Geschlossene Gesellschaft: Wer kann, versucht die Standards des Vereinsbetriebs in digitaler Form aufrechtzuerhalten. So geschehen bei der Karbener Feuerwehr. 	FOTOS: JÜRGEN SCHENK
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Geschlossene Gesellschaft: Wer kann, versucht die Standards des Vereinsbetriebs in digitaler Form aufrechtzuerhalten. So geschehen bei der Karbener Feuerwehr. FOTOS: JÜRGEN SCHENK

Vereine müssen sich umstellen

Versammlungen im virtuellen Raum

  • vonJürgen Schenk
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Auch für die Vereine hieß es im Krisenjahr 2020 oft: reagieren statt agieren. Die normalen Abläufe eines Vereinsjahres waren außer Kraft gesetzt und sind es noch immer. Das betrifft nicht zuletzt die Regularien.

F ür die meisten Vereine war das Jahr 2020 ein Jahr zum Vergessen. Abgesagte Veranstaltungen, leere Kassen und wenig Kontaktmöglichkeiten prägten das Bild der vergangenen Monate. Zu alle dem gesellte sich auch noch ein anderes Problem: Die einmal pro Jahr vorgesehenen Jahreshauptversammlungen konnten nicht wie bisher durchgeführt werden. Doch sind solche Zusammenkünfte verpflichtend und in der Vereinssatzung vorgeschrieben. Üblicherweise finden sie im ersten oder zweiten Quartal statt. Der Vereinsvorstand hat den Mitgliedern im Zuge dessen eine Bilanz des Geschäftsjahres vorzulegen. Eventuell stehen auch Wahlen oder sonstige Änderungen an.

Noch während des ersten Lockdowns, am 27. März 2020, reagierte der Gesetzgeber mit einem »Covid-19-Gesetz« auf die sich anbahnenden Missstände. Damit erhielten die Vereine Gelegenheit, ihre Jahreshauptversammlungen digital durchzuführen oder Richtung Jahresende zu verschieben. Mit dem sogenannten Umlaufverfahren rückte außerdem eine dritte Variante in den Mittelpunkt. Hier bekommen die Vereinsmitglieder reelle oder virtuelle Post vom Vorstand; Präsenzveranstaltungen können damit entfallen. Die fehlenden Kontakte im Vereinsgefüge scheinen auf der anderen Seite ein Problem darzustellen.

Vorstand gerät in Zugzwang

Die Jahreshauptversammlung des Turnvereins (TV) 1894 Okarben hatte turnusmäßig im April 2020 stattfinden sollen. Doch diese Terminansetzung fiel mitten in die härtesten Beschränkungen des Frühjahrslockdowns hinein. Weder die Vorstandssitzungen zur Planung noch die reguläre Versammlung konnten wie angedacht über die Bühne gehen. »Das brachte uns als Vorstand ganz schön in Zugzwang«, erinnert sich der TVO-Vorsitzende, Sebastian Wollny. »Zum einen durften wir satzungsgemäß nicht gegen Gesetze oder Anordnungen verstoßen, zum anderen konnten wir die Jahreshauptversammlung aber nicht bis zum 30. Juni abhalten. Im Rahmen einer Videokonferenz beschlossen wir, den Termin bis auf Weiteres zu verschieben. Der Landessportbund hatte dies auch noch einmal durch eine Rechtseinschätzung bestätigt.«

Nach den Sommerferien sei dann alles ganz schnell gegangen, berichtet Wollny weiter. Innerhalb eines Tages konnten alle Vorbereitungen für eine Präsenzveranstaltung unter Pandemie-Vorschriften getroffen werden. Mit einer Frist von 14 Tagen seien die Mitglieder zur JHV ins Bürgerhaus Okarben eingeladen worden. Die Versammlung am 16. September, bei der 20 Personen anwesend waren, habe letztlich nur 90 Minuten gedauert.

»Als Vorsitzender eines Mehrsparten-Vereins mache ich mir derzeit Sorgen, dass wir bald Mitglieder verlieren könnten«, räumt Wollny allerdings ein. »Viele Übungen können nicht in den eigenen vier Wänden durchgeführt werden. An oberster Stelle denke ich dabei an die Mannschaftssportarten. Aber noch spüre ich einen großen Zusammenhalt unter unseren Mitgliedern, der für die Zeit nach Corona hoffen lässt.«

Informationen per E-Mail

Bei der Karbener Feuerwehr sah es nicht besser aus. Die Zusammenkunft aller Stadtteilfeuerwehren war zunächst von April auf September verschoben worden. Aber auch dieser Termin musste ausfallen. Letztlich kam es zu einer digitalen Lösung Mitte Dezember. Im E-Mail-Umlauf kamen alle wichtigen Informationen zu den Mitgliedern. In diesem Jahr steht allerdings die Wahl des Stadtbrandinspektors an. »Da müssen wir mal schauen«, sagt der jetzige Amtsinhaber Christian Becker. »Eigentlich müsste dafür eine Präsenzveranstaltung stattfinden. Unsere Jahreshauptversammlung ist im September geplant. Wenn es die Infektionslage wider Erwarten nicht zulassen sollte, geht vielleicht auch eine Briefwahl.«

Der Gesangverein Liederzweig Dortelweil mit seinem gemischten Chor »Lucky Voices« wurde im vergangenen Jahr heftig durchgeschüttelt. Ende Dezember ging der Vorstand mit seinen Finanzproblemen an die Öffentlichkeit. Wegweisend war die Jahreshauptversammlung, die im Spätsommer mit 30 Mitgliedern im Dortelweiler Kultur- und Sportforum abgehalten werden konnte. Für 2021 gibt es bereits einen Termin - und der ist optimistisch gelegt. »Im März dürfen wir wieder ins Forum kommen«, so der Vorsitzende Michael Munck.

Die Mitgliederversammlung ist das oberste Organ eines Vereins. Prinzipiell entscheidet sie über alle vereinsinternen Angelegenheiten, die nicht vom Vorstand besorgt werden können. In der Regel wählen die Mitglieder den Vereinsvorstand oder berufen ihn ab. Satzungsgemäß ist der Vorstand verpflichtet, unter bestimmten Voraussetzungen oder wenn es die Vereinsinteressen erfordern, eine Mitgliederversammlung einzuberufen. Entscheidungen werden grundsätzlich mit relativer Mehrheit gefasst. Ein satzungsändernder Beschluss benötigt 75 Prozent der Stimmen und die Änderung des Vereinszweckes sogar 100 Prozent. Die Mitglieder können einen Beschluss auch ohne Versammlung fassen, wenn alle ihre Zustimmung schriftlich erklären. Alle Modalitäten regelt das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB). jsl

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