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Eine Aufnahme aus den späten 30er Jahren: die "Gesamtherrschaftliche Wirtschaft" in der Weißenburgstraße. REPROS: JÜRGEN SCHENK

Wo die Roggauer einst ihren Ebbelwoi tranken

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Burg-Gräfenrode, vom Volksmund Roggau genannt, hatte früher eine "Gesamtherrschaftliche Wirtschaft" schräg gegenüber der evangelischen Pfarrkirche. Dort waren nicht nur Raufbolde zugange.

Es gab in dem Gemeinschaftsdorf drei Amtskellerer und drei Schultheißen. Alles, was irgendwie finanziellen Ertrag brachte, war logischerweise ebenfalls dreigeteilt. Dazu zählte auch die sogenannte "Gesamtherrschaftliche Wirtschaft" schräg gegenüber der evangelischen Pfarrkirche. Das Gasthaus war das erste seiner Art in Burg-Gräfenrode und bestand vermutlich schon unter den Herren von Carben.

In einem drei- oder sechsjährigen Turnus wurde die Wirtschaft öffentlich an den Meistbietenden verpachtet. Bewerben konnte sich jeder Ortseinwohner, der genügend Geld und "nichts auf dem Kerbholz" hatte. Die Liste der Wirte beginnt - was für eine Überraschung - im Jahr 1761 mit drei Namen: Georg Baltzer, Johann Heinrich Michel und Philipp Vetter. Die an die Herrschaften zu entrichtende Pacht betrug 45 Gulden pro Jahr. Mit den Namen Konrad Trabandt und Johannes Emmerich endet die Liste der Bierzapfer und Brandweinbrenner. Ab 1850 findet sich keine weitere Eintragung mehr.

Nachts kamen ungebetene Gäste

Über die Verpachtung im Jahr 1760 berichtet der hanauische Amtskellerer Johann Ernst Ewald: "…daß sie vom 1ten Januar des künftigen 1761ten Jahres an, auf sechs Jahr lang, also bis ultimo Dezember 1766 Wirtschaft treiben, Wein, Bier und Brandtenwein auch Äppfel-Wein verzapfen, weniger nicht…" Die Wirtshausbetreiber hatten offensichtlich guten Zulauf. Kein Wunder, denn ihr Ausschank war schließlich der einzige im Ort. Nachts kamen manchmal auch ungebetene Gäste, die sich an Inventar und Einnahmen bereichern wollten.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts handelte es sich dabei um Räuber der berüchtigten Wetterauer Bande um ihren Anführer Jacob Heinrich Vielmetter, besser bekannt als "alter Jacob Heinrich". Diese Bande trieb in Oberhessen, im Büdinger Land, um Frankfurt und bis hinunter zum Odenwald ihr Unwesen.

Zinn, Pferdekummet und Ziege gestohlen

Es waren umherziehende Korbmacher, Musikanten, Landstreicher oder ehemalige Soldaten, deren Eltern schon das gleiche Vagabundenleben geführt hatten. Zur Wetterauer Bande gehörten auch Conrad Anschuh (oder Unschick) aus Rodheim und Johann Georg Gottschalk, der "Schwarze Jung", aus Ilbenstadt. "Prominentester" Kumpan vom alten Vielmetter war aber Georg Philipp Lang, den man "Hölzerlips" nannte. Er führte auch die Odenwald-Bande an. Um 1810 entwendeten die Räuber im Roggauer Wirtshaus unter anderem Zinn und ein Pferdekummet. Bei einem anderen Diebstahl verschwand im Dorf eine Ziege.

Heftig ging es am 9. November 1800 in der Schankstube zur Sache. Acht Männer zechten, diskutierten und gerieten am Ende in handfesten Streit. Ausgangspunkt sollen beleidigende Äußerungen gegen den Lehrer Kalbhenn und dessen Familie gewesen sein, losgelassen von Joachim Vetter. Ein anderer Vetter, Johann Georg, stand in verwandtschaftlicher Beziehung zu den Kalbhenns. Von ihm gingen wohl die Tätlichkeiten aus. Bei der anschließenden Schlägerei hieß es also Vetter gegen Vetter - und zwei kräftige Burschen aus Groß-Karben,

Tödliche Auseinandersetzung

Moritz Klein und Georg Reifenkugel mischten auch munter mit. Aus Roggau waren außerdem Helfrich Stahl und Lorenz Moscherosch beteiligt. Nachdem es der herbeigeeilten Nachtwache gelungen war, die Streithähne zu trennen, blieb Heinrich Vetter leblos auf dem Boden liegen. In der Nacht zum 12. November erlag er seinen Verletzungen, die ihm Klein zugefügt hatte.

Fast ein Jahr später wurden die Schläger verurteilt - und sie kamen vergleichsweise glimpflich davon: Sie erhielten Gefängnisstrafen zwischen vier Tagen und sechs Wochen bei Wasser und Brot. Ihre Strafen mussten sie in Assenheim, Windecken und Hanau absitzen, da den gesamtherrlichen Beamten das Gefängnis in Burg-Gräfenrode zu unsicher erschien. Im Wirtshaus wurde noch nach dem Ersten Weltkrieg ausgeschenkt.

Um das Jahr 1926 wohnte in dem Gebäude die Familie Döll. Anfang der 70er Jahre kaufte es die Familie Zeitler. "1977 haben wir das Haus abgerissen", erinnert sich Mathilde Zeitler. "Wo der Stall war, ist unser neues Wohnhaus entstanden. Die Stelle der Wirtschaft blieb leer."

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