Die Überschrift "Mein Leser" ist in diesem alten Grabstein eingraviert. "So viel Hinwendung eines Steines an den Betrachter", sagt Tom Meusert bewundernd. Er liebt Steine, die Geschichten erzählen.
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Die Überschrift "Mein Leser" ist in diesem alten Grabstein eingraviert. "So viel Hinwendung eines Steines an den Betrachter", sagt Tom Meusert bewundernd. Er liebt Steine, die Geschichten erzählen.

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Im Turm der edlen Frau Liesel

  • vonAnne-Rose Dostalek
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Wenn Tom Meusert aus der Haustür tritt, hat er nur einige Schritte zu gehen, dann sieht er den Burg-Gräfenröder Lieselturm schon hinter dem Grün eines Baumes hervorlugen. Der alte Wehrturm ist sein Lieblingsplatz in der Wetterau.

D ass ihm der Lieselturm - er war einst Teil einer mittelalterlichen Burganlage - einmal so ans Herz wachsen würde, hätte sich der "eingeplackte" Burg-Gräfenröder und gebürtige Hanauer Tom Meusert nicht träumen lassen, als er 1978 in die Burgstraße zog. "Damals waren wir im Dorf mit unserer Wohngemeinschaft die langhaarigen Revoluzzer", sagt der heute 69-Jährige mit amüsiertem Lächeln. Dass ihnen der Nachbar freundlich fachmännische Hilfe anbot, als sie begannen die Lehmputzwände ihres alten Bauernhauses zu erneuern, ist ihm eine schöne Erinnerung. In Burg-Gräfenrode ist er wohnen geblieben gemeinsam mit seiner Frau, Kindern und Freunden.

Der Lieseltürm schräg gegenüber blieb ebenso standhaft. Und als er zum Sanierungsfall wurde, war Tom Meusert, wie ganz viele andere Roggauer, zur Stelle. Ein "Förderkreis Lieselturm" wurde gegründet, Spendengelder gesammelt, und die evangelische Gemeinde als Eigentümerin nahm die Sanierung in Angriff. Mit Erfolgt, denn der denkmalgeschützte runde Wehrtum mit Fachwerkaufsatz wurde zum Schmuckstück und brachte den Roggauern ungeahnten Mehrwert ein. Der Turm ist heute das kleinste Standesamt von Hessen und Veranstaltungsort.

"Da ganz oben im Turmzimmer sitze ich und mache meine Lesungen", erzählt der Literaturliebhaber Meusert, stockt kurz, ergänzt "vor Corona" und schaut sehnsüchtig hinauf. Denn in luftiger Höhe ist sein Lieblingsplatz, das Turmzimmer, ein kleiner heimeliger Ort mit Holzfußboden und Eichenbalken. Zu erreichen ist er über viele Stufen, erst die Außentreppe aus Holz hinauf, dann hinein in den Turm und die noch schmalere Wendeltreppe hoch.

Vermisst: Vorlesen und Regie führen?

"Wir warten auf den Tag, auf den wir wieder dort oben schön kuschelig zusammen sitzen können", sagt Meusert. Denn der Regisseur des "Roggauer Bauerntheaters" hat nicht nur ein Händchen für das Laientheater in Burg-Gräfenrode, sondern er liebt es auch, vorzulesen. In Roggau und darüber hinaus hat er eine Fangemeinde, die ihm gerne zuhört. "Eine Stunde vorlesen, den Rest der Zeit reden wir darüber", sagt Meusert und findet, dass der Roman "Der abenteuerliche Simplicissimus" ein durchaus passender Stoff ist für eine Lesestunde in einem alten Burgturm. Aber auch draußen, im Freien, vor dem Turm und mit Blick auf die restaurierte Oberburg, lässt sich gut feiern. Der "Förderkeis Lieselturm" lädt zu unterhaltsamen "Turmzeiten", im Sommer auch gerne draußen. "Wir stellen Bänke hin, und jeder bringt etwas mit", sagt Meusert.

Es gibt noch manches andere, was den Lieselturm zu einem Lieblingsplatz von Meusert macht. Die Grabplatten aus rotem Sandstein, die an der Mauer aufgestellt sind, faszinieren ihn. Denn kunstvoll hat einst ein Steinmetz den "barocken Grusel" mit Totenkopf und gekreuzten Gebeinen in Szene gesetzt und die Überschrift "Mein Leser" eingraviert. "So viel Hinwendung eines Steines an den Betrachter", sagt Meusert bewundernd und streicht behutsam über den Stein. Meusert war in seinem aktiven Berufsleben auch Friedhofsgärtner und Florist gewesen und schätzt Steine, die keine Massenware sind.

Angetan von alten Grabplatten

So kommt bei ihm an solchen Orten wie der Lieselturm alles zusammen, die Literatur, die Kunst und Steine, die Geschichten erzählen können. Dazu gehört natürlich auch, dass der alte Wehrturm des Öfteren zum Spiel- und Erzählort für die Saga von der edlen Frau Liesel wurde.

Dass das Verlies tatsächlich existiert, wurde 1979 durch eine Ausgrabung bestätigt. Auch in späteren Zeiten beherbergte der Turm Gefangene. Doch diese düsteren Zeiten sind zum Glück vorbei.

Die Sage von der Liesel: Vor vielen Hundert Jahren wohnte in der Oberburg die junge Witwe Liesel, Schwägerin des Ritters Kunz von Carben. Liesel besuchte oft die Bauernkaten im Dorf und hatte Mitleid mit den hungernden und kranken Menschen. Sie half, wo sie konnte und versorgte Familien mit Lebensmitteln und Medizin. Doch als der hartherzige Ritter Kunz davon hörte und sie sich weigerte, von der Hilfe abzulassen, sperrte er sie in das Turmverlies. Er befahl den Wachleuten, Wasser hineinlaufen zu lassen, damit Liesel jämmerlich ertrinke. Doch der alte Diener Sölmann versorgte Liesel heimlich mit warmen Essen und Tee, nur gegen das Steigen des Wassers konnte er nichts machen. Drei Tage verbrachte Liesel im Turm, immer weiter stieg das eiskalte Wasser. Doch da ergriff ein Fieber den Ritter Kunz, und als er starb, befreite sein Sohn Hanno, der nun der neue Burgherr war, sofort die edle Liesel aus dem Turm. Quelle: Burg-Gräfenroder Heimatbuch, Wilfried Rausch, 1982

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