Die Schüler aus der Jahrgangsstufe Q 3, die das Projekt unterstützen, mit ihrer Lehrerin Monika Lenniger (r.).
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Die Schüler aus der Jahrgangsstufe Q 3, die das Projekt unterstützen, mit ihrer Lehrerin Monika Lenniger (r.).

Sie verlesen 570 Opfer-Namen

Karben(jsl). 80 Jahre sind seit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs vergangen. Zeitzeugen findet man nur noch wenige. Und die Übriggebliebenen wollen meistens "die alten Geschichten" auf sich beruhen lassen. Alles, was früher oder später noch bleibt, sind Bücher und Dokumentationen in einer Endlosschleife. Eine Schülergruppe der Kurt-Schumacher-Schule will daher neue Wege in Sachen Erinnerungskultur gehen.

Für 17-jährige Schülerinnen und Schüler, die im nächsten Jahr Abitur machen, dürften die Ereignisse vor 1945 mehr als unwirklich erscheinen. Kaum vorstellbar ist das Thema Krieg in einem Land, in dem seit vielen Jahrzehnten Frieden herrscht. Umso mehr lohnt es sich, den jungen Leuten an der Kurt-Schumacher-Schule (KSS) in Karben zuzuhören.

Dort gibt es nicht nur zum Zweiten Weltkrieg interessante Meinungen. Etwa 15 Jugendliche aus der Jahrgangsstufe Q 3 werden am Volkstrauertag an der zentralen Gedenkfeier der Stadt mitwirken. Sie wollen dort unter anderem die Namen der umgekommenen Karbener verlesen. Auch das Tutorium von Studiendirektorin Monika Lenniger hat sich mit dem Thema auseinandergesetzt. In einer etwas anderen Unterrichtsstunde erzählen die angehenden Abiturienten davon. "Das Wissen über die deutsche Geschichte haben wir im Verlauf des Unterrichts und aus Büchern erfahren", berichtet Lukas. "Alles, was wir in der 9. Klasse über die NS-Zeit gelernt haben, ist in der Oberstufe nochmals durchgenommen worden.

Der Zweite Weltkrieg war eigentlich schnell abgehandelt, die Machtergreifung der Nazis war ein größeres Thema. Jetzt beschäftigen wir uns mit der Nachkriegszeit, also mit den Kriegsfolgen."

Mit der Pflanzung von 570 Bäumen an der Büdesheimer Straße in Klein-Karben wird die städtische Erinnerungskultur neu aufgestellt. Ein "Friedenswald" soll gegenüber der Gemeinschaftsobstanlage entstehen. Ein Baum für jeden Toten. An dem Projekt, das in die Zukunft wächst, beteiligt sich auch Jan. "Vor der Gedenkveranstaltung findet in der Trauerhalle des Friedhofs ein Gottesdienst statt. Dabei werden wir ein kleines Theaterstück aufführen. Es erzählt die Geschichte eines deutschen Soldaten", kündigt der Schüler an. Die Texte hätten sie aber erst vor zwei Tagen bekommen. Zum Proben sei also nicht viel Zeit.

Monika Lenniger, Lehrerin für Gesellschaftswissenschaften an der KSS, und ihr Kollege Jens Guthmann bereiten die Jugendlichen auf das Ereignis vor. Ein Wunsch der Schulleitung sei es, dass möglichst viele Mitglieder der Schulgemeinde zur Gedenkfeier gehen, unterstreicht Lenniger. "Ein Großteil wird das auch tun, einige wollen ihre Großeltern mitnehmen. Parallel dazu wird es im Foyer der Schule eine Plakataktion geben."

Stolpersteine abgelaufen

Die jungen Leute finden es gut, dass Gefallenen, Zivilopfern und Juden gleichermaßen gedacht wird. Dennoch gibt es auch kritische Stimmen. "Es ist wichtig, zu unterscheiden", meint zum Beispiel Henrik. "Soldaten, die an Erschießungen beteiligt waren, haben es nicht verdient, betrauert zu werden." Mit dieser Meinung steht er nicht allein da. Aber ist das wirklich so einfach? Wie lässt sich das heute noch feststellen? Ein Generalverdacht sei nicht angebracht, meinen andere.

Antonia lobt die Art und Weise, wie in der Schule mit dem Thema umgegangen wird. "Unsere Lehrerin hat viel mit uns geredet und zum Mitmachen motiviert", sagt sie. "Herr Polzer ist die Stolpersteine in Groß-Karben mit uns abgelaufen. Das war sehr informativ." Außerdem würden sie in der Oberstufe die NS-Tötungsanstalt in Hadamar besuchen.

In Bezug auf die aktuellen Probleme in Deutschland und der Welt fällt ein wichtiger Satz: "Anstatt Radikalismus und Fremdenhass sollte es mehr Gemeinschaftssinn und Zusammenhalt in der Gesellschaft geben." Der Krieg in Syrien wird verurteilt. Und US-Präsident Trump findet niemand "cool". Sein nationalistisches, auf die USA fixiertes Auftreten stößt ab. Einige der Schüler halten ihn für planlos, undurchschaubar und gefährlich. Mit dem Video vom Tod des IS-Führers al-Bagdadi habe er nur von seinen innenpolitischen Problemen ablenken wollen. Karbener Oberstufenschüler scheinen gut zwischen den Zeilen lesen zu können.

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