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Selzerbrunnen zur Alten Oper gemacht

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Karben (aho). »Bevor ich die ›Kulturinitiative Karben‹ (KiK) kennenlernte, wusste ich gar nicht, dass Kultur in Karben überhaupt möglich ist«, forderte Conférencier Arnulf Rating sein Publikum gleich am Anfang zu Beifall und »Buhrufen« heraus. Mit Künstlern, die dem Verein nahe stehen und nun gemeinsam einen Abend gestalteten, feierte die KiK ihr 20-jähriges Bestehen.

Ja, in Frankfurt, da sei das Geld. »Aber dass man hier den Selzerbrunnen zu einer Alten Oper manchen kann, das ist schon eine Leistung«, schob der Mann mit der gepflegten Kranzfrisur versöhnend nach.

Auch dass diese Institution es so lange gebe, sei schon ein Wunder, fand Rating: »Quelle ist Pleite gegangen, aber KiK lebt.« Auch die Lehman-Brothers seien in Konkurs gegangen, und Roland Koch habe sich mittlerweile verabschiedet, illustrierte Rating die Standhaftigkeit und Durchhaltefähigkeit dieses kleinen Kulturvereins, der mit relativ wenigen Mitteln bislang manches auf die Beine stellte.

Als »Leuchtturm der Gospelmusik« angekündigt, bildete Pat Garcia den Auftakt zu einem abwechslungsreichen Wohlfühlabend. Das stets gut gelaunt wirkende Stimmwunder war auch die erste Künstlerin überhaupt gewesen, die vor 20 Jahren auf einer Veranstaltung der KiK aufgetreten war. Eigentlich hatte Hans Schwab auftreten sollen, nach Rating »der erste Künstler, der überhaupt Kultur nach Karben gebracht hat«, aber dafür kam auf wackeligen Beinen die altjüngferliche »Hermine van der Hout« auf die Bühne, die für ihren »Sohn« das zum Besten gab, was sie für Kultur hielt.

Mit ihrer eigenwilligen Mischung aus Harfenspiel und Gesang zog Susanne Weinhöppel das Publikum in ihren Bann. In ihren teils auf Bayerisch gesungenen Liedern zeigte sie, dass sie weder Tod noch Männer fürchtet, sondern beiden ihr kabarettistisch-schlitzohriges, musikalisch-virtuoses Schnippchen schlagen konnte.

Das »subversive Urgestein des deutschen Kabaretts« brauchte der Moderator gar nicht mehr vorzustellen. Heinrich Pachl ist ein alter Bekannter der KiK, der es sich auch an diesem Abend nicht nehmen ließ, die Initiative mit seinem urwüchsigen Witz zu unterstützen. Immerhin feierte der Kabarettist aus der »einstürzendsten Stadt Deutschlands, nämlich Köln« sein zehnjähriges Bühnenjubiläum auf der KiK-Bühne, von denen er einige Auftritte gemeinsam mit dem verstorbenen Matthias Belz bestritten hatte. Und politisch wurde es auch diesmal wieder bei Pachl, während er in Repliken Merkel, Rösler, »Bankster«, »das scheue Reh Kapital« und »die Westerwelle« (»eine Phrasendreschmaschine«) über seinen unbarmherzig-kabarettistischen Kamm schor.

Nach Ratings politischem Hütchenspiel mit Jürgen Rüttgers, Sigmar Gabriel und Jutta Steinbach, aus dem Angela Merkel als »größte Sozialdemokratin aller Zeiten« hervorging, ließen Tänzerin Christina West, Gitarrist »Pepe« und die eigens eingeflogene Gastsängerin Isabel Alvarez mit ihrem leidenschaftlichen Flamenco die Kanzlerin augenblicklich vergessen. Den Abschluss bildete ein von Hans Schwab dirigierter und aus vollen Publikumskehlen gesungener Kanon »O, wie wohl ist mir in Karben«.

Seine Verbundenheit zur KiK und damit auch zu Karben begründete Rating der WZ gegenüber: »Ich verstehe mich als Alternative zum Kabelfernsehen. Man muss persönlich zum Kunden hingehen, und da darf man auch die Wetterau nicht scheuen.« - »Es ist dankenswert, dass die KiK das hier macht, und dass die Bürgermeister das hier zum Kulturgebiet gemacht haben...«, schob er noch nach.

»Es ist mir eine Ehre, hier aufzutreten«, erklärte Pachl. »Ich habe das KiK immer gern unterstützt mit meinen Auftritten mit Belz und Rating. Ganz großartig finde ich diese Leistung des Teams durch Freude an Kultur.« Er erinnerte zwinkernd an die »Anfänge der KiK in irgendwelchen Kellern«: »Diese Scheune hier entwickelt und durchgesetzt zu haben und zu halten und dieser Zusammenhalt im Team - das gibt es in einer Großstadt eigentlich nicht«, lobte Pachl. »So intensiv und so fröhlich, wie in Karben, habe ich es noch nicht erlebt und hoffe, dass Karben dieses Juwel nicht vor die Säue schmeißt«, brach er noch einmal eine Lanze für die KiK.

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