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Teil 6 der Serie

Plätze zum Verweilen: Eisdiele an der Kreuzgass Karben

  • vonJürgen Schenk
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Eis gehört zum Sommer: Eine Anlaufstelle ist der freie Platz mit Brunnen und Eisdiele gegenüber vom Leonhardischen Schloss. Viele schätzen ihn längst als eine Art Karbener Institution.

Kreuzgass« lautet der althergebrachte Name des Areals. Denn direkt an der Ecke des Platzes kreuzen sich vier Straßen: Heldenberger Straße, Bahnhofstraße, Parkstraße und Burg-Gräfenröder Straße. Den Platz selbst nennen viele Leute in Groß-Karben noch immer »Eis-Rei-Platz«. Das ist als Reminiszenz an die Vergangenheit zu verstehen. Man muss bis in die Wirtschaftswunderzeit zurückgehen, um den Ursprung des Namens zu ergründen.

Mitte der 50er Jahre etablierten die Eheleute Fritz und Annaliese Rei einen Kiosk- und Speiseeis-Verkauf an der Kreuzgass. Ganz am Anfang erhielt man die kühle Leckerei noch an einer Kirmesbude. Die stand ungefähr dort, wo sich heute der Kreuzgassbrunnen befindet. Im danebenstehenden Wohnwagen lebte die Familie. Sie waren Schausteller, wie ihre Vorfahren, und tingelten von Jahrmarkt zu Jahrmarkt. Später bezogen Fritz und Annaliese Rei eine Wohnung in der Westlichen Ringstraße.

Kreuzgass Karben: Anwesen von jüdischen Familien

»Ein Bällchen Eis kostete damals beim Rei zehn Pfennig«, schwelgt Herbert Dietz in Jugenderinnerungen. »Frau Rei hat das Eis mit einem Küchenlöffel aus dem Topf gekratzt und in eine Waffel gefüllt. Einen Portionierer hatte sie zu dieser Zeit noch nicht.« Die Kreuzgass sei so etwas wie die Lebensader von Groß-Karben gewesen. Hier habe es viele Geschäfte und Gaststätten gegeben, erinnert sich der Foto-Chronist.

Der freie Platz ist seit der Gründung Karbens in städtischem Besitz, davor gehörte er der Gemeinde Groß-Karben. Doch das war nicht immer so. Auf einer Parzellenkarte von 1832 sind an gleicher Stelle eine Scheune und zwei Stallungen eingezeichnet. Das ganze Anwesen war seit der Jahrhundertwende im Privatbesitz der jüdischen Viehhändlerfamilie Junker. Während der Reichspogromnacht 1938 wurden die Wirtschaftsgebäude vom Nazi-Mob niedergebrannt. Das angrenzende Wohnhaus blieb von den Flammen nur verschont, weil es durch eine Mauer von den anderen Gebäuden getrennt war. Bis auf die jüngste Tochter Ruth überlebte kein Familienmitglied den Holocaust. Nach dem Krieg wurde in diesem Bereich nie wieder gebaut. Mittlerweile gibt es auch kaum noch Leute im Ort, die von den Junkers erzählen können.

Kreuzgass Karben: Zweiter Schulhof der Kss

Bis zum Jahr 2001 verkaufte die Familie Rei Eis-Spezialitäten an jenem Ort. Dann mussten die Inhaber aus gesundheitlichen Gründen Schluss machen. Ein Sohn entschied sich gegen die Weiterführung des traditionsreichen Geschäftes und ging in den Main-Kinzig-Kreis. Tatsächlich blieb 2001 bis dato das einzige Jahr, in dem der Sommer ohne Eisgenuss vorüberging. Schon im Folgejahr geriet der Platz in italienische Hand. Mit den Brüdern Montaperto kam ein Hauch von Urlaubsgefühl in den alten Ortskern. Aus dem einstigen Kiosk machten sie das »Eiscafé Monti« mit überdachten Tischen und Sitzgelegenheiten. Zum Angebot zählen inzwischen über 30 Eissorten, Kuchen und verschiedene Getränke. In der kühleren Jahreszeit geht es mit Waffeln weiter. Fußballfans treffen sich während Welt- und Europameisterschaften gerne dort zum Public Viewing.

Der Brunnen, als Wahrzeichen des Platzes, wurde 1993 anlässlich der 700-Jahr-Feier gestiftet. Die Installation kostete rund 29 500 Mark. Gut die Hälfte der Kosten stammte aus dem Erlös der Jubiläumsfeierlichkeiten. Ursprünglich hatte man für den Brunnen eine Stelle vor der Kirche vorgesehen. Dieses Vorhaben war aber am Einwand der Unteren Denkmalschutzbehörde gescheitert.

Zurzeit gibt es andere Probleme: Nach einem Autounfall im Juni 2019 ist die Zisterne immer noch außer Betrieb. Man vermisst das Sprudeln des Wassers an der Kreuzgass. Doch die Menschen, die dort verweilen, vermissen noch etwas anderes: Nämlich etwas mehr Ordnung. Die scheinbar zu klein geratenen Mülleimer laufen oft über. Und wenn sie zu voll sind, fliegen die leeren Döner- und Asia-Snack-Schachteln nur so durch die Gegend. Das läge aber nicht allein daran, dass der freie Platz zum zweiten Schulhof der Kurt-Schumacher-Schule geworden sei, sagt eine Anwohnerin. Auch Ältere seien daran nicht unbeteiligt.

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