Stephanie und Alexander Fry von der Stadtkapelle Bad Vilbel hoffen, bald wieder richtig loslegen zu können.
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Stephanie und Alexander Fry von der Stadtkapelle Bad Vilbel hoffen, bald wieder richtig loslegen zu können.

Corona-Krise

„Überrascht und erbost“: Nerven bei Bad Vilbeler und Karbener Musikern liegen blank

  • vonChristine Fauerbach
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Keine Proben, keine Konzerte, keine Einnahmen. Der Lockdown trifft Chöre und Musikvereine hart. Verärgert sind sie zudem über eine Formulierung in einer Verordnung der Landesregierung.

„Wir lassen uns das Singen nicht verbieten. Das Singen nicht und auch die Fröhlichkeit“, lautet der Refrain des gleichnamigen Hits von Tina York aus dem Jahr 1974. Was damals unvorstellbar war, ist 47 Jahre später Realität. Von den strikten Kontaktbeschränkungen seit Ausbruch der Corona-Pandemie ist der Kulturbereich und damit auch die Chor- und Orchester-Szene in Hessen betroffen.

In einem Schreiben vom 10. März an Ministerpräsident Volker Bouffier und Kai Klose, Staatsminister für Soziales und Integration, machten die Mitglieder hessischer Musikverbände ihrem Ärger Luft über eine Formulierung in der Verordnung vom 5. März. Dort stand im Absatz Chor- und Orchesterproben: »Es wird davon ausgegangen, dass ein besonderes öffentliches Interesse für Chorproben nicht besteht; Chor- und Orchesterproben, die nicht beruflich bedingt sind und für die deshalb kein öffentliches Interesse besteht, dürfen daher nicht stattfinden. Umfasst sind alle Zusammenkünfte zum Musizieren.« In einer neueren Ausführung der Verordnung fehlt dieser Absatz zwar, aber der Ärger bei mehr als einer Million Sängern und Musikern über die implizierte Geringschätzung ist nach wie vor hoch.

Wetterau: Vorsitzende von Pro Musica Karben ist »überrascht und erbost«

Zu denen, die die konzertierte Aktion der Musikverbände und des Hessischen Sängerbundes begrüßen, gehört Katrin Buol-Wischenau. Die 1. Vorsitzende von Pro Musica Karben, sagt: »Ja, auch wir waren ziemlich überrascht und erbost. Unser Chorverband Main Kinzig informierte uns über die Aktion, an der wir teilgenommen haben. Einige unserer Mitglieder haben den Brief an Herrn Bouffier geschickt.« Sie wünscht sich, dass durch die Aktion das Bewusstsein der Politiker für den Wert der Laienchöre und -orchester für die Gesellschaft geschärft werde. Und sie hofft, dass es bei einer künftigen Lockerung der Bestimmungen, die Proben und Konzerte betreffen, es eindeutige Formulierungen gibt, was erlaubt und nicht erlaubt ist.

»Pro Musica Karben probt im Bürgerzentrum. Dort können wir Abstand halten und die Fenster weit öffnen. Auch alle anderen Karbener Chöre und die Stadtkapelle haben große Räume zur Verfügung. Natürlich ist und bleibt das Singen erstmal passé. Wir planen für dieses Jahr ein Konzert am ersten Oktoberwochenende und am 1. Adventswochenende. Beim ersten Konzert haben wir aufgrund der Planungsunsicherheit auf die Einladung eines Gastchores aus dem Ausland verzichtet. Das zweite Konzert wird dieses Mal kein Benefizkonzert sein, da wir die Einnahmen dringend selbst benötigen.«

Alexander Fry, 1. Vorsitzender und Musiker der Stadtkapelle Bad Vilbel, sagt: »Leider haben Musiker und Kulturschaffende in der Politik nicht so eine gute Lobby wie der Sportler. Unsere 300 Mitglieder, von denen 100 aktiv sind sowie die 50 Jugendlichen, haben sich zahlreich an der Aktion beteiligt. Wir können die Maßnahmen zwar nachvollziehen, verstehen aber die Ungleichbehandlung gegenüber Sportlern nicht.«

Anke Toemmler, Vorsitzende der Stadtkapelle Karben, war geschockt über Formulierungen in der Verordnung.

Wetterauer Chöre und Musikvereine: Gemeinsames Online-Musizieren

Einmal in der Woche finden für alle Gruppen Online-Treffen, Vorträge zu unterschiedlichen Themen und Theoriestunden statt. Genutzt werde von den Musikern auch zum gemeinsamen Online-Musizieren das Tool Jamulus. »Es überträgt ohne Zeitverzögerung. Dadurch können bis zu 20 Musiker mit entsprechender Ausstattung - schnelle Internetverbindung, gute Mikrofone, und so weiter - gemeinsam Musik machen.«

Die Stadtkapelle Bad Vilbel tritt das erste Mal wieder vor Publikum bei den Summer-Emotions am 12. Juli vor dem Sport- und Kulturforum in Dortelweil auf. Zugleich sind ein Jugendwerbetag im Freien und die Gründung einer neuen Bläser-AG an der John-F.-Kennedy-Schule nach den Sommerfreien geplant. »Wir stehen in den Startlöchern, die Konzepte stehen. Wir können uns auch gut Proben im Freien vorstellen«, sagt Fry.

Musiker in der Wetterau: Wunsch nach Proben im Freien

Proben im Freien stehen sowie es die Witterung erlaubt auch ganz oben auf der Wunschliste der Stadtkapelle Karben wie die 1. Vorsitzende Anke Toemmler und Dirigent Claus Carsten Behrendt berichten. »Wir waren nach der Lektüre des Briefes geschockt und haben uns mit unseren Mitgliedern an der Aktion beteiligt.«

Der Verein investiert seine Energie in Online-Stammtische und hält die Proben mit zahlreichen Onlineangeboten am Laufen. »Wir hoffen, dass wir wieder im Sommer Open-Air spielen und auch proben können«, wünscht sich der Dirigent.

»Die Musiker ohne Motivationsveranstaltungen bei der Stange zu halten ist schwer«, sagt Behrendt. »Dankbar sind wir unseren 438 Mitgliedern dafür, dass niemand aus dem Verein ausgetreten ist. So konnten wir mit den Jahresbeiträgen und eisernem Sparen unsere finanzielle Situation stabilisieren«, sagt Anke Toemmler.

Die dritte Corona-Welle mit zurzeit hohen Infektionszahlen macht trotz Impfen und Testen eine Vorhersage, ab wann Chöre und Orchester wieder gemeinsam proben und auftreten können, nicht möglich. Alle hoffen, dass zumindest Open-Air-Konzerte und Proben im Freien, sobald es das Wetter erlaubt, möglich sind. cf

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