ClimAir-Mitarbeiter Achim Noack ist bei dem Autozulieferer mit dem Projekt beauftragt. Er zeigt auf die bislang stillgelegte Heizanlage, die jetzt reaktiviert werden soll. In ihr sollen die Produktionsrückstände verbrannt werden.
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ClimAir-Mitarbeiter Achim Noack ist bei dem Autozulieferer mit dem Projekt beauftragt. Er zeigt auf die bislang stillgelegte Heizanlage, die jetzt reaktiviert werden soll. In ihr sollen die Produktionsrückstände verbrannt werden.

Erster Testlauf erfolgreich

Okarbener Autozulieferer ClimAir will bald mit Produktionsabfällen heizen

  • Holger Pegelow
    vonHolger Pegelow
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Kann der in Okarben ansässige Autozulieferer ClimAir schon im Winter seine Hallen mit den Abfällen aus seiner Produktion beheizen? Ein erster Testlauf mit einem Gießener Ingenieurbüro verlief zwar positiv.

Auf dem Firmengelände des Autozulieferers ClimAir Am Spitzacker lagern zahlreiche große Plastiksäcke. Sie enthalten etwas, das der Firma früher abgenommen und sogar vergütet wurde. Jetzt, als Folge der Corona-Pandemie, aber nicht mehr abgeholt wird. Es handelt sich um die Rückstände aus der Produktion von Windabweisern und Sonnenschutzsystemen für Autos. »Das ist reines Acrylglas, das aus Öl besteht«, informiert der Chef des Unternehmens, Guido Hommel. Im Spätfrühjahr kamen er und sein Bruder Kurt sowie das Team auf die Idee, die Rückstände in der firmeneigenen, aber seit Jahren stillliegenden Heizanlage zu verbrennen, also zur Energieversorgung des eigenen Unternehmens zu verwenden.

Doch damit war man bislang kaum vorangekommen. Hommel hatte gegenüber dieser Zeitung im Juni den Grund genannt: »Für das Thema fühlt sich keine Behörde zuständig.« Doch Hommel ließ nicht locker. Er schrieb an den hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier. In dem Brief drohte er mit Einstellung der Produktion, denn man wisse nicht mehr wohin mit den Rückständen. Täglich kommen Hommels Angaben zufolge vier volle Säcke hinzu. Er hoffe nun, dass der Ministerpräsident sein Anliegen an eine Behörde weiterleite, »die uns bei der Umsetzung der Ofenanlage helfen kann«.

Okarbener Autozulieferer ClimAir: Behördentermin vor Ort

Mitte Juli kam es dann zu einem Termin vor Ort. Zwei Vertreterinnen des Ministeriums für Umwelt und Klimaschutz sowie des Regierungspräsidiums Darmstadt waren nach Okarben gekommen, um sich das Anliegen anzuschauen und vor allem, weil der Firmeninhaber auf behördliche Unterstützung hoffte. Doch diese sei ausgeblieben, wundert sich Hommel. Bei dem Termin sei man lediglich darauf hingewiesen worden, Kontakt zu einem geeigneten Ingenieurbüro aufzunehmen, um die Planung einer Anlage vornehmen zu lassen, die den gesetzlichen Vorgaben entspreche.

Ansonsten moniert das Unternehmen »fehlende behördliche Unterstützung«. Man sei nach dem Termin »in fast allen Punkten genauso weit wie zuvor und wir sehen noch immer keine Lösung für unser Problem«, schrieb der Inhaber an den Ministerpräsidenten.

Allerdings griff er den Hinweis der Behördenvertreterinnen auf und fand schließlich in Gießen ein geeignetes Ingenieurbüro. »Das zeigte sich sehr aufgeschlossen gegenüber unserem Anliegen und wollte einen Versuch starten, ob wir unsere eigene Anlage reaktivieren können.«

Okarbener Autozulieferer ClimAir: 30 Tonnen Späne im Lager

Wie berichtet, geht es dabei um die Rückstände, die direkt an den Arbeitsplätzen abgesaugt werden. Das sind kleine Späne, die über ein Rohrleitungssystem in die Säcke bzw. das Lager gepumpt werden. Mit diesen Spänen will ClimAir seine Hallen und Büros beheizen. »Wir könnten im Sommer in dem Turm der Heizanlage bis zu 30 Tonnen lagern und sie dann im Winter verbrennen.«

Das Ingenieurbüro hat dieser Tage auf dem Gelände einen Testlauf gestartet. Mit dabei war Hommels Mitarbeiter Achim Noack, der bei dem Unternehmen für die Umsetzung des Projektes zuständig ist. Wie Unternehmensspreche- rin Kathrin Planiczky berichtete, sei der erste Test »sehr gut und ohne Probleme verlaufen«. Fördermenge und Verbrennung seien getestet worden, »alles ohne Auffällig- keiten«. Daher könne es nun an die Planung der weiteren Details gehen, »was alle sehr optimistisch und positiv stimmt. Zumal die Abfälle, wie erhofft, das benötigte Volumen für die Heizperiode abdecken«.

Kann also sein, dass Hommels Ärger über die Behörden bald nachlässt, wenn das Ingenieurbüro eine gesetzeskonforme Lösung erarbeitet. Von wissenschaftlicher Seite hatte das Projekt längst grünes Licht erhalten. Das Frauenhofer-Institut hat eine Brennstoff-Studie erstellt und hält die Weiterverarbeitung des firmeneigenen Abfalls in der Anlage nicht nur für möglich, sondern mit den aktuellen Gesetzen im Einklang. Gut möglich also, dass ClimAir nicht nur Am Spitzacker bleibt, sondern seine stillliegende Heizanlage wieder hochfahren kann.

Okarbener Autozulieferer ClimAir: Stellungnahme RP Darmstadt

Seitens des Regierungspräsidiums Darmstadt heißt es zu dieser Angelgenheit: »Aufgrund eines Schreibens des Geschäftsführers der ClimAir PLAVA Kunststoffe GmbH an den hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier wurde die Firma am 26. Juni 2020 von einer RP-Mitarbeiterin zusammen mit dem HMUKLV besucht. An diesem Vor-Ort-Termin informierte der Geschäftsführer über seinen Plan, in seinem Betrieb anfallende Plexiglasspäne direkt auf dem Gelände in einem Ofen verbrennen zu wollen.

Ihm wurde daraufhin geraten, sich für die technische Ausführung mit einem erfahrenen Ingenieurbüro in Verbindung zu setzen. Zudem erhielt er die Kontaktdaten der für die Ge-nehmigung zuständigen RP-Mitarbeiterin, um mögliche Fragen zum Genehmigungsverfahren zu klären. Bis heute hat er sich jedoch nicht bei ihr gemeldet.

Das RP ist eine Genehmigungs- und Überwachungsbehörde und kein Planungs- oder Ingenieurbüro. Das bedeutet: Für die Planung des Vorhabens muss der Anlagenbetreiber sich selbstständig um die Ausführung kümmern, wobei eine Beratung zum Beispiel bezüglich der einzureichenden Unterlagen durch das RP möglich ist.

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