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Experten am Gedenkstein vereint (v. l.): Geschichtsvereinsvorsitzender Jürgen Hintz, Hartmut Polzer und Rainer Züsch. Auf dem Bild fehlt Rainer Obermüller.

Karbener Geschichtsforschung

Vergessener jüdischer Friedhof in Klein-Karben

  • VonJürgen Schenk
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Ebenso verborgen wie der Platz ist auch die Geschichte des alten Judenfriedhofs in Klein-Karben. Tatsächlich gleicht das umzäunte Areal eher einem verwilderten Garten. Nichts ist übrig, was an eine Begräbnisstätte erinnert. Zumindest nichts Sichtbares.

A llem voran fehlen die Grabmale auf dem alten jüdischen Friedhof. Über einen langen Zeitraum scheinen Bäume ihre Positionen eingenommen zu haben. Im Mai steht das Gras dort hüfthoch, sodass auch der Gedenkstein am Eingangstor langsam zuwächst. In Klein-Karben selbst gibt es keine Zeitzeugen mehr, die über die Vorgänge an diesen Ort berichten könnten. Doch das allein rührt noch mehr den Forschergeist.

Erinnerndes Gedicht von Karl Schäfer

»Bei Klein-Karben in dem Felde liegt ein Friedhof, fast vergessen…« Mit diesen Worten beginnt das Gedicht »Der Judenkirchhof bei Klein-Karben« des Odenwälder Heimatdichters Karl Schäfer. Schon im Jahr 1877 beklagte er in fünf Versen den offensichtlichen Niedergang des Friedhofs mit seinen fast vergessenen Toten. »Nur der Frühling, nur der Frühling denkt an ihre ird’sche Hülle. Und bestreut die Ruhestätte mit der Blumen bunter Fülle.«

Wie immer, wenn man einen Sachverhalt erforschen will, finden sich zu Beginn verschiedene Versionen. Über den Verbleib der jüdischen Grabsteine existiert derzeit aber nur eine einzige Wahrheit und die lautet: Man weiß es nicht. Entweder sie befinden sich noch an Ort und Stelle im Erdreich oder man hat sie irgendwann abgeräumt.

Manche Ungewissheiten müsse man im Leben einfach hinnehmen, meint Judaica-Forscher Hartmut Polzer. Vor einigen Jahren habe er zusammen mit dem verstorbenen Helmut Heide Nachforschungen wegen der Steine angestellt. »Ohne Erfolg. Wir konnten das Geheimnis nicht lüften, weil die Totenruhe gewahrt bleiben muss«, teilt Polzer mit. »Eigentümer des Friedhofs ist der Landesverband der jüdischen Gemeinden in Hessen. Und von dort bekommt man keine Genehmigung für weitergehende Untersuchungen.«

Mühsame Nachforschungen

Eine Erzählung aus Klein-Karben berichtet von einem »Eisenbahner«, der in den entbehrungsreichen Nachkriegsjahren das Gelände gepachtet haben soll, um Essbares anzubauen. Er habe die störenden Grabdenkmäler kurzerhand eingegraben. Allerdings gibt es keine schriftlichen Belege für diese Version. Und eine Bewirtschaftung des Grundstücks nach 1945 scheint es nicht gegeben zu haben. Rainer Züsch weiß aber noch, dass das Gelände als Kinderspielplatz tabu war. Anfang der 1950er Jahre habe er den vergessenen Friedhof immer nur zum Muttertag betreten. »Damals gab es noch keinen Zaun«, erzählt der ehemalige Ortsvorsteher von Klein-Karben. »Das war ein guter Ort, um Schlüsselblumen zu pflücken. Die habe ich dann meiner Mutter zum Ehrentag geschenkt. Einmal fand ich, gemeinsam mit anderen Kindern, an einer Stelle des Friedhofs verrostete deutsche Stahlhelme und Wehrmachtsessbestecke. Ich habe bis heute keine Ahnung, wie die Sachen dorthin gekommen waren.«

Das betreffende Flurstück in der Klein-Karbener Gemarkung heißt »Am Judenbegräbnis«. Allein dieser Name deutet daraufhin, dass es sich um einen markanten Landschaftspunkt gehandelt haben dürfte.

Die Gemeinde an sich war von der Personenzahl her eher klein. In den amtlichen Judenmatrikeln des 19. Jahrhunderts findet man nur die Familiennamen Adler, Baum, Borngässer und Ortenberger. Als letzte Verstorbene ist in diesem Verzeichnis die Witwe Esther Ortenberger eingetragen. Sie starb am 3. Januar 1905 im Alter von 97 Jahren. Diese Entdeckung spricht eindeutig dafür, dass schon vor dem Ersten Weltkrieg keine weiteren Beerdigungen mehr stattfanden. Dokumente im Hessischen Staatsarchiv Darmstadt verraten die Herkunft von zwei jüdischen Familien: 1846 suchte der Viehhändler Elias Borngässer aus Rodheim um eine Niederlassungserlaubnis in Klein-Karben nach, Levi Ortenberger aus Stammheim folgte ein Jahr später.

Mit Interesse hat der Karbener Geschichtsverein die Friedhofserforschung begleitet. Jürgen Hintz und Rainer Obermüller vom Vereinsvorstand waren auch an der Ortsbegehung beteiligt. Obermüller hatte im Vorfeld historische Quellen gesichtet und damit die Recherche unterstützt.

Judenmatrikel waren Personenstandsregister, vergleichbar mit den Registern der allgemeinen Standesämter. Sie dienten zur Aufzeichnung von Geburten, Eheschließungen und Todesfällen. Allerdings gab es sie in Hessen schon lange vor den Standesämtern. Bereits im 18. Jahrhundert waren beispielweise die örtlichen Pfarrer in Hessen-Darmstadt zur Führung solcher Urkundenbücher angehalten. Im 19. Jahrhundert ging diese Pflicht ganz oder teilweise auf die Bürgermeister über. Die Klein-Karbener Judenmatrikel beginnen 1823 mit Geburten und 1838 mit Heiraten und Sterbefällen. Ab 1875 findet man die entsprechenden Einträge auch im Standesamtsnebenregister. Aufbewahrt werden die Originalbücher im Gemeindearchiv Klein-Karben; über Digitalisate verfügt das Hessische Staatsarchiv Darmstadt.

Eine Möglichkeit zur Recherche bietet das Landesgeschichtliche Informationssystem Hessen (LAGIS). Homepage: www.lagis-hessen.de. jsl

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