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Wer in Karben einen Facharzt braucht, kommt oft nicht um die Fahrt in eine benachbarte Stadt herum, während die Datenlage aber für eine gute Versorgung in der Region spricht - ein Dilemma für die Stadt, die eigentlich um die Ansiedlung neuer Ärzte wirbt.

Facharzt-Mangel?!

Stadt Karben buhlt um neue Fachärzte, doch ein Gesetz bremst Niederlassungen

  • Holger Pegelow
    VonHolger Pegelow
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Schon lange bemühen sich die Verantwortlichen der Stadt Karben um die Ansiedlung von mehr Fachärzten. Die Corona-Pandemie und bürokratische Hürden haben das bislang verhindert.

W er in Karben einen Hautarzt benötigt, muss schon mobil sein. Denn in der Stadt selbst gibt es keine Hautarztpraxis. Ein Blick ins Internet verrät, dass die nächsten Hautärzte in Bad Vilbel, Bad Homburg oder Friedrichsdorf ansässig sind. Um dort hinzukommen, braucht man ein Auto, oder muss viel Zeit für die Fahrten mit Bus und Bahn einplanen. Das ist auch für die Verantwortlichen der Stadt ein unbefriedigender Zustand.

Coronavirus-Pandemie bremst Ansiedlungen von Fachärzten

Also ist diese selbst aktiv geworden, hat einen Imagefilm über die Stadt drehen lassen und schlägt bei den entsprechenden Stellen immer wieder Räumlichkeiten vor. Jetzt berichtet Bürgermeister Guido Rahn gegenüber dieser Zeitung, es habe bezüglich der Ansiedlung einer Hautarztpraxis schon mehrere Gespräche inklusive Objektbesichtigungen gegeben. Doch die Corona-Pandemie hat den Bemühungen einen Strich durch die Rechnung gemacht, »obwohl geeignete Räumlichkeiten bereitstanden«, erklärt Rahn. Er kann das verstehen, denn das Risiko einer Praxis-Neugründung sei gerade in der aktuellen Situation nicht zu unterschätzen. »Selbst wenn der Arztsitz bereitstünde, müssten große Beträge investiert und vorfinanziert werden. Und dieses Risiko ist aktuell nicht zu unterschätzen«, betont der Bürgermeister.

Laut Rahn hat sich die Stadt um die Ansiedlung weiterer Fachärzte bemüht. »So hatten wir bereits für die Erweiterung der Augenarztversorgung eine Präsentation inklusive der Unterstützung durch die Stadt für die zuständigen Stellen ausgearbeitet.« Ferner solle im Zusammenhang mit dem Projekt am Quellenhof die Möglichkeit zur Erweiterung um Fachärzte unterstützt werden. Wie berichtet, sieht der Bebauungsplan den Bau eines Hauses für Wohnen im Alter vor. In unmittelbarer Nähe, also fußläufig erreichbar, soll eine Arztpraxis angesiedelt werden.

Daten der Kassenärztlichen Vereinigung sehen Karben gut versorgt

Auf allzu viel Unterstützung von übergeordneten Stellen darf die Stadt allerdings nicht hoffen. Denn die Kassenärztliche Vereinigung (KV) beispielsweise sieht die Facharztversorgung der Kleinstadt gar nicht so negativ. »Die Zahlen für Karben und Umgebung sind derzeit durchgehend gut«, betont KV-Sprecher Karl Roth. Das kann er durch Daten untermauern. So gebe es in Karben laut der Unterlagen 2,5 Augenarztsitze, einen Sitz Chirurgen/Orthopäden, zwei Frauenärzte, 1,5 Kinderarztsitze und 3,5 Sitze für Psychotherapeuten. Roth verweist zudem auf die Fachärzte in den Nachbarorten. So sei Bad Homburg 14,5 Kilometer von Karben entfernt, Bad Vilbel 9,9 Kilometer, Schöneck zehn und Friedrichsdorf 12,1 Kilometer.

Aus den umfangreichen Unterlagen, die die KV der Redaktion zur Verfügung gestellt hat, geht auch hervor, dass die sogenannte Bedarfsplanung die Ansiedlung weiterer Ärzte verhindert. Bis 1993 hätten sich die Ärzte frei niederlassen können, wo sie wollten. Dann sei der ehemalige Gesundheitsminister Horst Seehofer auf die Idee des sogenannten Gesundheits-Struktur-Gesetzes gekommen und damit auf die Bedarfsplanung. Diese Planung werde nicht von der KV festgelegt, sondern vom Landesausschuss der Ärzte und Krankenkassen, einem Gremium der gemeinsamen Selbstverwaltung.

Der Plan lege für jedes Fachgebiet eine Verhältniszahl von Ärzten zu Einwohnern fest. Wenn die tatsächliche Arztzahl die berechnete Sollzahl um zehn Prozent übersteige (110-Prozent-Regelung), werde in einem Planungsbereich für eine bestimmte Arztgruppe eine Überversorgung festgestellt. Der Landesausschuss könne dann eine Zulassungsbeschränkung erlassen. Sprich: Es findet dann keine Ansiedlung eines weiteren Facharztes mehr statt.

Aus den Daten der KV geht hervor, dass es im Wetteraukreis in der Fachgruppe Chirurgen/Orthopäden einen Versorgungsgrad von 134 Prozent gebe, bei Psychotherapeuten von 142 Prozent und bei Frauenärzten von 123 Prozent.

Kritik der Kassenärztlichen Vereinigung an Bedarfsplanung des Bundesministeriums

Die Kassenärztliche Vereinigung steht dieser Bedarfsplanung kritisch gegenüber. In einem Papier dazu heißt es: »Die Bedarfsplanung ist nach wie vor eine Niederlassungs-Verhinderungsregel und ist nicht geeignet, Versorgung optimal zu beplanen.« Dennoch sei auch die KV verpflichtet, die Vorgaben der Bedarfsplanung zu beachten.

Auch Bürgermeister Rahn gibt zu: »Insgesamt gesehen ist die Situation aufgrund der Vorgaben zur Erlangung der Zulassungen bzw. Arztsitze und der Bildung von Versorgungsbezirken nicht ganz unproblematisch. Es reicht nicht aus, einfach Räume bereitzustellen, sondern die notwendigen Arztsitze müssen im Versorgungsbezirk bereitstehen.«

Dennoch scheint man bei der Stadt mit der gegenwärtigen Situation nicht ganz unzufrieden zu sein, zumindest, wenn es nach der städtischen Homepage geht. Unter der Rubrik »Gesundheit & Soziales« steht dort nämlich Folgendes: »Die Stadt Karben verfügt über eine umfassende ärztliche Versorgung und ein dichtes Netz an Allgemein- und Facharztpraxen, an Apotheken sowie Therapeuten.«

Die Vorzüge der Stadt

Die Stadt Karben hat im Jahr 2019 eine Image-Präsentation erstellen lassen. Adressat ist die Kassenärztliche Vereinigung Hessen. Darin sollen die Vorzüge der Stadt herausgestellt werden. Es wird also um Ärzte geworden, sich in Karben anzusiedeln - und etwa nicht in Bad Nauheim oder Friedberg.

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