Die Arbeitnehmer des Karbener Conti-Werkes haben auf Stellwänden dafür unterschrieben, dass ihre Arbeitsplätze erhalten bleiben sollen. Sie können auf vielfältige Unterstützung aus der Politik setzen. 	FOTO: PE
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Die Arbeitnehmer des Karbener Conti-Werkes haben auf Stellwänden dafür unterschrieben, dass ihre Arbeitsplätze erhalten bleiben sollen. Sie können auf vielfältige Unterstützung aus der Politik setzen. FOTO: PE

Karbener Conti-Werk

Politiker unterstützen Conti-Mitarbeiter

  • Holger Pegelow
    vonHolger Pegelow
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Auf allen Ebenen wird für den Erhalt des Continental-Automotive-Werkes in Karben gekämpft. Bürgermeister Guido Rahn wird für seine Gespräche mit der Konzernleitung nun auch die Unterstützung der Stadtverordneten erhalten.

I n der Region verstehen viele die Welt nicht mehr. Der Continental-Konzern zahlt seinen Aktionären eine Dividende, aber die Arbeitnehmer müssen um ihre Arbeitsplätze bangen. Der strukturelle Umbau der Automobilindustrie und die Absatzflaute von Fahrzeugen infolge der Corona-Pandemie haben die Konzernspitze zu drastischen Maßnahmen veranlasst. 13 000 Arbeitsplätze sollen deutschlandweit abgebaut werden, allein rund 4000 im Rhein-Main-Gebiet. Besonders bitter: Das Karbener Automotive-Werk in der Dieselstraße soll bis zum Jahr 2024 dichtgemacht werden. Der Aufsichtsrat hatte am 30. September den Sparplänen der Konzernleitung zugestimmt. Die Proteste im September sowohl in Karben als auch in Frankfurt hatten zu keiner Umkehr geführt. Die IG Metall hat eine Mahnwache vor dem Werkstor errichtet.

Resolution des Stadtparlaments

Aus der Politik erhalten die Arbeitnehmer vielfältige Unterstützung. Denn in der Wetterau weiß man, was es für die Region bedeuten würde, wenn in dem Karbener Werk 1100 Arbeitsplätze wegfallen würden. Der Kreistag hatte auf Antrag von CDU, SPD und Grünen hin den Kreisausschuss zu Verhandlungen aufgefordert, die zum Erhalt des Werkes führen sollen. FDP und AfD hatten sich enthalten.

Von der Karbener Stadtverordnetenversammlung soll dagegen in der nächsten Woche ein stärkeres Signal ausgehen. Denn alle im Parlament vertretenen Fraktionen und Einzelabgeordnete bringen eine gemeinsame Resolution ein. Sie trägt die Überschrift »Gemeinsam für den Erhalt von über 1000 Arbeitsplätzen im Conti-Werk Karben.« Antragsteller sind CDU, SPD, Freie Wähler, Grüne, Linke - und die FDP.

Der Entschluss für die gemeinsame Resolution sei am Rande des großen Protesttages nach einem Gespräch mit dem Betriebsratsvorsitzenden Frank Grommeck und dem 1. Bevollmächtigten der IG Metall, Michael Erhardt, zustande gekommen, berichtet CDU-Fraktionsvorsitzender Mario Beck. Danach habe man einen Text formuliert und im Umlaufverfahren zwischen den Fraktionsvorsitzenden und den Stadtverordneten abgestimmt. »Eventuell werden wir in der Sitzung des Haupt- und Finanzausschusses noch auf aktuelle Entwicklungen reagieren und den Resolutionstext anpasen«, kündigt Beck an. Sicher ist aber: Am Freitag, dem 30. Oktober, wollen die Stadtverordneten ein starkes Signal in Richtung Konzernleitung in Hannover senden und zudem den Bürgermeister bei dessen Gesprächen mit Konzernleitung und Betriebsrat unterstützen.

In dem Resolutionstext heißt es, dass das Karbener Conti-Werk über eine hochmoderne Elektronikfertigung unter Reinraumbedingungen verfüge. Das Werk habe erst vor wenigen Monaten dafür einen Preis gewonnen. »Umso unverständlicher kam die Entscheidung aus der Konzernzentrale, dieses leistungsfähige Werk mit seiner qualifizierten Belegschaft komplett zu schließen«, heißt es in dem Text. »Den Karbener Stadtverordneten und der Stadtregierung ist es wichtig, an der Seite der Beschäftigten zu stehen und ihre Solidarität kundzutun.«

Rahn gibt sich kämpferisch

Die Automobilbranche werde sich in den nächsten Jahren zwar verändern, »aber Arbeitsplatzabbau und Werksschließungen sind nicht die richtigen Antworten auf die Veränderungen«, seien sich alle Stadtverordneten einig. »Die Pläne der Konzernleitung sind nicht nachvollziehbar und wir erwarten, dass die Schließungspläne verworfen werden«, lautet die Resolution.

Die Kommunalpolitiker würden »nicht untätig zusehen«, deshalb würden die Aktivitäten des Betriebsrates und der IG Metall zum Erhalt der Arbeitsplätze unterstützt. »Die Menschenkette war hier nur der Auftakt weiterer Aktivitäten«, so der Resolutionstext.

Zwar hat der Aufsichtsrat die Konzernpläne abgesegnet, die zahlreichen Proteste in Deutschland könnten bei der Konzernspitze dennoch Wirkung gezeigt haben. Immerhin ließ sich Konzernchef Elmar Degenhart gegenüber der »Wirtschaftswoche« mit folgendem Satz zu den 30 000 gestrichenen Arbeitsplätzen zitieren: »Das heißt nicht automatisch 30 000 Kündigungen.«

Der Karbener Bürgermeister gibt sich ohnehin kämpferisch. Das letzte Wort sei mit der Entscheidung des Aufsichtsrates noch nicht gesprochen. »Wir stimmen uns mit den Gewerkschaftsvertretern ab, welche Schritte jetzt noch erfolgen können, um möglichst doch noch ein Verbleib der Arbeitsplätze bei Conti in Karben zu erreichen. Ferner werden wir auch das Gespräch mit der Geschäftsführung suchen, um auch in direkten Kontakten die Zukunft des Standortes in Karben zu besprechen und Lösungswege zu finden, damit in Karben möglichst keine Arbeitsplätze wegfallen.«

Bei einer Demonstration kürzlich in Frankfurt, bei der einige Hundert Conti-Mitarbeiter, darunter auch aus dem Karbener Werk, um das Gebäude der Börse eine Menschenkette bildeten, äußerten Gewerkschaftsvertreter, dass man zumindest erreichen wolle, dass der Stellenabbau verlangsamt oder abgemildert werde. Conti könnte etwa verstärkt Kurzarbeit und Arbeitszeitverkürzung nutzen, um die Krisenfolgen in der Automobilindustrie und deren Zulieferbetrieben aufzufangen.

Unterstützung erhalten die Arbeitnehmer übrigens nicht nur von Kreistag und Stadtverordnetenversammlung, sondern auch von der hessischen Landesregierung. Ministerpräsident Volker Bouffier und sein Stellvertreter Tarek Al-Wazir wollen mit der Konzernleitung direkt sprechen. »Wir werden erneut auf Continental zugehen, um die Bedeutung des Unternehmens für Hessen noch einmal deutlich zu machen«, erklärten die beiden Politiker.

Leicht wird das nicht. Immerhin schreibt das Unternehmen im ersten Halbjahr 2020 einen Verlust von rund 450 Millionen Euro. Im ersten Halbjahr 2019 hatte der Conti-Konzern noch einen Gewinn von über einer Milliarde Euro geschrieben. pe

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