hed_johanniter2_150921_4c_1
+
Die Arbeit in der Pflege habe sich in den vergangenen Jahrzehnten verdichtet, sagt Einrichtungsleiterin Elisabeth Amon. Das Johanniter-Stift besteht seit nunmehr zehn Jahren.

Johanniter-Stift Klein-Karben

Seniorenheim in Karben: „Die Erwartungshaltung ist bei vielen gestiegen“

Das Johanniter-Stift in Klein-Karben feiert in diesem Jahr das zehnjährige Bestehen. Im Interview spricht Einrichtungsleiterin Elisabeth Amon darüber, was sich seit der Gründung verändert hat.

Was hat sich im vergangenen Jahrzehnt in der Pflege verändert?

Vieles ist komprimierter geworden: Die Verweildauer ist kürzer geworden, viele Menschen kommen also quasi erst »kurz vor Schluss« zu uns. Sie schieben den Schritt in eine stationäre Einrichtung länger hinaus als das früher noch der Fall war, und viele kommen nur aus einem konkreten Anlass - etwa nach einem Krankenhausaufenthalt nach einem Sturz oder einem Schlaganfall. Das hat sicher auch mit dem negativ geprägten Bild der Pflege zu tun. Erst durch den persönlichen Kontakt mit einer Pflegeeinrichtung kann dieses oft entkräftet werden.

Das Schlagwort »Pflegenotstand« ist in der Tat oft gefallen

Ich bin seit 1983 in der Pflege. Seither hat sich die Arbeit verdichtet, Stellen wurden abgebaut. Dabei gehen die geburtsstarken Jahrgänge jetzt erst in Rente, das Problem wird sich in den kommenden Jahren also verschärfen. Das lässt sich nicht in kurzer Zeit und auch nicht allein durch Unterstützung aus dem Ausland kompensieren.

Spüren Sie diese Veränderungen auch in Karben? Das Johanniter-Stift besteht seit knapp zehn Jahren. Was hat sich hier seither getan?

Rein baulich sowie an den Rahmenbedingungen hat sich bei uns nicht viel verändert. Natürlich haben wir aber mal an der ein oder anderen Stelle Bereiche neugestaltet. Auch bei uns werden die Teams aber multikultureller: Aktuell sind unter unseren 70 Köpfen in der Pflege 16 Nationen anzutreffen. Darüber hinaus tun wir aktiv etwas gegen den Pflegenotstand, indem wir ausbilden: Seit unserer Gründung wurden 17 Pflegefachkräfte und neun Altenpflegehelfer ausgebildet, im Oktober folgen die Abschlüsse der nächsten zwei Fachkräfte. Im neuen Jahr freuen wir uns über drei neue Azubis.

Inwiefern ist der Kontakt zu Angehörigen heute anders als noch zur Gründung des Stifts?

Die Erwartungshaltung ist bei vielen gestiegen. Ich habe das Gefühl, dass manche Angehörige verdrängen, dass es in Deutschland einen Pflegenotstand gibt - und das natürlich auch uns betrifft. Zwar sind bei uns im Haus alle Stellen besetzt, doch trotzdem arbeiten wir im Spannungsfeld zwischen den gestiegenen Erwartungen einerseits und gleichzeitig begrenzten Ressourcen andererseits. Das merke ich beispielsweise, wenn Kräfte wegen Krankheit ausfallen.

Trotzdem schaffen Sie in diesem Spannungsfeld ein breites Angebot für die Bewohner. Was ist dabei das Besondere an Ihrer Arbeit in Karben?

Die Zusammenarbeit mit den Vereinen und Kirchengemeinden vor Ort. 2014 etwa hat meine Vorgängerin Gabriele Roettger gemeinsam mit dem Verein Herz und Hand eine »Zwergenbetreuung« initiiert: Wenn die Betreuung der Kinder von unseren Pflegefachkräften ausfällt, kommen Ehrenamtliche zu uns und übernehmen die Betreuung bei uns im Haus. Dafür wurden wir 2017 als »Familienfreundliches Unternehmen Wetterau« ausgezeichnet. Das Karbener Senioren-Computer-Zentrum kommt zu PC-Schulungen für Bewohner zu uns, wir nehmen jedes Jahr am Sommerfest des Jugend- und Kulturzentrums teil. Zweimal im Jahr stellen wir Gemälde oder Fotografien lokaler Künstler aus. Und die Kirchengemeinden kommen regelmäßig für Gottesdienste ins Haus, auch die Firmlinge besuchen uns gezielt. Das sind ganz tolle Formen der Zusammenarbeit.

Gibt es einen Moment, an den Sie sich besonders gern erinnern?

Vor rund drei Jahren hatten wir ein Projekt mit der Musikschule Karben-Bad Vilbel. Sie hatte unsere Räumlichkeiten genutzt, im Gegenzug durften unsere Bewohner an der musikalischen Früherziehung teilnehmen. Ganz kreativ erzeugten sie gemeinsam Musik mit Mülltüten. Diese Momente, wenn Alt und Jung zusammenkommen, sind für mich immer die schönsten.

Wie feiern Sie?

Leider ist aufgrund der Corona-Pandemie aktuell nicht die passende Zeit für große Feiern. Wir werden unseren Geburtstag daher in kleinerem Rahmen mit geladenen Gästen feiern. Auch meine Vorgängerin wird sicher zu Besuch kommen. Geplant sind unter anderem eine Andacht, Musik sowie eine Tanzeinlage.

Bei einem Geburtstag folgt oft auch der Blick in die Zukunft. Wo sehen Sie das Haus in zehn Jahren?

Ich sehe uns noch breiter aufgestellt. Neben der stationären Pflege würden wir also auch Angebote der ambulanten Pflege sowie der Tagesbetreuung anbieten können. Darüber hinaus würde ich mir wünschen, dass wir auch spezielleren stationären Pflegebedarf, etwa von Bewohnern mit Luftröhrenschnitt, abdecken können. Denn gerade für jüngere pflegebedürftige Menschen fehlt eine solche Infrastruktur bislang.

Wird die Arbeit auch digitaler werden?

Mit Sicherheit, ja. Im Arbeitsalltag kann Digitalisierung entlasten, etwa wenn alle Pflegefachkräfte mit Tablet im Haus unterwegs wären und die Dokumentation so »nebenbei« stattfinden könnte. 2018 haben wir gemeinsam mit anderen Johanniter- Einrichtungen einen Innovationspreis gewonnen, weil wir Augmented Reality - also eine Art Video-Brille - in einem Pilotprojekt zur Wundversorgung angewendet haben. Solche Ideen werden in der Zukunft sicher eine größere Rolle spielen. Was die Technik aber nicht - auch nicht in noch weiterer Zukunft - ersetzen kann, ist die zwischenmenschliche Beziehung und Zuwendung durch uns Menschen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare