Spezielle Schutzkleidung trägt Philipp Amelang immer - obwohl sie gar nicht vorgeschrieben ist. Rund 200 Fahrten an sieben Tagen die Woche stehen für ihn und das Team der HMD Medica Krankentransporte an. Nicht wenige davon mit der Hochrisikogruppe.
+
Spezielle Schutzkleidung trägt Philipp Amelang immer - obwohl sie gar nicht vorgeschrieben ist. Rund 200 Fahrten an sieben Tagen die Woche stehen für ihn und das Team der HMD Medica Krankentransporte an. Nicht wenige davon mit der Hochrisikogruppe.

Krankenfahrten

Nicht systemrelevant? Trotz Kontakt zu Risikopatienten: Karbener bekommt keine Schutzausrüstung

  • vonPatrick Eickhoff
    schließen

Philipp Amelang ist sauer. Seit zehn Jahren transportiert er täglich Hochrisikopatienten zum Arzt oder in Kliniken. Jetzt wurde der Karbener beim Verteilen Schutzausrüstung außen vor gelassen.

Es gibt wohl kaum eine Arztpraxis oder Klinik in der Wetterau, die Philipp Amelang nicht kennt. Seit zwölf Jahren transportiert er schwerkranke Patienten zum Arzt, zur Dialyse oder zu anderen Untersuchungen. »Teilweise sind die Patienten kaum noch ansprechbar«, sagt er. Rund 200 Fahrten an sieben Tagen die Woche stehen für das kleine dreiköpfige Team der HMD Medica Krankentransporte aus Karben auf dem Programm. »Es ist mehr als nur ein einfaches Abliefern. Wir müssen natürlich auch auf die Hygiene achten und alles desinfizieren.« Gerade in Zeiten der Corona-Pandemie sei das wichtiger denn je. Das Problem: Amelang gehen die Materialien aus. »Masken, Handschuhe, Desinfektionsmittel. Das alles wird so langsam knapp.«

Der stellvertretende Geschäftsführer des Fahrdienstes hat sich deshalb an die Politik gewandt. Die Antworten lassen ihn schockiert zurück. »Bund und Land schieben sich gegenseitig die Verantwortung zu, und wir bleiben auf der Strecke.« Das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) antwortet dem 35-Jährigen, dass schnellstmöglich die notwendigen Gegenstände der Schutzausrüstung in Deutschland insbesondere für Arztpraxen, Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen sowie für Behörden (unter anderem für Polizei sowie Zoll) zu beschaffen seien. »Dafür habe ich vollstes Verständnis. Die betreffenden Einrichtungen gehen definitiv vor«, sagt Amelang.

Karbener bekommt keine Schutzausrüstung: Vernetzung zu Ärzten retten

Das Ministerium weist in seiner Antwort darauf hin, dass der Versand an Arztpraxen und Krankenhäuser nicht direkt durch das BMG erfolge und dass die Bedarfe von Krankenhäusern, der Pflege und weiterer Träger an die Länder zu richten sind. »Das haben wir getan und mussten erfahren, dass wir nicht systemrelevant sind.« Denn auch das Hessische Ministerium für Soziales und Integration verweist darauf, dass neben den Krankenhäusern, dem Rettungsdienst und den Gesundheitsämtern, die stationären Einrichtungen der Altenhilfe und der Behindertenhilfe, die ambulanten Angebote für pflegebedürftige und behinderte Menschen sowie der Jugend- und Drogenhilfe und weiterer Bedarfsträger im engen Fokus stehen.

»Es wurde uns mitgeteilt, dass die Verteilung über einen Schlüssel erfolgt. Individuelle Bestellungen könne man nicht beachten. Leider sind wir in diesem Verteilerschlüssel nicht enthalten.«

Ein Problem, mit dem Philipp Amelang und seine Frau Estera Heine, zeitgleich auch Geschäftsführerin des Fahrdienstes, zu kämpfen haben. »Wir werden vom Gesetzgeber irgendwo zwischen Rettungsdienst und Taxiunternehmen eingeteilt«, bedauert er.

Die geringen Voraussetzungen, um im Bereich des Krankentransportes an den Start zu gehen und die wenig bis gar nicht vorhandenen Kontrollen, würden die Tür öffnen für dubiose Anbieter. »Es gibt kaum Auflagen für den sogenannten unqualifizierten Krankentransport. Außerdem wird so gut wie gar nicht kontrolliert.« Da reiche es einen Personenbeförderungsschein zu haben, und sich einigen Tests zu unterziehen, und man dürfe Kranke befördern. »Das ist unverantwortlich«, sagt Amelang. Der 35-Jährige ist enttäuscht. »Es gibt auch seriöse Unternehmen in dieser Branche, und denen wird das Leben schwer gemacht.« Denn nicht alle Maßnahmen, die bei HMD ergriffen werden, sind Pflicht.

»Wir setzen auf Versorgungsqualität und Sicherheit. Gerade deshalb sind wir auf die Materialien angewiesen. Wir desinfizieren vor und nach jeder Fahrt, kaufen Material wie Einmalkissen oder -decken. Das sind alles zusätzliche Kosten, die wir tragen, obwohl wir dazu nicht verpflichtet sind.«

Aktuell kommt das kleine Team des Fahrdienstes »gerade noch hin«, wie Amelang betont. Das liege an der guten Vernetzung. »Wir sind seit 2007 tätig, haben mit vielen Ärzten ein sehr gutes Verhältnis. Sie unterstützen uns.« Parallel sind Amelang und seine Frau weiter auf der Suche.

Karbener bekommt keine Schutzausrüstung: Bund und Länder sind gefordert

»Wir schauen im Internet und auch in den Baumärkten, doch meistens sind alle Produkte vergriffen«, bedauert er. »Uns bleibt ja nichts anderes übrig. Die Fahrten wollen wir auf keinen Fall einstellen, denn sie sind ja auch für unsere Patienten sehr wichtig.«

Gerade für die würde sich der 35-Jährige wünschen, dass sich einiges ändert. »Es wird momentan sehr viel von der sogenannten Risikogruppe gesprochen. Wir fahren Personen, die mehrere teils schwere Vorerkrankungen haben. Natürlich müssen wir dafür sorgen, dass gerade sie sicher sind in diesen Zeiten.« Amelang betont: »Es muss auf jeden Fall ein Umdenken geben.«

Außerdem müsse sich die Politik mit den Begrifflichkeiten auseinandersetzen. »Wir übernehmen als nicht-qualifizierter Krankentransport schon längst Aufgaben, die gar nicht mehr dem Aufgabenfeld entsprechen.« Denn normalerweise wird vom Patienten der selbstständige Ein- und Ausstieg vorausgesetzt. »Das ist in 90 Prozent der Fahrten nicht der Fall. Wir haben deshalb auch einigen Patienten gesagt, dass wir sie nicht mehr transportieren können.«

Sicher ist, dass er gemeinsam mit seiner Frau weiter auf die Probleme in diesem wichtigen Feld aufmerksam machen möchte. »Es ist ähnlich wie im Pflegebereich. Wir haben lange genug zugesehen.«

Karbener bekommt keine Schutzausrüstung: Fortbildungen absolviert

Philipp Amelang und seine Frau Estera Heine würden sich wünschen, dass mehr Regeln für Krankentransporte gelten - insbesondere was die Qualifikation der Fahrer angeht. Doch statt nur zu fordern, haben sich beide intensiv mit dem Bereich auseinandergesetzt. Sie ist Notfallsanitäterin, er Rettungshelfer, Ausbilder für Erste-Hilfe und angehender Fachwirt im Sozial- und Gesundheitswesen. »Wir finden es wichtig, dass auch wir im Notfall für unsere Patienten da sein können«, sagt Amelang.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare