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Der »Prototyp« der Corona-Gedenk-Kapelle steht am Waldfriedhof in Klein-Karben. Die Erbauer sind (von links): Tillmann Frommhold, Stephan Kuger und Pfarrer Werner Giesler.

Gedenken an Corona-Opfer

Orte zum Trauern geschaffen

  • vonJürgen Schenk
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In Karben haben Christen selbst gebaute Kapellen aufgestellt, um Orte zu schaffen, an denen Angehörige, Freunde und Bekannte von Corona-Toten Kerzen aufstellen oder Bilder anheften können.

Zahlen bleiben Zahlen - abstrakt, nüchtern, ohne Gesicht und ohne Persönlichkeit. Das ist eine von vielen erschütternden Erfahrungen der Corona-Pandemie. Die täglich gemeldeten Todeszahlen sind nichts weiter als Vergleichsmarken zum Vortag oder zur Vorwoche. In der Anonymität lässt es sich wohl leichter mit solchen Zahlen umgehen. Aber sollte nicht auch die ganze Bevölkerung Anteil an der Trauer der Hinterbliebenen nehmen?

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat diese Frage mit Ja beantwortet und am vergangenen Sonntag in Berlin aller Verstorbenen gedacht. Viele Kirchen, Städte und Kommunen tun es ihm in diesen Tagen gleich. Hinter den Wohnungsfenstern leuchten Kerzen, vielerorts läuten die Glocken. Die evangelische Gesamtkirchengemeinde Karben beteiligt sich indes mit einer ganz eigenen Aktion an dem landesweiten Totengedenken: In allen zugehörigen Gemeinden sind jetzt kleine Trauerkapellen entstanden, wo man für die Toten Kerzen aufstellen kann. Dort hinterlegte Fotos könnten zeigen, wie die Menschen ausgesehen haben.

Die Kapellen bestehen jeweils aus fünf, in sakralartiger Form aufgerichteten Euro-Paletten. Gegen Wind und Wetter wurden die Provisorien mit Tetra-Pak-Kartonage verkleidet. Allein das Gesamtbild macht deutlich, dass es sich um keine Konstruktionen für die Ewigkeit handelt. Derartiges könnte aber die Zukunft bringen.

Europaletten als Grundlage

Pfarrer Werner Giesler aus Klein-Karben sowie die beiden Kirchenvorstandsmitglieder Stephan Kuger und Tillmann Frommhold aus Rendel beziehungsweise Okarben traten am Samstag als Kapellenbaumeister in Erscheinung. »Die Idee zu der Aktion kam von Karin Segebarth«, berichtet Giesler. »Sie ist Mitarbeiterin beim ASB und pflegt im Klein-Karbener Johanniterstift alte Menschen. Wegen ihrer Tätigkeit erlebte sie den Virusausbruch vor Ort natürlich hautnah mit. Die Menschen starben einsam, ohne ihre Angehörigen noch einmal sehen zu können, so wie in allen Krankenhäusern und Heimen. Wir wollen ihrem Andenken nun Räume geben.«

Die Idee mit den Paletten habe man von Kinderspielplätzen abgeschaut, erklärt Stephan Kuger. »Die Toten-Kapellen sollen auf jeden Fall so lange in Karben stehen bleiben, bis unsere Kirchen wieder öffnen dürfen. Eine regionale Firma hat uns das Material zur Verfügung gestellt. Nachher bringen wir die Paletten dorthin zurück.« Für die Zeit nach der Pandemie spricht Pfarrer Giesler schon jetzt von einer Fortführung des Corona-Gedenkens. Das solle dann allerdings in der Kirche stattfinden, neben den Gedenkstätten für Gefallene und Pestopfer. »Das erscheint mir sehr notwendig.«

Doch ist angesichts der massiven dritten Welle mit weiterhin vielen Toten in Deutschland eine Gedenkveranstaltung überhaupt angebracht? Darauf gibt es keine einfache Antwort.

Jeder kennt mittlerweile Betroffene. Stephan Kuger erzählte in diesem Zusammenhang von einem Arbeitskollegen, dessen Vater an Covid-19 gestorben sei. Gesehen hätte er ihn nicht mehr, aber ins Krankenhaus sollte er trotzdem kommen, um die Habeseligkeiten seines Vaters zu holen. »Die waren zur Abholung in einem Kasten verpackt, neben dem noch fünf weitere Kästen standen«, schildert er das ihm offenbarte Erlebnis.

Über Namen wird nicht gesprochen. Von Pfarrer Giesler schon gar nicht. Das lehnt er nicht nur wegen seiner Schweigepflicht strikt ab.

Zwischen Wut und Selbstvorwürfen

Aber es wird klar, dass er inzwischen einige Hinterbliebene in Klein-Karben seelsorgerisch zu betreuen hat. Die letzten von ihm beerdigten Menschen seien alle an oder mit Covid-19 gestorben. Ihre Angehörigen würden allzu oft von Ohnmachtsgefühlen, Wut und Selbstvorwürfen geplagt. »Die Leute legen sich selbst zur Last, dass sie sich nicht verabschiedet haben«, so Giesler. »Aber das ist irrational. Sie hatten ja überhaupt keine Möglichkeit dazu.«

Der Online-Gottesdienst vom Sonntag, den Pfarrer Giesler, Stephan Kuger und Karin Segebarth gemeinsam gestalteten, hatte ebenfalls die Entstehung der Kapellen zum Inhalt. Das Video kann auf der Homepage der Gesamtkirchengemeinde Karben angeschaut werden.

Freitags um 18 Uhr wird geläutet

Die Kapellen sind an folgenden Standorten in Karben zu finden: in Groß-Karben hinter dem Bürgerzentrum an der Nidda, in Klein-Karben an der Büdesheimer Straße (Höhe Waldfriedhof), in Okarben an der evangelischen Kirche, in Rendel am Aufgang zur Kirche und in Burg-Gräfenrode an der Trauerhalle. Bis auf Weiteres läuten nun jeden Freitag um 18 Uhr alle Kirchenglockender Gesamtkirchengemeinde. »Die evangelische Kirchengemeinde Petterweil ist von uns allen herzlich zum Mitmachen eingeladen«, betont Stephan Kuger. jsl

Stephan Kuger und Tillman Frommhold beim Aufbau.

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