wpa_image_180221_4c_1
+
»Das Homeschooling ist nicht nur für die Eltern eine unschöne Situation, sondern auch für die Kinder«, sagt Therapeutin Jeanette Emmerich. »Ihnen wird viel abverlangt.« SYMBOLFOTO: DPA

Therapeutin im Interview

Streit sorgt für Lernblockaden im Homeschooling

Die Doppelbelastung Homeoffice plus Homeschooling treibt aktuell viele Eltern an ihre Belastungsgrenze. Die Bad Nauheimer Familien- und Paartherapeutin Jeannette Emmerich steht beratend zur Seite - und gibt Tipps, wie Schule auch daheim gelingen kann.

Frau Emmerich, wo erreiche ich Sie denn an diesem Nachmittag? Sind Ihre Kinder auch im Homeschooling?

Genau, meine Söhne - 9 und 12 - sind auch im Homeschooling. Ich wechsele mich mit meinem Mann ab, wer sie dabei begleitet. Ich persönlich habe quasi das »Glück«, dass bei meiner Arbeit kein Homeoffice möglich ist: Meine Patienten treffe ich nur in der Praxis. Wenn mein Mann zu den Zeiten nicht daheim sein kann, springen die Großeltern dankenswerterweise ein. Ist er daheim, spürt er aber deutlich die Doppelbelastung, die aktuell viele Eltern kennen: Er muss dann Homeschooling und Homeoffice unter einen Hut bekommen.

Das heißt, Sie kennen die aktuelle Belastung in vielen Familien nicht nur aus Ihren beruflichen Gesprächen, sondern auch persönlich…

Ja, absolut! Es gibt dabei ja verschiedene Problemfelder. Die Doppelbelastung Homeoffice und Homeschooling, die langfristig niemand ertragen kann, weil man beides nur »halb« schafft und das nicht zufriedenstellend ist, ist nur das eine. Darüber hinaus ist es schwierig, die Schule 1:1 ins Private zu verlagern. Die in der Schule hilfreiche Gruppendynamik, also das gemeinsame Lernen, fällt daheim weg und es ist schwer, die Kinder zu motivieren. Das belastet die Beziehungsebene mit den Eltern. Und nicht zuletzt haben die Kinder das Gefühl, dass sie aktuell vier, fünf Stunden »Hausaufgaben« machen müssen. Denn die Bereiche Schule und zu Hause verschwimmen, das können Kinder nicht trennen.

Eltern müssen also tatsächlich wie so oft zitiert »Lehrer spielen«?

Auf jeden Fall. Bei Kindern, die gern lernen und sich stundenlang in ein Buch vertiefen können, ist das natürlich nicht der Fall - über diese Konstellationen brauchen wir nicht reden. Aber der Mehrheit fällt das Lernen daheim schwer. Eltern sind dann auch in Sachen Disziplin und Motivation gefragt, und das ist schwer. Von Kindern können wir nicht erwarten, dass sie sehen, unter welch einer Anspannung manch ein Elternteil gerade steht. Aus den Augen des Kindes macht Mama eben einfach Dinge, die ich mag, oder Dinge, die ich nicht mag - so wie die lehrerhafte Ermahnung.

Wo liegt der Schlüssel für das Problem?

Dass wir uns als Eltern in die Sicht der Kinder hineinversetzen. Wir wünschen uns oft, dass sich unsere Kinder in unsere Situation versetzen können, aber das ist eine klare Überforderung der Kinder. Vielmehr gilt es, mit den Ohren der Kinder zu hören, mit ihren Augen zu sehen, mit den Herzen der Kinder zu fühlen.

Was heißt das am Beispiel des Homeschoolings konkret?

Als Allererstes müssen wir uns als Eltern bewusst machen, dass das aktuell auch für Kinder eine unschöne Situation ist. Ihnen wird nicht nur viel abverlangt, es fehlt zudem an Balance, an Freude, an Ausgelassensein. Denn das ist die Realität der Kinder: »Ich darf bei niemandem mehr übernachten, darf nicht mehr in den Ballettunterricht oder das Fußballtraining, darf nicht mal meinen eigenen Geburtstag feiern - und muss dafür über so viele Stunden Hausaufgaben machen.« Der Lockdown, der ja jetzt mehr oder weniger ein Jahr andauert, ist für einen Achtjährigen ein Achtel seiner Lebenszeit. Das entspricht einem fünfjährigen Lockdown für einen 40-Jährigen!

Wie können Eltern diesen Ausgleich neben dem Homeschooling schaffen - oder geht das gar nicht, weil der Kontakt zu Gleichaltrigen eben nicht zu ersetzen ist?

Doch, genau hier sind Eltern gefragt. Es braucht einen Ausgleich am Nachmittag: Freudvolle Sachen, Bewegung. Leitend kann dabei die Frage »Was macht uns miteinander Spaß?« sein. Denn nur so bekommen Kinder das wertvolle Gefühl, dass ihre Eltern es wunderbar finden, Zeit mit ihnen zu verbringen.

Und wie kann auch das Homeschooling selbst angenehmer gestaltet werden?

Homeschooling ist ja nicht gleich Homeschooling: Einige Kinder müssen eigenständig Unterlagen abarbeiten, andere haben jeden Tag Online-Präsenz. Bei beiden essenziell ist eine klare Struktur - inklusive Feierabend! Das gilt insbesondere auch für Präsenzmodelle, bei denen danach noch Aufgaben anfallen. Schule darf nur »von … bis …« stattfinden und das sollte auch so in der Familie vereinbart werden. Innerhalb dieser Schulzeit sollte das Augenmerk auf der altersgerechten Konzentrationsfähigkeit liegen: Bei Erst- und Zweitklässlern liegt diese bei 30 Minuten, später dann bei 45 Minuten, Ende der vierten Klasse können es auch 60 Minuten sein. Zwischen den Einheiten müssen Bewegungspausen liegen: balancieren, jonglieren, hüpfen, Seilspringen, in der Wohnung oder draußen. Es gilt, eine neue Entspannung zu schaffen - auf beiden Seiten. Denn Konflikte führen immer zu Lernblockaden. Es gilt also, Streit zu vermeiden und vielmehr Begeisterung bei den Kindern zu entfachen. Auch deshalb sollte die übliche Frage »Wie war es heute in der Schule?« nicht beim Abendbrot fallen, wenn klar ist, dass Schule eher ein konfliktbeladenes Thema ist - und das gilt übrigens nicht nur während Corona.

Der nächste Kurs mit Familien- und Paartherapeutin Jeannette Emmerich findet am Samstag, 20 Februar, statt: Von 10 bis 13 Uhr wird sie online über »Die Grundschulzeit gut begleiten« sprechen. Am 6. März steht »Das Selbstwertgefühl unserer Kinder stärken« auf dem Programm. Die Anmeldung ist jeweils möglich beim Mütterzentrum (Müze) Karben. jkö

Familien- und Paartherapeutin Jeannette Emmerich hat zwei Söhne, die auch im Homeschooling sind.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare