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Prof. Roland Prinzinger erforscht seit rund einem halben Jahrhundert die Natur, vor allem aber die Stimmen von Vögeln.

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Vogelstimmen in Surround

  • vonJürgen Schenk
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Wenn gar nichts mehr geht, geht’s in den Wald, einfach raus in die Natur. Nicht auszuschließen, dass sich dieser Trend mit dem Frühlingsanfang, den wärmeren Temperaturen und dem Osterfest im Corona-Shutdown noch einmal steigern wird. Grund genug, sich einmal mit den Stimmen der gefiederten Bewohner des Waldes zu beschäftigen.

In und um Karben gibt es jetzt schon einiges zu hören. Vogelkonzerte mit reger Beteiligung beginnen bereits frühmorgens, noch vor dem ersten Hahnenschrei. Nicht selten wird man von den mehrstimmigen Darbietungen aus dem Schlaf geweckt - besonders dann, wenn man am Haus einen Garten hat. Die Beschallung dauert den ganzen Tag mit zeitlich wechselnden Akteuren. Die Vogelstimmen senden zudem ein deutliches Signal an die Menschen: Das Leben in der Natur erwacht zu neuer Kraft. Es geht weiter!

Lauschen als Lernprozess

Im Wald ist auch an diesem Dienstagmorgen richtig Stimmung. Um die »Pelzkappe« im Klein-Karbener Wald gibt es sogar ein Vogelkonzert im Surround-Sound. Fast hört es sich nach einer Konferenz aus tausend Stimmen an. Oder wie ein Frage-Antwort-Spiel unter Vögeln. Als Laie hat man schon Probleme, eine einzige Vogelart zu erkennen. Umso besser, wenn man einen ausgewiesenen Experten an seiner Seite weiß. Professor Roland Prinzinger von der NABU-Ortsgruppe Karben ist so einer. Er beobachtet die Natur, insbesondere Vogelstimmen, seit fast einem halben Jahrhundert. Das Hören sei ein reiner Lernprozess, sagt er. Man dürfe nicht glauben, dass man nach drei Wanderungen in der Lage sei, 20 verschiedene Stimmen zu unterscheiden. »Das kann drei bis vier Jahre dauern, bis man so weit ist«, betont der Fachmann. »Wichtig beim Spaziergang im Grünen ist zunächst einmal, dass man sich entspannt und die Vielfalt kennenlernt.«

Bereits auf dem Weg vom Parkplatz am Klein-Karbener Rosenhang bis hinauf zum Waldrand bleibt Prinzinger immer wieder stehen und lauscht aufmerksam. Mit dem Finger zeigt er nacheinander in verschiedene Richtungen. Aus dem Unterholz meldet sich eine Heckenbraunelle, von schräg gegenüber aus einem Apfelbaum ruft der heimische Steinkauz. Mit dem bloßen Auge kann man die gut getarnten Flieger kaum entdecken, wohl aber mit einem Fernglas. Ganz deutlich sind am Himmel plötzlich Kormorane zu erkennen, die Karben in nördlicher Richtung überfliegen. Prinzinger zählt ungefähr 40 Vögel. »Die sehen wir hier in einer solchen Zahl nur ganz selten«, ruft er begeistert.

25 Stimmen im Karbener Wald

Mit den später im Wald gehörten Stimmen kommt sein geschultes Ohr auf insgesamt 25 Vogelarten. Dazu gehören neben verschiedenen Meisen- und Drosselarten unter anderem Specht, Star, Kleiber, Buntfink, Zilpzalp, Ringeltaube, Amsel und der vom NABU frisch gekürte Vogel des Jahres, das Rotkehlchen. »Wahrscheinlich ist die Amsel von all diesen Vögeln am cleversten«, vermutet Prinzinger. »Bei Gefahr funktioniert sie wie ein Boden-Luft-Warnsystem. Je nachdem, von wo sich ein Feind nähert, sendet sie unterschiedlich klingende Laute aus. Dieses Signal wird auch von allen anderen Vögeln verstanden. Für eine Katze ist es daher nahezu unmöglich eine ausgewachsene Amsel zu fangen.«

Der lauteste Vogel weit und breit sei der Zaunkönig. Trotz eines Körpergewichtes von nur acht bis neun Gramm übertöne seine Stimme alle anderen. Mit einem Irrtum räumt der NABU-Experte auch gleich noch auf: »Nicht der Papagei ist der sprachbegabteste Vogel, sondern unser heimischer Rabe«, erklärt er.

Wissenswert ist auch Prinzingers Expertise über die »Sonnenuhr« der Vögel. Wer als Schlafgestörter einen »Schuldigen« ausfindig machen möchte, kann dies anhand einer Grafik tun. Darauf sieht man, wie präzise sich Vögel die Morgendämmerung aufteilen, um ihre Gesänge zum Besten zu geben. Bereits 80 Minuten vor Sonnenaufgang legt etwa der Gartenrotschwanz los. Beinahe ein Ausfall im morgendlichen Chor ist dagegen der Buchfink, der erst 70 Minuten später seine Stimme hören lässt.

Zum Thema »Sonnenuhr der Vögel« wird Professor Roland Prinzinger am kommenden Freitag (26. März 2021) beim NABU-Kreisverband Wetterau einen Online-Vortrag halten. Dabei wird er insgesamt 20 heimische Vogelarten mit Foto- und Gesangsbeispielen vorstellen. Beginn ist um 18 Uhr. Die Anmeldung kann auf der Internetseite www.wetterau-nabu.de kostenlos vorgenommen werden. jsl

Ein echter Frühaufsteher: Der Gartenrotschwanz beginnt seinen morgendlichen Gesang bereits 80 Minuten vor dem Aufgehen der Sonne - und ist damit die erste Vogel-Art, die morgens zwitschert.

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