Gastwirtschaften haben das dörfliche Leben geprägt. In Okarben hat bis 1925 Karl Bassmann in der Metzgerei mit Gastwirtschaft und Kolonialwarenhandlung an der Hauptstraße 52 seine Gäste bewirtet.
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Gastwirtschaften haben das dörfliche Leben geprägt. In Okarben hat bis 1925 Karl Bassmann in der Metzgerei mit Gastwirtschaft und Kolonialwarenhandlung an der Hauptstraße 52 seine Gäste bewirtet.

Historisches

Von Sperrstunden und Strafen

  • vonJürgen Schenk
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Um die Pandemie einzudämmen, sind Gaststätten geschlossen. Ein Blick in die Geschichte verrät, dass es Einschränkungen, die die Geselligkeit betreffen, im 19. Jahrhundert auch gegeben hat.

Gesellig sein, sich im Gasthaus treffen, das hatte im 19. Jahrhundert einen hohen Stellenwert. Allerdings kappte im Jahr 1856 das großherzogliche Innenminsterium die Treffen. Es wurde alles dafür getan, dass die Menschen gegen 22 Uhr die Gsthäuser gen Heimat verlassen. Das Friedberger Kreisamt zog strenge Saiten auf. Hintergrund war ein neues Polizeistrafgesetz für das Großherzogtum Hessen. Das betraf unter anderem auch das Gaststättengewerbe.

Einen genauen Auslöser für die Restriktionen findet man bei Recherchen in Archiven nicht. Sicher ist nur, dass kein in der Bevölkerung zirkulierendes Virus der Auslöser war.

Abgedruckt wurden amtliche Bekanntmachungen im Friedberger Intelligenzblatt, einem Vorgänger der Wetterauer Zeitung. Dieses Blatt erschien damals zweimal wöchentlich, dienstags und freitags. Es war das offizielle "Amts- und Verkündigungsblatt für den Kreis Friedberg".

Der Karbener Heimatforscher Herbert Schuch besitzt zu Hause eine ganze Sammlung historischer Zeitungen. In seinem Privatarchiv befindet sich auch die Ausgabe Nr. 38 des Friedberger Intelligenzblattes vom 16. Mai 1856. Schuch wurde beim Lesen auf einen Inhalt aufmerksam, der paradoxerweise ins aktuelle Geschehen rund um die Pandemie hinüberzureichen scheint.

"Wenn Gast- und Schenkwirthe über die von der Polizeiverwaltungsbehörde festgesetzte Feierabendstunde hinaus Gästen (…) in ihren Wirthslocalen noch weiter etwas verabreichen und sie nicht zum Weggehen nach erschienener Feierabendstunde auffordern, so verfallen sie in eine Geldbuße von einem bis fünf Gulden, die Gäste aber (…) in eine Geldbuße von dreißig Kreuzern bis drei Gulden", heißt es in dem abgedruckten Artikel 220 des Polizeistrafgesetzes.

Gäste mussten um 22 Uhr gehen

Dieses Reglement war bereits am 16. Dezember 1850 von der vormaligen Großherzoglichen Regierungskommission erlassen worden. Im Mai 1856 wurde es dann verschärft, wobei sich am Beginn der Feierabendstunde (Polizeistunde) nichts änderte.

Nach wie vor mussten alle Schankwirte um 22 Uhr schließen und die verbliebenen Gäste hinauskomplementieren. Ausgenommen waren einzelne Städte und Orte, "für welche ein anderer Zeitpunct vermöge ausdrücklicher schriftlicher Entschließung von uns verwilligt worden ist, oder verwilligt werden wird", heißt es im Intelligenzblatt. Unter Punkt 3 der genannten Regeln bekommt man schließlich eine Vorstellung über die Umstände, die für lokal unterschiedliche Entscheidungen vorliegen mussten. Dort werden "Veranstaltung von Nachtessen bei besonderen Gelegenheiten und dergleichen mehr" genannt. Aber der Wunsch der Gäste, eben länger zu zechen, dürfe nie als genügender Grund gelten. Der Wirt konnte auch nur schriftlich um eine solche außerordentliche Erlaubnis beim Bürgermeister nachsuchen.

Eine Verlängerung der Sperrstunde war in reinen Branntweinschenken nicht erlaubt. "In allen Fällen haben jedoch die Großherzoglichen Bürgermeister und im letzteren Falle die Beigeordneten streng darauf zu achten, daß nichts Polizeiwidriges vorfällt und sie bleiben verantwortlich und sollen in Disciplinarstrafe verfallen, wenn sie eine solche Erlaubnis ohne zureichende Gründe ertheilt haben", ist nachzulesen.

Gefängnis statt Geldbuße

Nach dem Polizeistrafgesetzbuch wurden im 19. Jahrhundert die allermeisten kleineren Vergehen mit Geldbußen geahndet. Wer allerdings nicht zahlungsfähig oder -willig war, musste ersatzweise hinter Gitter. Die Liste der Reglementierungen ist lang. Darunter befinden sich viele Dinge, die aus heutiger Sicht antiquiert wirken: Nächtliche Beleuchtung der Gastwirtschaften, Herumlaufen der Hunde zur Nachtzeit, Austrieb der Fasel-ochsen mit der Herde zur Weide, Unterbringung arbeitsscheuer Personen in Arbeitshäusern, Ausschütten von Wasser aus Häusern auf die Straße, dem Brot aufzudrückende besondere Zeichen und anderes.

Das Polizeistrafgesetz des Großherzogtums Hessen wurde in Teilen vom Deutschen Reich übernommen. Es hatte bis ins 20. Jahrhundert hinein Gültigkeit.

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