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Die Kuppeln der Gärbehälter sind weithin sichtbar. Die Fütterung mit Maissilage ist nahezu automatisiert.

Energiewende

Ökobilanz von Biogas im Blick

Der BUND Karben kommt nach einem Besuch der Karbener Biogasanlage zum Fazit, dass die Energiewende mit Mais im Gärtank nicht machbar ist. Mehr Solar-Wasserstofftechnik müsse her.

Karben (pm). Erneuerbare Energie aus nachwachsenden Rohstoffen - wie funktioniert das in der Nachbarschaft? Seit zehn Jahren ist die Karbener Biogasanlage am Ortsrand Richtung Heldenbergen »In der Urschlicht« am Netz. Kürzlich hat sich der BUND Karben/Niddatal die Anlage angeschaut.

Betriebsleiter Michael Vogler habe die Prozesse erklärt, die nötig sind, um aus Mais Methan entstehen zu lassen, heißt es in einer Mitteilung des BUND. Vogler ist Landwirt und längst auch Energiewirt. Er kennt die Anlage aus dem Effeff. »Wir sammeln Jahr für Jahr mehr Erfahrungen und verbessern dadurch die gesamte Anlage.«

Ständige Futtergabe ist nötig

80 Tonnen Mais verschlingt die Biogasanlage jeden Tag. Weil die Gärung 80 bis 100 Tage dauert, sind zwei Fermenter nötig; das sind Behälter, 30 Meter im Durchmesser, für 2500 Kubikmeter Futterbrei. Damit zuverlässig Energie geliefert werde, sei eine komplexe Prozesssteuerung nötig. Die Bakterien in der gärenden Silage-Suppe müssten bei Laune gehalten werden. »Sie erledigen ihre Arbeit, indem sie das Methan aus der Biomasse herausfressen: Dazu brauchen sie die ständige Futterzufuhr.« Dies erledigten die Transportschnecken. Die Rührwerke müssten sich stets drehen, damit der Brei nicht klumpig werde. Pumpwerke für den Bakterienausflug ins Abklingbecken, Sauerstoffentzug gegen »Verdauungsprobleme« der Anlage und eine Heizung für angenehme Arbeitsbedingungen, seien ebenfalls Teil der Anlage. Auf den fast drei Hektar Betriebsfläche lagert ein großer Berg Maissilage, der Nachschub für die Anlage. Einfüllgurbe, Nachgärtank, Blockheizkraftwerk, Gaswaschanlage, die Mess- und Steuerungstechnik ziehen beim Rundgang die Blicke auf sich. »Im Vergleich zu den alternativen Tüftleranlagen aus den 1980er Jahren steht hier moderne Steuertechnik, viel Edelstahl, grüne Hochleistungsfolien als erhabene Kuppeln und die elektronische Prozesssteuerung im Container«, vergleicht Peter Hofmann vom BUND Karben/Niddatal. »Kaum zu glauben, dass es zu Störungen und technischen Mängeln in der Anlage kam.« Schließlich verschlechtere der Austausch eines ganzen Blockheizkraftwerkes oder der Ersatz eines undichten Doppelmembrandaches nicht nur den CO2-Fußabdruck, sondern auch die Rentabilität der Anlage, urteilt Hofmann.

Die für die Anlage Verantwortlichen würden durch die verschlissenen Teile oder von fehlgeleiteten Flüssigkeiten lernen. Das seien Erfahrungen, durch die die Biogasanlage verbessert werden könne, erklärt Vogler. Beispielsweise sei das störanfällige Kraftwerk kurzerhand durch eine hochwertigere Anlage ersetzt worden.

Ob es möglich sei die Biogasanlage auf andere Pflanzengesellschaften wie die Durchwachsene Silphie umzustellen, wollten die BUND-Gäste wissen. Der aus den USA stammende Korbblütler habe als Energiepflanze durchaus seine Reize. In Bayern werde der Anbau dieser Großpflanze gefördert.

Betreiber von Biogasanlagen seien an das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) gebunden. Das regele unter anderem welche Biomasse als »nachwachsender Rohstoff« anerkannt ist. Es sei nicht möglich, Kartoffelschalen zu vergären, obwohl das technisch machbar wäre, erklärt Vogler. Das EEG garantiere feste Abnahmepreise für zwei Jahrzehnte für die gewonnene Energie. »Das hat eine kontraproduktive Seite«, stellt der BUND fest. Damit entstehe kein Anreiz, von Mais auf andere Pflanzengesellschaften umzusteigen. »Eigentlich müssten doch die weniger ertragreichen, aber für die Biodiversität wertvollen Pflanzen, eine höhere Förderung erhalten«, argumentiert der Karbener BUND. Die ökologische Gesamtbilanz der Biogasanlage sei laut BUND weiterhin ein Problem. »Auf der Habenseite steht die Versorgung von etwa 5000 Haushalten mit Strom und mehr als 1000 Haushalten mit Energie aus dem Gasnetz«, schreiben die Naturschützer. Das sei ein Beitrag fossile Brennstoffe zu ersetzen. Auf der anderen Seite stehe das große Betriebsgelände, die 550 Hektar Ackerland, auf denen Mais für die Anlage angebaut werde. Erfreulich sei, dass hierfür von den Landwirten eine drei- bis fünfjährige Fruchtfolge gewählt werde.

Wetterauer Böden für Lebensmittel

»Die fruchtbaren Böden der Wetterau sollten im Rahmen der von der Europäischen Union vorgegebenen Biodiversitätsstrategie zur Erzeugung von hochwertigen Lebensmitteln in einer strukturreichen Landschaft zu Verfügung stehen. Dazu wären großzügige Blühstreifen und die besagte blühende Silphie genau das Richtige«, fordert der BUND.

Mit Mais im Gärtank könne der Wechsel weg von fossilen Brennstoffen nicht erreicht werden, sind sich die BUND-Aktiven sicher. Für nachhaltige Kreisläufe in der Landwirtschaft behalten die Biogasanlagen ihre Berechtigung. Der Karbener BUND plädiert für eine Solar-Wasserstofftechnologie.

Anlage besteht seit 2011

Die Biogasanlage Karben ist auf einem drei Hektar großen Gelände 2011 in Betrieb gegangen. Das Biomethan wird über das Netz der Netzdienste Rhein-Main an die Städtische Werke AG nach Kassel verkauft. Der Strom wird in das Netz der Ovag eingespeist. Es wird nach Auskunft des Betreibers Energie für die Versorgung von rund 5000 Haushalten mit Strom und 1000 Haushalten mit Wärme erzeugt. Die CO2-Einsparung betrage 12 000 Tonnen pro Jahr. Gesellschafter sind zu je 33 Prozent die Karbener Energie GmbH, die Städtische Werke AG Kassel sowie Landwirte, Marktpartner und Privatpersonen.

Michael Vogler (Mitte) erklärt den Gästen des BUND Karben/Niddatal wie die Biogasanlage funktioniert.

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