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Berechtigungsscheine

Notwendigstes auf Karte

  • vonJürgen Schenk
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Die Suche nach Mitteln zur Krisenbewältigung ist so alt wie die Krisen selbst. Zu allen Zeiten ging dieses staatliche Streben mit Rationierungen einher. Ein Rückblick.

Noch bis Mitte April können Senioren und chronisch Kranke nach Vorlage eines Gutscheins FFP2-Schutzmasken in Apotheken auch in Karben bekommen. Berechtigt sind rund 34 Millionen Deutsche. Im Januar hatte die Bundesregierung mit dem Versand dieser Berechtigungsscheine begonnen. Wenn die Scheine nach Ostern ihre Gültigkeit verlieren, dürften einige, die vergessen wurden, im Müll landen. Oder aber man deponiert diese Coupons als ein Stück Zeitgeschichte. Denn eines ist nicht von der Hand zu weisen: Wir leben seit einem Jahr in einer besonderen Situation, an die man sich später erinnern wird.

Bezugsscheine bis in die Nachkriegsjahre

Geschichtskundige werden in solchen Erinnerungen noch ganz andere Parallelen finden. Berechtigungsscheine - da war doch was? Tatsächlich muss man »nur« an die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts zurückdenken. In diesen Notzeiten wurde die Versorgung der Bevölkerung von staatlicher Seite geregelt. Es gab Bezugsscheine für fast alle Verbrauchsgüter des täglichen Bedarfs. Diese Scheine enthielten Marken zum Abreißen, die bei den entsprechenden Händlern gegen Waren eingetauscht werden konnten. Am 27. August 1939, vier Tage vor Beginn des Zweiten Weltkriegs, hatte das NS-Regime diese ersten Rationierungen angeordnet. Es sollte damit eine Mangelversorgung oder gar eine Hungersnot, wie sie während des Ersten Weltkriegs aufgetreten war, verhindert werden. Obst, Gemüse und Kartoffeln waren anfangs noch frei zu beziehen. Bereits am Ende des ersten Kriegsjahres wurde die sogenannte Einheitskarte für Lebensmittel durch unterschiedliche Karten ersetzt oder ergänzt. Es galten fortan Karten für Schwerst- und Nachtarbeiter, für Kleinkinder, Kinder bis sechs Jahre, Jugendliche und Erwachsene. Soldaten auf Heimaturlaub bekamen Urlauberkarten. Auch Kleiderkarten wurden verteilt.

Die Bevölkerung auf dem Land wie rund um Karben musste mit weniger Zubilligungen auskommen, weil sie größtenteils Möglichkeiten zur Selbstversorgung nutzen konnte. Auch Kohle zum Heizen musste über Bezugsscheine erworben werden. Bei Lebensmitteln gab es Karten für alle möglichen Produkte: Brot, Fleisch, Eier, Fett, Zucker.

Ausgeschlossen von diesen Sozialleistungen des Regimes waren Juden. Ab Oktober 1942 erhielten sie weder Fleisch- noch Lebensmittelkarten. Das sollte ihnen das Überleben im Untergrund schwer machen. Mögliche Unterstützer konnten kaum etwas von ihren eigenen, immer geringer werdenden Rationen abgeben. Ab dem Frühjahr 1942 kam es zu drastischen Einschnitten, die an der Moral der Bevölkerung nagten.

Feldpost verrät einiges von der Not

Feldpostbriefe aus dieser Zeit schildern einen paradoxen Zustand. Liebesgaben aller Art kamen seltener aus der Heimat, sondern wurden ganz oft von den Soldaten nach Hause geschickt. Sie versuchten alles in Feldpostpakete zu stecken, was sie auftreiben konnten: Fleisch, Butter, Schokolade, Gewürze, Alkohol, Stoffe. Im Gegenzug freuten sie sich vor allem über Tabak und Zigaretten. Nicht selten waren die mit lebensnotwendigem gefüllten Pakete lange unterwegs, sodass die verderblichen Sachen ungenießbar wurden. Oft wurden sie auch auf dem Postweg gestohlen. Im Februar 1943 schreibt ein Arzt an seine Frau in Frankfurt-Höchst: »Am besten ist es, gar nicht zu viel zu denken. Ich möchte jetzt nicht als Zivilist in der Heimat sein. (…) Ob die Leute in der Heimat wohl noch alle so können, wie man es von ihnen erwartet und wie sie es auch wollen?«

In der Nachkriegszeit behielten die Besatzungsmächte die Ausgabe von Lebensmittelkarten zunächst bei. Erst 1950 beschloss das Bundeskabinett unter Konrad Adenauer deren Aufhebung.

Berechtigungsscheine wie die für Schutzmasken gab es danach nicht mehr. Und doch ist ein Detail erwähnenswert: Von der sogenannten Volksgasmaske zum Schutz gegen alliierte Gasangriffe wurden bis Kriegsende in Deutschland rund 45 Millionen Stück verkauft. Sie kostete fünf Reichsmark, konnte von Bedürftigen aber für 50 Pfennige erworben werden. Ganz ohne Eigenbeteiligung ging es damals also auch nicht.

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