Eine Wohngruppe, ein Ensemble: Die Jugendlichen auf der Terrasse der "Villa Centaurus". In der Mitte Teamleiterin Dr. Carolin Eckert. Gemeinsam haben sie einen Film gegen Rassismus gedreht und ihn im Internet veröffentlicht. 	FOTO: JÜRGEN SCHENK
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Eine Wohngruppe, ein Ensemble: Die Jugendlichen auf der Terrasse der »Villa Centaurus«. In der Mitte Teamleiterin Dr. Carolin Eckert. Gemeinsam haben sie einen Film gegen Rassismus gedreht und ihn im Internet veröffentlicht. FOTO: JÜRGEN SCHENK

Nicht die Hautfarbe zählt

  • vonJürgen Schenk
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Vielleicht wird das Thema Rassismus die Menschheit nie mehr loslassen. Einer Pandemie gleich hat das Problem längst von allen Ländern der Erde Besitz ergriffen. Viele haben jetzt eine Geschichte zu erzählen - in sozialen Netzwerken und vor Fernsehkameras. Auch die Jugendlichen einer Bbw-Wohngruppe in Karben.

Die jungen Leute aus der Karbener »Villa Centaurus« an der Robert-Bosch-Straße zeigen klare Kante. Zuerst waren es die Bilder vom Amoklauf in Hanau, dann der Tod des dunkelhäutigen George Floyd in Minneapolis. Was sie sahen, ging nicht an den acht Jugendlichen der Bbw-Wohngruppe vorüber. Wie sollte es auch? Abends, beim gemeinsamen Nachrichtenschauen, wurde über die Hintergründe rassistischer Gewalt diskutiert. Es blieb nicht allein beim Diskutieren.

Zusammen mit Teamleiterin Dr. Carolin Eckert kam die Idee auf, das Thema anzugehen und sich klar zu positionieren. Übers Internet gingen sie kürzlich in die Öffentlichkeit. Die Corona-Lethargie kam dem Projekt in diesem Fall sehr zu pass. Lernen und Ausbildung kochten auf Sparflamme oder fanden gar nicht statt - die beste Zeit also, um einen Film zu drehen, dachte man sich.

Projektwoche als Vorbereitung

Der filmischen Umsetzung ging eine intensive Projektwoche voraus. Mit ihrer Betreuerin schauten die jungen Leute Dokumentationen über Betroffene und lernten den historischen Hintergrund von Sklaverei und Rassismus kennen. Gewissermaßen als »geistige Paten« suchten sie sich jeweils das Foto eines protestierenden Menschen aus. Die Gruppe nahm an einer Mahnwache teil. Darüber hinaus entstand bei einigen der Wunsch, selbst einmal auf die Straße zu gehen, um zu demonstrieren. »Den Film wollten wir machen, weil wir etwas mitzuteilen haben«, erklärt Fabienne (17) stellvertretend für die ganze Gruppe. »Es ist wichtig, dass die Jugendlichen zu frei denkenden Menschen heranwachsen«, weiß Teamleiterin Eckert. »Als wir uns dem Thema Rassismus angenähert haben, ging es für jeden Einzelnen zunächst um die Suche nach der besten Perspektive. In dieser Hinsicht gibt es ja verschiedene Erfahrungen.«

Leon (15) erzählt von Diffamierungen gegen einen Dunkelhäutigen, die er im Zug selbst miterlebt hat. Von allen Seiten sei der Mann beleidigt worden, wahrscheinlich wegen seines Aussehens und seiner Musik. Der verständigte Zugführer habe durch Einreden eine weitere Eskalation verhindern können.

»Wenn man in so eine Situation kommt, ist es am besten aktiv zu werden. In der Öffentlichkeit sollte man sich Hilfe holen, also die Polizei rufen«, sagt Leon. Die anderen sind der gleichen Meinung. Natürlich räumen sie auch ein, dass eine derartige Aktivität für sie unter Umständen gefährlich werden könnte.

Gewinn fürs Leben in der Wohngruppe

Mit dem Film haben die Jugendlichen auf jeden Fall ein großes Stück Mut bewiesen. Feinfühlig und doch offensiv senden sie ihre Botschaft in die Welt: Der Mensch zählt, nicht seine Hautfarbe. Ein Teil des Films wurde unter einer Brücke der Nordumgehung aufgenommen. Dort stellten sie eine Protestkundgebung nach. Während des Drehs ging eine Gruppe älterer Menschen an ihnen vorüber, und es kam zu einem munteren Wortwechsel.

Die Passanten freuten sich über die Aktion der Jugendlichen und bedachten sie mit viel Lob. Nicht ohne Stolz wird das vom Set berichtet. Auch das Online-Feedback klingt durchweg positiv. Darunter ist zum Beispiel auch der Kommentar einer Bundesliga-Fußballspielerin.

Weiteres Lob kommt aus den eigenen Reihen: So zeigt sich die Teamleiterin nicht nur von dem fertigen Film begeistert, sondern vor allem von der Gruppendynamik während der gesamten Projektwoche. Das scheint ein logischer Prozess zu sein. Die Teenager leben, kochen, essen und treiben Sport in einer Gemeinschaft, bezeichnen sich als »Großfamilie« und »Geschwister«. Rückhalt und Geborgenheit schweißen die Wohngruppe zusammen. Konflikte, die ab und zu auftauchen, werden durch Reden geklärt.

»Natürlich kann das Zusammenleben auch mal anstrengend sein«, geben die Jugendlichen zu. Ihren Film kann man sich auf Facebook ansehen, unter www.facebook.com/ watch/?v=257905455502841.

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