projekte gewachsen. Gegenüber dem herkömmlichen Pfarrdienst unterscheiden sie sich durch ein Gros an sozialem Engagement. Friedensinitiative, Holocaust-Gedenken, Flüchtlingshilfe oder Schulsozialarbeit. Zuletzt war seine Unterstützung für die vom Jobverlust bedrohten Continental-Mitarbeiter gefragt. Giesler war immer mit dabei, bei den Menschen. Vieles davon wird seine Amtszeit überdauern, dessen kann man gewiss sein.

»Es ist mein persönliches Glaubensbekenntnis, für andere Menschen da zu sein«, beschreibt Giesler sein Wirken. Und die Gemeindemitglieder in Klein-Karben dankten es ihm nicht nur durch regen Zuspruch beim Feiern im Kirchgarten. Aus den Konfirmanden bildete er zum Beispiel eine Theatergruppe, die unter seiner Regie viel Lob einheimsen konnte. Das sei seine Kür gewesen. Schmunzeln muss er bis heute über seinen ersten Konfirmandenjahrgang. Der hätte den alten Hühnerstall im Kirchgarten zum Jugendtreff umfunktioniert und dort gerne gefeiert. »Manchmal auch bis in die frühen Morgenstunden«, erinnert sich Giesler. »Den jungen Leuten bin ich immer völlig unvoreingenommen gegenübergetreten, ohne Urteile über sie zu fällen. Ich habe ihnen zu verstehen gegeben: Es ist okay, wie ihr seid. Bei den Menschen zu sein, ist eine grundlegende Aufgabe der Kirche.«

Das kann man gleichwohl auch von Gieslers Tätigkeit in der Sterbe- und Trauerbegleitung behaupten. Wegen der Verschwiegenheitspflicht gelangte allerdings nichts davon an die Öffentlichkeit. Aber diese Aufgabe habe einen großen Raum seiner seelsorgerischen Tätigkeit eingenommen, resümiert der Pfarrer. »Es gab Sterbende, die ich in ihren letzten beiden Lebenswochen täglich besuchte. Die wollten keinen Arzt mehr sehen, sondern einen Pfarrer. Da musste auch nichts mehr gesprochen werden. Es ging nur noch darum, dass ich bei ihnen war und auch mal ihre Hand hielt. Einige fanden in den letzten Tagen zum Glauben zurück.«

Einen »streitbaren Kollegen« hat ihn Pfarrer Dautenheimer kürzlich in der Gemeindezeitschrift genannt. Werner Giesler stimmt dieser Beschreibung durchaus zu. »Wenn ich etwas falsch finde, dann sage ich das. Gleichzeitig suche ich aber noch in der Konfrontation nach Lösungen, denn ich habe auch ein großes Harmoniebedürfnis und möchte mich versöhnen. Wenn ich nicht mehr mit anderen Leuten streiten kann, dann werden sie mir egal.«

Ein Lehrer riet ihm einst zum Mathematikstudium. Doch Giesler merkte schnell, dass das nicht seine Profession war. Viel besser fühlte er sich in der Theologie aufgehoben. Der Kirche während der Corona-Pandemie attestiert er indes eine schwierige Position. Corona habe vieles deutlich gemacht. Positiv wie negativ. Innovationen während der Krise auf der einen Seite stünden einem zunehmenden Bedeutungsverlust auf der anderen Seite gegenüber. Kaum jemand habe nach der Kirche gefragt. »Wir sind gesellschaftlich an den Rand gerutscht. So kann es nach der Pandemie nicht weitergehen.«

Harte Feststellungen für die Werner Giesler persönlich keine Lösungen mehr finden muss. Denn bald wird sich der berufliche Vorhang vor ihm senken. Dann will er mehr für seine Familie da sein, vor allem in seiner Rolle als Opa. »Das ist wie ein Jungbrunnen«, stellt er fest. »Mit meiner Frau möchte ich zukünftig häufiger verreisen. Und ich werde wieder Musik in einer Bluesrock-Band machen.« Dass er trotzdem der Kirchengemeinde erhalten bleiben wird, muss nicht weiter erwähnt werden.

Besonders beim Theaterspielen in St. Michaelis wird seine Handschrift wohl unverkennbar bleiben.

Abschiedsgottesdienst online

Am 4. Juli wird Pfarrer Werner Giesler in den Ruhestand verabschiedet. Die Entpflichtung nimmt der Probst von Oberhessen, Matthias Schmidt, im Pfarrgarten von St. Michaelis vor. Dekan Volkhard Guth hält die Dankesrede. Da die Corona-Situation noch immer kein Gemeindefest zulasse, findet die Veranstaltung nur im engsten Kreis statt. Ab 16 Uhr kann sie jedoch per Livestream auf der Homepage der Gesamtkirchengemeinde Karben verfolgt werden. jsl

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